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Endlich wieder ein Abenteuer

Auf "Pfifferlingsfahrt" nach Löbau: Nach langer Corona-Pause durften erstmals wieder Senioren ab Dresden mit dem Bus verreisen. Mit kleinen Einschränkungen.

Wer bei der Tagesreise nach Löbau dabei sein will, braucht Maske und desinfizierte Hände.
Wer bei der Tagesreise nach Löbau dabei sein will, braucht Maske und desinfizierte Hände. © Christian Juppe

Dresden/Löbau. Schwer zu sagen, ob die Münder hinter den Masken lachen. Aber es steht zu vermuten, dass sich all die Senioren, die da hinter dem Dresdner Hauptbahnhof warten, auf die kommenden Stunden freuen. 

Viele von ihnen sind Stammgäste von Nickel-Reisen, einem kleinen Dresdner Reiseveranstalter, der sich auf Touren für Alleinreisende spezialisiert hat. Wie alle Touristik-Dienstleister, hatte auch Enver Nickel zuletzt harte Monate. Drei mehrtägige Reisen und 22 Tagesfahrten musste er wegen der Corona-Krise absagen.

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Geld sicher und gut anlegen? Das ist in Zeiten der Nullzinspolitik nicht einfach. Deshalb sollte man sich gerade jetzt gut beraten lassen.

Langweilig ist ihm trotzdem nicht geworden. "Es gab eine Menge zu tun mit Rückabwicklungen und Verlegungen", sagt der 47-Jährige. "Jetzt bin ich glücklich und dankbar, dass es endlich wieder los geht." Die Reisen selbst seien für ihn schon immer der Bonus für die harte Arbeit gewesen. Vor allem kommt aber erst durch sie das nötige Geld in die Kasse.

Lang erhoffter Neustart: Enver Nickel ist glücklich, dass sein Geschäft wieder anrollt.
Lang erhoffter Neustart: Enver Nickel ist glücklich, dass sein Geschäft wieder anrollt. © Christian Juppe

Zum Neustart nach Corona geht es an diesem Montagvormittag mit dem Bus nach Löbau. Auf dem Programm stehen Mittagessen, Stadtbesichtigung, der Besuch des Gusseisernen Turms und ein Einblick in das Haus Schminke, ein weltbekanntes Architektur-Denkmal. "Dort schließe ich selbst eine Bildungslücke", gesteht Enver Nickel. Eine Mitreisende habe ihn auf die Idee gebracht, das Haus zum Höhepunkt einer Reise zu machen.

Die "Pfifferlingsfahrt" ist seit Jahren Tradition bei Nickel. In diesem Jahr haben 55 Gäste die Fahrt gebucht - und stehen nun auch pünktlich in Dresden bereit. Damit ist der Bus beinahe ausgebucht. Fast alle sind Frauen. Trotzdem fühlt sich Fritz Hanke als "Hahn im Korb" nicht unwohl. "Ich kenne ja einige von der Skatgruppe im Betreuten Wohnen", sagt der 86-Jährige. Seine Frau starb schon vor 18 Jahren. Zu Hause versauern will er aber deswegen noch lange nicht. Und er mag Pfifferlinge.

Das Hygienekonzept verlangt, dass die Fahrt diesmal ein wenig anders verläuft als gewohnt. Der Mund- und Nasenschutz muss während der gesamten Fahrt getragen werden. Nur eine Dame hat ihn vergessen und versucht sich zunächst mit einem Halstuch zu helfen. Enver Nickel hilft ihr aber gern aus.

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Einzeln ruft er nun die Namen auf seiner Liste auf und lässt sie in der Reihenfolge der Buchung in den Bus steigen. Auch das verlangt der Corona-Schutz, genauso wie die Desinfektion der Hände bei jedem Einstieg.

Nach der Reise wird Nickel sagen, dass er erstaunt und erfreut gewesen sei, wie selbstverständlich die Gäste mit den Hygiene-Maßnahmen klargekommen seien. Selbst der Mindestabstand habe, mit Ausnahme des Zustiegs in Dresden, fast immer eingehalten werden können.

"Natürlich war das Thema Corona überall allgegenwärtig", sagt er. "Auch in der Gaststätte und im Haus Schminke". Allerdings habe er schnell gespürt, dass die Lust seiner Senioren, endlich wieder ein kleines Abenteuer zu erleben, weitaus größer war, als die Unzufriedenheit über die Einschränkungen.

In Löbau besuchte die Senioren-Gruppe unter anderem das Haus Schminke.
In Löbau besuchte die Senioren-Gruppe unter anderem das Haus Schminke. © Rafael Sampedro

"Gerade ältere, alleinstehende Menschen haben sich in der Corona-Zeit besonders einsam gefühlt", sagt Nickel. "Zeitweise konnten sie ja nicht mal von ihren Kindern und Enkeln besucht werden."

Nun sieht man wieder lachende Augen im Bus. Die Pfifferlinge in der Erntekranzbaude in Oppach kommen direkt aus dem Wald, genauso wie der Hirsch dazu. 

Alle sind mächtig froh, dass es längst nicht so heiß ist, wie angesagt. Frisch gestärkt wartet jede Menge Kultur auf die Reisegruppe: Löbau mit seinen Jugendstil-Villen, der Nikolaikirche, Alt- und Neumarkt ist für die meisten zwar bereits vertraut, aber immer wieder eine Augenweide.

Auch Inge Drechsler ist überwältigt von der Schönheit der Stadt. Seit ihr Mann vor vier Jahren verstorben ist, bucht sie regelmäßig die Single-Reisen. "Ich will ja unter Menschen sein, mich austauschen können", sagt sie. Die lange Zwangspause habe sie sich gut vertreiben können. "Die meiste Zeit habe ich mit meinen Urenkeln in meinem Garten verbracht. Sie sind meine Lieblinge", sagt die 85-Jährige.

So ein Schwätzchen mit anderen kulturinteressierten Senioren hat aber auch etwas für sich. Zufrieden beobachtet Reiseleiter Enver Nickel, wie seine Gäste offensichtlich keinerlei Anlaufphase brauchten, um wieder mitten ins bunte Leben einzutauchen.

Während der Hochphase der Corona-Krise habe er immer wieder Anrufe von Senioren bekommen, die sich nach seinem Wohlergehen erkundigten. "Das hat mich sehr gerührt." Einige Anrufer hätten ihm gar angeboten, er dürfe die bereits gezahlten Kosten für eine abgesagte Reise behalten. "Ich habe mich bedankt, das Angebot aber letztlich nicht angenommen." Stattdessen habe er seinen Wunsch zum Ausdruck gebracht, die Damen und Herren bald wieder als Kunden begrüßen zu dürfen.

"Ich versuche, mich von den Unsicherheiten nicht beeindrucken zu lassen"

Diese eine Angst hatte Enver Nickel nämlich in den vergangenen Wochen besonders im Nacken sitzen. Was ist, wenn die Corona-Einschränkungen gelockert werden, seine Kundschaft aus der Risikogruppe aber vorsichtshalber weiter auf Reisen verzichtet?

Seit diesem Montag ist Nickel ein wenig beruhigter. "Wenn wir uns alle gemeinsam vernünftig verhalten, dann können unsere Reisen die Menschen glücklich machen", sagt er. Für dieses Jahr plant er noch rund 20 Tagesfahrten und eine einwöchige Tour in die Toscana. 

Bereits kommende Woche startet eine ausgebuchte Rügen-Reise, die kurzfristig Nickels Mutter Regina begleiten wird. Er selbst schwitzt unterdessen über der Zusammenstellung des Katalogs für 2021. Dann soll es unter anderem nach Mallorca, Norwegen, Zypern und Polen gehen. "Ich versuche, mich von den aktuellen Unsicherheiten nicht beeindrucken zu lassen", sagt er. Über einen weiteren Corona-Lockdown will er momentan gar nicht nachdenken.

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