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Corona: Schüleraustausch ohne Schule

Zwei Mädchen aus Kolumbien sind seit Februar in Dresden, um Deutschland kennenzulernen. Wie Corona dazwischen kam und wie schwierig die Heimreise wird.

Maria Paula (l.) und Andrea Isabella sind seit Februar als Gastschüler in Dresden. Ihre Schulen haben sie kaum von innen gesehen.
Maria Paula (l.) und Andrea Isabella sind seit Februar als Gastschüler in Dresden. Ihre Schulen haben sie kaum von innen gesehen. © Marion Doering

Dresden. Drei Wochen und zwei Tage - das ist die traurige Bilanz ihrer Dresdner Schulzeit. Zumindest jener Zeit, als an deutschen Schulen alles noch normal lief. Eigentlich wollten Maria Paula Cajiao Angel und Andrea Isabella Álvarez Condono hier in Dresden den normalen deutschen Alltag kennenlernen. Im Februar sind sie für einen Schüleraustausch aus Kolumbien nach Deutschland gekommen, haben Berlin besucht, sind Schlittschuh gefahren, haben sich auf ihre Gastfamilien in Dresden gefreut. 

Die nehmen die Mädchen herzlich in Empfang, ebenso wie die neuen Mitschüler. Doch dann kommt das Coronavirus auch nach Deutschland, ab Mitte März sind die Schulen in Sachsen geschlossen, Maria und Andrea müssen zu Hause lernen. Ihr Schüleraustausch hat mit Schule nicht viel zu tun.

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In ihren deutschen Gastfamilien fühlen sie sich wohl, beide haben jeweils zwei "Schwestern", wohnen in Pennrich und in Pappritz am Dresdner Stadtrand, besuchen die neunten Klassen im Gymnasium Bühlau und im Marie-Curie-Gymnasium. Als im März erste Nachrichten über das Coronavirus und das Virus selbst sich verbreiten, nimmt Andrea das noch nicht so ernst. "Ich hätte nie gedacht, dass das weltweit zum Problem wird", sagt die 14-Jährige. 

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Doch das wird es, auch in ihrer südamerikanischen Heimat Kolumbien. Dort leben die Mädchen in Bogotá, der Hauptstadt mit mehr als sieben Millionen Einwohnern. Mit ihren Eltern und Freunden telefonieren sie regelmäßig, bekommen so mit, dass am 24. März eine Ausgangssperre im ganzen Land verhängt wird, es gelten viel strengere Regeln als in Deutschland. 

Ein Freund berichtet Andrea, dass wirklich niemand raus durfte, nur ein Familienmitglied zum Einkaufen, mit einem Ausweis, dessen Nummer kontrolliert wurde. Inzwischen ist es den Kolumbianern wieder erlaubt, zwei Stunden täglich ihre Wohnungen zu verlassen. 

Weil Corona in Kolumbien viel größere Einschränkungen für die Menschen bedeutet, nehmen Andrea und Maria die Regeln in Dresden gelassen. "Am Anfang war das schon komisch. Aber man gewöhnt sich irgendwie daran, eine Maske zu tragen und ständig die Hände zu waschen." Dennoch: Ihre Zeit in Deutschland haben sich die beiden natürlich anders vorgestellt. "Unsere Familien wollten mit uns Ausflüge machen, nach Prag zum Beispiel. Schade, dass wir so wenig unternehmen konnten", sagt Maria. Letzte Woche stand immerhin ein Ausflug nach Leipzig auf dem Programm. 

Lernen daheim ist große Herausforderung

Nicht nachzuholen ist allerdings die verlorene Schulzeit. Und das Lernen zu Hause ist für die Mädchen nicht so einfach. In Kolumbien haben sie zwar Deutsch in der Schule gelernt, aber die Aufgaben hier in Deutschland sind anspruchsvoll und ziemlich umfangreich. "Ich brauche für eine Chemieaufgabe eben 90 Minuten, die anderen Schüler sind da viel schneller", erzählt Andrea. 

Maria hat viele Matheaufgaben gelöst, in Deutsch hat sie sich mit ihrem Lehrer darauf geeinigt, dass sie eine Art Tagebuch über ihren Alltag hier schreibt. Der war in den letzten Wochen nicht all zu abwechslungsreich: Netflix-Serien schauen, malen, lesen, die Kinder der Nachbarn betreuen. Ähnlich hat auch Andrea ihre Tage verbracht. Nun gehen sie zumindest jede zweite Woche wieder zur Schule.

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Bei diesem Schüleraustausch ist eben alles anders. Das betrifft vor allem auch die Rückreise, die für Ende Juni geplant war, wie Maria Michel-Suarez und Franz-Josef Michel berichten. Das Dresdner Paar organisiert mit seinem Verein Amigos de la Cultura seit 2017 den Austauch von deutschen, bolivianischen und mittlerweile auch kolumbianischen Schülern. 2021 sollen auch chilenische Jungen und Mädchen dazukommen, sagt Franz-Josef Michel. Auch er und seine bolivianische Frau haben sich über einen Schüleraustausch kennengelernt, später ineinander verliebt, den Verein gegründet. 

Die Corona-Krise ist auch für sie eine Herausforderung. Die Schüler der jetzigen Gruppe sind in ganz Deutschland verteilt, wohnen in Gastfamilien in Dresden, Leipzig, Meiningen, Erfurt und München. Eine Familie konnte einen Jungen nicht weiter betreuen, weil sie mit ihren eigenen Kindern und Vollzeitjobs gefordert war. Er lebt nun in einer anderen Gastfamilie. 

Ein weiterer Schüler ist noch im März nach Kolumbien zurückgeflogen, weil er Asthma hat und die Eltern sich um ihn sorgten. Nun geht es darum, wie die anderen Jugendlichen zurück in ihre Heimat kommen. Zwar sind die Lufthansa-Flüge schon gebucht, allerdings ist nicht abzusehen, wann Kolumbien wieder auf dem Flugplan der deutschen Airline stehen wird. 

Corona: Enger Kontakt zur Botschaft

"Wir sind in engem Kontakt mit der kolumbianischen Botschaft", sagt Michel. Das Problem: Alle rund 150 Schüler, die derzeit in Deutschland zum Schüleraustausch sind, sollen gemeinsam mit einer Maschine zurückfliegen. Das muss nun organisiert werden. "Noch ist nicht sicher, wann sie wirklich fliegen werden." 

Deutsche Schüler sind vom Verein Amigos de la Cultura derzeit nicht im Ausland, aber Michel weiß, dass andere Organisationen sich darum gekümmert haben, dass ihre deutschen Schützlinge aus den jeweiligen Ländern ausgeflogen wurden. Ob der nächste Austausch des Dresdner Vereins im September wie geplant stattfinden wird, kann er jetzt noch nicht sagen.

Maria und Andrea freuen sich jedenfalls auf ihre Familien daheim - obwohl sie sich in Dresden sehr wohlfühlen. "Wir wollen den letzten Monat jetzt noch richtig genießen." 

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