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Deshalb bleibt eine junge Dresdnerin lieber in Australien

Cora Braun will nicht zurück, zu kurzfristig kam die Rückholaktion. Dabei ist die Kampfsportlerin schnelle Entscheidungen gewöhnt.

Mädchenpower: Cora Braun (unten rechts) inmitten ihrer vier Mädels, die sie bei einer Familie in der Nähe von Sydney rund um die Uhr betreut.
Mädchenpower: Cora Braun (unten rechts) inmitten ihrer vier Mädels, die sie bei einer Familie in der Nähe von Sydney rund um die Uhr betreut. ©  privat

Dresden. Sie hätte in einem dieser Flieger sitzen können, die die Bundesregierung in einer bislang einzigartigen Rückholaktion in alle Welt geschickt hat. Knapp 50 Millionen Euro hat die Bundesregierung für das Sonderprogramm bereitgestellt, mit dem in den vergangenen Wochen knapp 200.000 Deutsche mit extra gecharterten Sondermaschinen aus 57 Ländern nach Deutschland zurückgebracht wurden. Der normale Flugverkehr ist aufgrund der Corona-Pandemie längst weitestgehend stillgelegt.

Cora Braun aber sitzt weder daheim in Dresden noch im Flieger – sondern weiterhin in Australien. Und das freiwillig. Natürlich hat sie überlegt, und die 18-Jährige hat sich auch auf dem entsprechenden Online-Portal für die Rückkehr in die Heimat registrieren lassen. Doch dann sollte es auf einmal ganz schnell gehen.

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Solche Entscheidungen zu treffen, ist sie durch ihren Sport gewohnt – verbunden mit kluger Taktik, mit Augenmaß und Weitsicht. Braun gilt als großes Teakwondo-Talent, mit der deutschen Junioren-Nationalmannschaft gewann die Athletin des Dresdner Seesportclubs „Hart am Wind“ vor gut einem Jahr sogar WM-Bronze.

Dresdnerin lässt vier Kinder nicht im Stich

Weil ihr bis zum endgültigen Abschied aus Australien gerade mal drei Tage geblieben wären, änderte Braun ihre Pläne – und ist geblieben. Aus Verantwortungsbewusstsein. Ihre Gast-Familie, wo Braun seit August 2019 als Au-Pair arbeitet, habe sie in dieser schwierigen Zeit nicht im Stich lassen wollen. Derzeit betreut sie vier Kinder einer insgesamt sechsköpfigen Familie in der Olympia-Stadt Sydney.

Braun nimmt ihre Aufgabe ernst, sehr ernst. „Sie mit gerade mal drei Tagen Vorlaufzeit allein zu lassen, kann ich meiner Familie jetzt nicht antun“, erklärt sie und sagt dabei tatsächlich: „meine Familie“. Braun fühlt sich verantwortlich. Auch oder gerade weil die Corona-Krise den Alltag in Australien komplett verändert. „Die haben niemanden, der ihnen hilft. Sie müssen von Zuhause aus arbeiten – und das mit vier schulpflichtigen Kindern“, sagt Braun, und sie betont: „Deshalb bleibe ich hier. Ich muss jetzt gucken und hoffen, dass sich in den nächsten zwei Monaten die Lage ein bisschen beruhigt hat.“

Cora Braun ist eines der größten ostdeutschen Taekwondo-Talente. Trainieren kann die 18-Jährige derzeit jedoch kaum. Doch die Betreuung von zeitweise vier Kindern hält die Teenagerin zumindest fit.
Cora Braun ist eines der größten ostdeutschen Taekwondo-Talente. Trainieren kann die 18-Jährige derzeit jedoch kaum. Doch die Betreuung von zeitweise vier Kindern hält die Teenagerin zumindest fit. © Robert Michael

Braun hat also mindestens vier gute Gründe, in Australien zu bleiben – die vier Töchter ihrer Gasteltern Benjamin und Samantha: die zwölfjährige Lily, die ein Jahr jüngeren Zwillinge Taylor und Milla sowie Sienna, sechs Jahre alt. „Wenn diese Rückholaktion in den nächsten anderthalb Monaten gewesen wäre, dann wäre ich sicherlich mitgekommen. Aber das ist mir jetzt ein bisschen zu spontan. 

In Deutschland müsste ich zwei Wochen in Quarantäne, da könnte ich noch weniger machen. Hier habe ich die Familie, kann weiter arbeiten, verdiene ein bisschen Geld“, sagt die junge Kampfsportlerin. Dass sie inmitten der Corona-Krise nicht in ihr vermeintlich sicheres Korsett nach Deutschland zurückkehren will, kann man für naiv halten, für konsequent – oder einfach nur loyal.

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7. April holte der letzte staatlich organisierte Flieger Deutsche aus Australien heim. „Es sind keine weiteren Rückholflüge vorgesehen“, teilt mittlerweile die deutsche Botschaft in Australien auf ihrer Homepage unmissverständlich mit und schlägt den dennoch Dagebliebenen vor: „Bitte nutzen Sie kommerzielle Flugangebote zur Ausreise oder nehmen Sie Kontakt zu Ihrem Reiseveranstalter auf.“

Braun will sogar noch ein Jahr länger bleiben

Für Braun ist das derzeit keine Option. Sie hofft, dass die Zeit ihr in die Karten spielt. „So wollte ich mein Jahr ehrlich gesagt nicht beenden“, sagt die Dresdnerin und verdeutlicht ihre Pläne: „Jetzt hängt alles davon ab, wie die Pandemie weiter verläuft, ob die Grenzen sich wieder öffnen oder nicht. Eigentlich wollte ich für zwei, drei Wochen nach Hause kommen und dann für ein Jahr verlängern, weil es mir hier wirklich gut gefällt.“

In Australien ist die Pandemie noch wenig ausgeprägt, es gibt knapp über 6.000 Infizierte, die Zahl der Toten liegt bislang deutlich unter 100. Die Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens sind dennoch beträchtlich. „Wir dürfen nur mit einer weiteren Person aus dem Haus gehen. Eigentlich ist es erwünscht, dass gar keiner aus dem Haus geht. Nur die Leute, die etwas einkaufen müssen“, erzählt Braun.

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Auch die Schulen sind geschlossen, was den Alltag ihrer Gasteltern komplett auf den Kopf stellt. Mutter Samantha arbeitet für das größte australische Internetunternehmen, ihr Mann Benjamin gehört zum Security-Apparat des Flughafens Sydney.

„Vergangene Woche habe ich vier schulpflichtige Kinder zu Hause unterrichtet. Die Eltern arbeiten auch von Zuhause, denen kann ich nicht dauernd hinterherrennen“, sagt die mehrfache deutsche Juniorenmeisterin, die momentan kaum noch Zeit findet fürs Training. Elf, zwölf Stunden habe sie manchmal pro Tag zu tun. Dass es Spaß macht, ist im Telefongespräch mit ihr deutlich herauszuhören. Auch der Gedanke, das Working&Holiday-Visum zu verlängern, gefällt ihr, zumal auch die Australier in der Corona-Krise sogenannte „kritische Sektoren“ festgelegt haben. Neben Tätigkeiten in den Bereichen Gesundheit, Alten- und Behindertenpflege, Landwirtschaft und Lebensmittelverarbeitung zählt die Kinderbetreuung dazu.

Die Eltern in Dresden unterstützen ihre Tochter

Ihre Familie in Dresden unterstützt die Pläne; die Entscheidung ihrer Tochter, weiter in Australien zu bleiben, sowieso. „Ich habe mit Mama und Papa auch darüber gesprochen. Sie waren zwar überrascht, aber beide positiv. Meine Mama hat gesagt: Da haben sie noch ein Jahr länger Zeit, mich zu besuchen“, erklärt Braun lachend.

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Kontakt nach Dresden hält sie über die sozialen Medien. „Wir vermissen uns alle schon irgendwie. Falls ich es schaffe, in den nächsten Monaten doch nach Deutschland zu kommen, sehen wir uns ja. Dann fällt es auch leichter, noch ein Jahr länger wegzubleiben“, sagt Braun. Und vielleicht spricht dann schon niemand mehr über die größte Rückholaktion in der Geschichte der Bundesrepublik – die eine junge Dresdnerin einfach ausgesessen hat.

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