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Dresdner Patchworkfamilie covert Ärzte

Sie nennen sich Die Bergers, begeistern auf Youtube erste Fans und haben null Verständnis für Langeweile daheim. Ihre Antwort auf den Corona-Song der Ärzte.

Die Bergers: Eine schrecklich nette Familie mit vielen Ideen für reichlich freie Zeit.
Die Bergers: Eine schrecklich nette Familie mit vielen Ideen für reichlich freie Zeit. © Sven Ellger

Dresden. Hannelore will ein Hochbett bauen, Emil Carrerabahn fahren, Luzie hat jede Menge Schulaufgaben, Manfred organisiert seinen Job neu und Erika lernt Griechisch. Kurzum: Die Bergers haben zu tun. Mehr, als sie von heute auf morgen schaffen. Denn da wären noch Spiele zu spielen und eine Klimmzugstange zu montieren. Meditieren, joggen, kochen, putzen... Und natürlich Musik machen.

Das kann die Dresdner Patchworkfamilie besonders gut zu besonderen Anlässen. Wenn in der weit verzweigten Verwandtschaft ein runder Geburtstag gefeiert wird, grüßen sie singend. Auch Weihnachts- und Urlaubsgrüße haben sie schon mit einem eigenen Song gesendet. Nun gab es wieder Grund genug, ein Lied auf Reisen zu schicken.

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Dafür kamen einige Umstände zusammen: Corona verlegte das Leben in die eigenen vier Wände - auch das der Bergers. Nach einigen Tagen Eingewöhnungszeit hatten sich die fünf dazu eine Meinung gebildet, und außerdem steuerten sie auf Ostern zu. Das ist eigentlich ein Termin, an dem sich alle treffen: Eltern, Kinder, Brüder, Schwestern, Omas, Opas und wer sonst noch zur Familienbande gehört. Die ist groß, denn die Bergers allein sind ja schon viele. Zumindest etwas mehr als andere Familien vielleicht.

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In ihrem Fall ist Patchwork kein kompliziertes Geflecht, sondern ein ziemlich gut funktionierendes Lebenskonzept. Erika und Manfred sind Luzies und Emils Eltern, aber kein Liebespaar mehr. Manfred liebt Hannelore, und alle zusammen bewohnen sie eine riesige Wohnung in der Neustadt. "Wir haben uns dafür entschieden, den Kindern ihr Zuhause zu lassen", sagt Erika. So sind ursprüngliche und neue Partnerschaften zu einer Wahlverwandtschaft zusammengewachsen, die alle liebevoll Clan nennen. 

Gemeinsam haben sie sich auch Die Bergers genannt. "Darin finden sich all unsere Namen wieder", sagt Hannelore. Die heißt übrigens genau so wenig Hannelore, wie alle Bergers den Nachnamen Berger in ihren Ausweisen stehen haben und wie Erika Erika und Manfred Manfred heißen. All das sind Erfindungen. "Wir haben uns dafür entschieden, in der Öffentlichkeit und auf Youtube nicht unsere richtigen Namen zu verwenden", erklärt Manfred. Denn wer wisse schon, ob sie und vor allem die Kinder in etlichen Jahren noch genau so toll finden wie jetzt, was sie gerade mit viel Freude machen. Das Internet vergisst bekanntlich nichts.

Bisher aber sind sich alle einig: Das, was sie zusammen tun, macht ihnen Laune und soll auch von möglichst vielen Leuten gesehen und gehört werden. Deshalb haben sie ihren Ostergruß für die Familie, die sie wegen der Kontaktsperre in diesem Jahr nicht sehen können, etwas weiter gefasst. Schließlich wollen Die Bergers nicht nur den eigenen Lieben damit Hallo sagen, sondern eine Botschaft senden: Leute, trotz aller Einschränkungen - uns geht es gut!

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Als Die Ärzte Ende März ihren Song "Ein Lied für jetzt" veröffentlichten, fanden Manfred, Hannelore, Erika, Emil und Luzie ihn eigentlich klasse. Was ihnen aber daran nicht passte, war die erste Zeile jeder Strophe. Da heißt es: Ich sitze zu Hause und langweile mich. Das können die Bergers gar nicht nachvollziehen. "Wir mussten zwar daheim alle erst unseren Rhythmus finden, aber ganz schnell war uns klar, dass wir wirklich gut zu tun und viele Ideen haben", erzählt Hannelore. Für sie und Manfred war der Job von einem Tag auf den nächsten ausgeschaltet. Er musste als Musiker eine Tournee abbrechen, weil Konzerte untersagt wurden. Sie arbeitet hinter den Konzertkulissen und hatte plötzlich auch nichts mehr zu planen und zu organisieren.

Stattdessen stellten die beiden ein Haus-Konzert auf die Beine und übertrugen es digital zu den Fans. Eigentlich hätte der Auftritt in Bayreuth den größten Pub gefüllt. Nun hörten rund 80 Leute dem Stream zu. Auch für seine Schüler, die Manfred in Schlagzeug unterrichtet, musste er sich rasch etwas einfallen lassen. Jetzt gibt er seine Stunden via Skype. "Allein, sich mit den technischen Möglichkeiten zu befassen und alle Schüler über das Angebot zu informieren, hat viel Zeit in Anspruch genommen", erzählt er.

Erika ist Schauspielerin. Sie kann momentan zwar weder proben noch spielen. Aber als Mama unterstützt sie ihre Kinder beim Homeschooling, nutzt die Zeit zum Sprachenlernen, versucht, gelegentlich zu meditieren und hat ansonsten alle Hände mit Haushalt voll. Emil kann gerade nicht zum Fußballtraining gehen. aber der Zwölfjährige treibt viel Sport und hat ein großes Ziel: Wenn er älter ist, will er Fitness-Youtuber werden und andere Menschen motivieren, sich fit zu halten und gesund zu ernähren. Und Luzie konzentriert sich auf die Schule, spielt Bass und träumt davon, nach dem Abitur ins Ausland zu gehen.

Von Langeweile keine Spur. Genau davon erzählen sie in ihrem eigenen "Lied für jetzt", das sie gecovert haben. Anders als bei den Ärzten heißt es bei ihnen jedoch: Ich sitze zuhause und langweile mich nicht!" Womit sich ihre Tage schneller füllen, als ihnen lieb ist, und weshalb sie doch nicht für alle Vorhaben ausreichen, das besingen Die Bergers und haben ein Video dazu produziert, ebenfalls im Ärzte-Stil und doch mit eigener Note. 

Über einen Kommentar zur Veröffentlichung hat Erika jüngst sehr gelacht: "Schöne Fake-Familie, aber trotzdem super!", fand einer, dem der Song gefallen hat. Nur, dass halt Die Bergers kein Casting-Produkt sind. Sondern eine Familie mit Geschichte, wie sie das Leben schreibt.

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