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Neustart im Dresdner Barockviertel

Ladenbetreiber und Hoteliers hoffen auf rasche Rückkehr ihrer Kunden, während Gastronomen noch Tische rücken und Theatermacher verunsichert sind.

Unter dem Motto "Wir sind wieder da" haben sich am Freitag Händler, Gastronomen, Hoteliers, Stylisten, Kosmetiker, Designer, Kunsthandwerker und Galeristen auf der Königstraße getroffen.
Unter dem Motto "Wir sind wieder da" haben sich am Freitag Händler, Gastronomen, Hoteliers, Stylisten, Kosmetiker, Designer, Kunsthandwerker und Galeristen auf der Königstraße getroffen. © Sven Ellger

Dresden. Was, wenn mal die Welt Kopf steht? Wenn ein Krieg ausbricht, nichts mehr ist, wie es war? Hin und wieder sind Dorothea Michalk diese Gedanken im Kopf herumgegangen. "Ich verkaufe Luxusartikel, in der Not braucht das, was ich anbiete, kein Mensch." Aber wie sollte es dann weitergehen, hat sich die Designerin gefragt - und kam zu dem Schluss: "Ich beherrsche ein Handwerk. Damit wird sich immer etwas anfangen lassen."

Am 15. März schloss sie ihr Atelier im Dresdner Barockviertel auf unbestimmte Zeit. Von Hundert auf Null fuhr ihr gewohntes Geschäft herunter, wie das so vieler Unternehmer. Doch Dorothea Michalk hat die Fahrtrichtung geändert, kaum dass das Wort Shutdown überhaupt ausgesprochen war. "Von Null auf Hundert haben wir auf die Produktion von Stoffmasken umgestellt", erzählt sie. 

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Kein Kleid, keine Bluse, kein Jäckchen war jetzt gefragt. Sie und ihre beiden Schneiderinnen nähten von früh bis spät nichts anderes mehr als die raren und auf dem Weltmarkt völlig überteuerten Masken, auf die Krankenschwestern, Altenpfleger, Mitarbeiter in Supermärkten händeringend warteten. "Ich dachte, ich müsse meine Mitarbeiterinnen verkürzt beschäftigen, aber dazu ist es gar nicht gekommen."

Jetzt, acht Wochen später, verkauft Dorothea Michalk zwar noch immer solche Stoffteilchen, doch den Fokus richtet sie inzwischen wieder auf Damenbekleidung. "Ballkleider werde ich dieses Jahr wohl nicht mehr anzubieten brauchen, dafür aber stelle ich mich auf Sommer- und Strandkleider für Urlaub und Party im Garten ein."  

Die Designerin Dorothea Michalk verkauft am Fenster ihres Ateliers Stoffmasken aus der eigenen Schneiderwerkstatt.
Die Designerin Dorothea Michalk verkauft am Fenster ihres Ateliers Stoffmasken aus der eigenen Schneiderwerkstatt. © dpa-Zentralbild

Nicht jeder hatte die Chance, in der Krise auch die Chance zu finden. Etliche Gastronomen versuchten es mit Lieferdiensten und Abholangeboten. Doch ein geschlossenes Hotel kann schlecht Übernachtungen außer Haus anbieten. Den Stillstand trotzdem genutzt hat zum Beispiel Ralf J. Kutzner. "Wir haben in der Zwischenzeit Reparaturen ausgeführt", sagt der Direktor des Romantik Hotels Bülow Residenz an der Königstraße. Mit dem Tag der Schließung waren auch alle geplanten Veranstaltungen und sämtliche Reservierungen hinfällig. Seit bekannt ist, dass Hotels wieder öffnen dürfen, klingelt auch bei ihm wieder das Telefon. "Heute Abend kommen schon die ersten zehn Gäste an", sagt der Hotelchef. Zu Himmelfahrt sei die Bülow Residenz bereits zur Hälfte ausgebucht. Vor allem Stammgäste buchen umgehend ihre Zimmer.

Aus The Red Rooster in der Rähnitzgasse dringt Baulärm. Das Pub wird grundlegend saniert, inklusive komplett neuer Küche. Ein richtiger Betrieb ist deshalb noch nicht möglich, doch am Freitag und am Sonnabend wird es dort eine Art Tag der offenen Tür geben, mit Ausschank und fröhlichem Wiedersehen. Zwei Wochen sei der Bau in Verzug, weil Corona etliche Lieferungen verschleppt habe, erzählt Franzz'l Trommer. Doch der Inhaber ist guter Dinge: "In 14 Tagen wollen wir eine große Eröffnungsparty feiern."

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Ein paar Meter weit verflüchtigt sich auch die gespenstische Ruhe aus Holger Johns Galerie. Der Künstler musste auf die Feier und Ausstellungseröffnung anlässlich seines 60. Geburtstages im April verzichten. Das übliche Gedränge zur Vernissage hätte sämtliche Instanzen auf den Plan gerufen. "Heute wäre eigentlich die lange Nacht der Galerien gewesen", erinnert er. Sein eigenes nächstes Highlight und das der Kunstszene steht schon fest: "Am 5. Juni eröffne ich meine Ausstellung mit dem Titel C-Maskerade." 

Sie alle und viele weitere Unternehmer, die im Viertel ansässig sind, kamen am Freitag auf der Königstraße zusammen, um eine Botschaft unter dem Motto "Wir sind wieder da!" zu senden. Holger John korrigiert: "Wir waren nie weg!" Fakt ist: Händler, Gastronomen, Hoteliers, Stylisten, Kosmetiker, Designer, Kunsthandwerker, Galeristen nutzen die Aufbruchstimmung und wollen neben all den großen Einkaufszentren, die anlässlich der Lockerungen im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, nicht übersehen werden.

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Sich Gehör verschaffen, das wollen auch die Privattheater der Stadt. Heike Jack, die den Dresdner Comedy und Theater Club im Kügelgenhaus bespielt, ist ebenfalls zum Königstraßentreffen gekommen. Während dem Vorsitzenden des Dresdner Barockviertel Königstraße e.V., Christoph Möllers, nicht bekannt ist, dass zwischen Albert- und Palaisplatz Wirtschaften oder Läden weiterhin geschlossen bleiben, sucht die Theatermacherin noch nach dem Neuanfang für ihre kleine Bühne.

"Wir haben am Dienstag erfahren, dass wir am Freitag wieder öffnen dürfen. So geht es allen Privattheatern", sagt sie. Seitdem arbeite sie mit Hochdruck am geforderten Hygienekonzept. "Statt 99 Plätze kann ich dann vielleicht 50 besetzen", sagt sie. Ganz genau wird sie das erst wissen, wenn ihr Plan behördlich abgenickt ist. Und auf die Hälfte der Auslastung kommt Heike Jack auch nur dann, wenn sie nicht zwischen allen Stühlen anderthalb Meter Sicherheitsabstand einhalten muss, sondern Paare direkt nebeneinander setzen darf. Sicher ist sie sich nicht, denn aus den Bestimmungen des Freistaates wird sie nicht schlau. 

Ansonsten rechne sich die Wiederaufnahme des Theaterbetriebes nicht. Darin sind sich die 13 Dresdner Privattheater einig, die sich am Freitag mit einem Schreiben gemeinsam an die Presse gewendet haben. "Wir würden gerne spielen. Aber wir können nicht", heißt es da. Wirtschaftlich mache es absolut keinen Sinn, nur für ein Achtel oder ein Viertel des nötigen Publikums Stücke aufzuführen. "Wir sind im Gespräch mit der Landeshauptstadt, um nach Lösungen zu suchen."

Insgesamt 13 Privattheater der Stadt wenden sich an die Öffentlichkeit: Mit den aktuellen Hygienevorgaben können sie im doppelten Sinn nicht leben.
Insgesamt 13 Privattheater der Stadt wenden sich an die Öffentlichkeit: Mit den aktuellen Hygienevorgaben können sie im doppelten Sinn nicht leben. ©  PR

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