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Hilft Humor in der Krise?

Kabarettist Thomas Schuch und Musiker Michael Winkler steuern das Dresdner Theater Friedrichstattpalast durch harte Zeiten.

Michael Winkler und Thomas Schuch, die Chefs des Dresdner Friedrichstattpalasts, zahlen sich seit Monaten nur noch sporadisch Gehalt aus. Das Theater soll es nach der Krise noch geben.
Michael Winkler und Thomas Schuch, die Chefs des Dresdner Friedrichstattpalasts, zahlen sich seit Monaten nur noch sporadisch Gehalt aus. Das Theater soll es nach der Krise noch geben. © Jürgen Lösel

Dresden. Manchmal muss man improvisieren: Wenn eine ältere Dame fast 30 Minuten an der Kasse braucht, bis sie sich zu einem Vorstellungsbesuch durchringen kann. Sie sorgte sich um die Ansteckungsgefahr in einem fensterlosen Theatersaal. Letztlich wurde eine Lösung gefunden: Die Dame nahm Platz in der hintersten Ecke des Zuschauerraums, fünf Meter von allen anderen entfernt.

Improvisieren, das können sie: Thomas Schuch und Michael Winkler, die Chefs des Dresdner Friedrichstattpalasts. Das kleine Privattheater geht durch eine harte Zeit. Auch vor Corona sahen die Zahlen schon nicht rosig aus, denn der Markt ist gerade im Zentrum hart umkämpft, die öffentliche Unterstützung gering. Das Veranstaltungsverbot ab März haute heftig rein. Dann wurde auch noch während der Zeit des Shutdowns ins Theater eingebrochen. Und als es gerade wieder losgehen sollte, fiel die erste Premiere wegen Krankheit aus. Kann man als Theatermacher noch mehr Pech auf einmal haben?

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Aber Thomas Schuch und Michael Winkler, die beiden Chefs des Theaters, lassen sich ihren Humor nicht nehmen: „Die Grundlage eines jeden Witzes ist immer eine Not“, sagt Thomas Schuch, Geschäftsführer des Theaters. Darum schreibt er Bühnenprogramme, lädt Gäste ein, feilt am Hygienekonzept. Und findet Sitzplätze für sorgenvolle Gäste.

Andere Privattheater machen unter den derzeitigen Auflagen gar nicht erst auf. Künstlerhonorare, normale Personalkosten, Technik: All das haut rein, die Kosten werden bei um die 20 Prozent Auslastung, die mit Abstandsregeln noch möglich sind, oft nicht ausreichend erwirtschaftet. Doch Thomas Schuch und Michael Winkler sagen: „Es geht darum, das Geschäft wieder ins Laufen zu kriegen. Punkt.“

Sich selbst zahlen die Chefs schon seit Monaten nur noch sporadisch Gehalt aus. Auch andere Mitarbeiter verzichten auf Honorare. Aber allein um die 3.000 Euro kostet die Miete für die Räumlichkeiten am Wettiner Platz jeden Monat. Dazu kommen Personalkosten, die nicht einfach ausgesetzt werden können. Schuch und Winkler bekamen als Hilfen 15.000 Euro vom Bund und 1.000 Euro von der Stadt Dresden. Einen Kredit wollen sie um jeden Preis vermeiden, weil der auch wieder in finanzielle Zwänge versetzt. Also müssen die Eintrittsgelder reinkommen, irgendwie.

Im Friedrichstattpalast sitzen die Zuschauerinnen und Zuschauer nun gemütlich an kleinen Tischchen, in gediegenem Abstand voneinander. Auch im frisch begrünten Innenhof wird gespielt. Zu sehen gibt es musikalisches Kabarett, eher leichte Kost. „Die Leute wollen von Corona nichts mehr hören“, sagt Thomas Schuch, weiß aber, dass es ganz ohne auch nicht geht. Also bürsten sie das Thema irgendwie „drüber“, wie sie sagen, sie verrappen das Hygienekonzept und singen „Corona“ auf den Refrain des Schlagers „Ramona“. Hinterher seien die Leute im wahrsten Sinne des Wortes erleichtert, sagt Thomas Schuch.

„Humor ist die Zärtlichkeit der Angst“, zitiert Thomas Schuch den Cartoonisten Mordillo. „Wenn man davon ausgeht, dass Gewalt oftmals eine Folge von Angst ist, dann ist der Satz ganz logisch“, sagt er. „Die Krise macht uns schon über Monate Angst. Wir haben daraus Pointen gemacht. Mit einer ordentlichen Portion Selbstironie gepaart, kann das richtig Spaß machen.“

Im Gespräch sind Thomas Schuch und Michael Winkler nicht immer so lustig drauf. Denn die Lage ist ernst: „Wir leben von heute auf morgen“, sagt Schuch, „und wir müssen mit der Angst fertig werden, dass wir es nicht schaffen.“ Und so spielen und spielen sie, es gibt ein Ersatzprogramm für die ausgefallene Premiere, das passenderweise „Plan B“ heißt. Die Schauspielerin Julia Schmidt ist mit dabei, es ist ein leichter Abend mit bissigen Pointen und viel Musik. Ganz im Sinne der Neuausrichtung des Theaters, das bis vor einem Jahr noch „Breschke und Schuch“ hieß. 

Nachdem der namensgebende Manfred Breschke in den Ruhestand ging, kam der Posaunist Michael Winkler an Bord und mit ihm drehte Thomas Schuch das Haus in eine neue Richtung: Musikalisches Kabarett und intelligente Comedy gibt es nun im Friedrichstattpalast, mehr selbstironisch als stumpf gegen „die da oben“. Das neue Konzept hat Erfolg, sagt Micha Winkler: Im März und April hätten sie eigentlich schwarze Zahlen geschrieben.

Hätte, hätte – nun ist es, wie es ist. Thomas Schuch und Michael Winkler können nur darauf hoffen, dass die Zuschauer fleißig kommen. Und wenn es sein muss, werden sie auch in die letzte Ecke des Zuschauersaals gesetzt. Aber nur, wenn es muss.

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„Plan B – Ersatzprogramm“: 7.7., 19.30 Uhr; „Gartengeflüster – Text miez Musik“: 8.7., 20 Uhr; „Power sucht Frau“: 9.-11.7., je 19.30 Uhr. Karten: 0351 4904009

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