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Dresdner Zauberer erfinden sich neu

Ihr Spezialgebiet ist ihre einmalige Tischtheatershow. Da die Corona-Krise aber vorerst keine Nähe zulässt, musste rasch eine komplett neue Idee her.

Torsten Pahl (l). und Matthieu Anatrella wollen endlich wieder magisch durchstarten.
Torsten Pahl (l). und Matthieu Anatrella wollen endlich wieder magisch durchstarten. © Christian Juppe

Dresden.  Das geht doch gar nicht! Das kann er doch jetzt nicht wirklich getan haben! Wo, verdammt noch mal, ist diese Karte hin? Matthieu Anatrella, Torsten Pahl und André Kursch haben in den vergangenen Jahren in viele staunende Gesichter geschaut. Jeder ihrer Handgriffe sitzt so perfekt, dass die Tricks, auch von allen Seiten aus nächster Nähe betrachtet, nicht zu entlarven sind. Ihre gemeinsame Tischtheatershow ist deutschlandweit einmalig. Oder besser: Sie war es, bis die Corona-Krise kam.

Der Arbeitsplatz der Dresdner Zauberer war noch bis zum Frühjahr das kleine Braumeisterzimmer im ersten Stock des Feldschlößchen-Stammhauses an der Budapester Straße. Einen großen Tisch und ein paar Stühle in zwei Reihen - mehr brauchten die drei nicht, um ihr Publikum zu begeistern. 

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"Für uns lief es richtig gut", erinnert sich Torsten Pahl und zeichnet mit der Hand den Anstieg der Kartenverkäufe in die Luft. "In dieser Saison hätten wir normalerweise über 100 Shows spielen können." Viele Abende seien bereits ausverkauft gewesen, die Termine weit bis ins nächste Jahr geplant.

Dann kam der 16. März. "Bis zu diesem Tag wurden jeden Tag Tickets verkauft - und dann riss es mit einem Mal ab", sagt Pahl, dessen heimisches Büro gleichzeitig als Ticketzentrale dient. Sein Telefon stand auf einmal still. "Dabei hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch keinen einzigen Termin abgesagt." Das potenzielle Publikum ahnte wohl, was kommen würde.

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In den nächsten Tagen überschlugen sich die Ereignisse und Einschränkungen folgten. Schnell waren sich die Zauberer einig, alle März-Termine in den Herbst zu verlegen. "Da dachten wir noch optimistisch, dass wir ab April wieder spielen können", sagt Matthieu Anatrella und zieht die Augenbrauen nach oben. Falsch gedacht.

Als auch die April- und Mai-Termine nicht stattfinden konnten, reifte bei Torsten Pahl und seinen Kollegen die Einsicht, dass hier nichts weniger als ihre Existenzen auf den Spiel stehen. Statt die Shows abzusagen, setzte sich Pahl ans Telefon und rief jeden einzelnen Kartenbesteller persönlich an, um ihm die Situation zu erklären. Rund 600 Telefonate dürften das innerhalb weniger Wochen gewesen sein, während daheim noch ein Erstklässler betreut, beschult und versorgt werden wollte und die Frau voll arbeiten ging. Immerhin zeigten fast alle Gäste Verständnis und akzeptierten die Verlegung der Termine.

Irgendwann jedoch waren alle Herbsttermine vergeben und ein Ende der Krise schien nicht in Sicht. Eine Tischtheatershow auf engstem Raum, bei 1,5 Meter Mindestabstand? Bis auf Weiteres undenkbar. Also entschieden sich Matthieu Anatrella, Torsten Pahl und André Kursch schweren Herzens, ihre geliebten Haut-nah-Shows vorübergehend in die Schublade zu stecken.

Mit ihren Tischtheatershows schufen Matthieu Anatrella, Torsten Pahl und André Kursch in Dresden ein deutschlandweit einmaliges Showevent.
Mit ihren Tischtheatershows schufen Matthieu Anatrella, Torsten Pahl und André Kursch in Dresden ein deutschlandweit einmaliges Showevent. © Steffen Füssel

Anstelle des kleines Braumeisterzimmers bot ihnen das Feldschlößchen-Stammhaus bereits für die Juni-Termine den großen Veranstaltungsraum an, der immerhin 230 Quadratmeter misst. "Unsere Zauberkunst ist eine interaktive Spielform", erklärt Torsten Pahl. "Wie aber erzeugt man diese, wenn die Besucher keine Requisiten überprüfen oder beisteuern dürfen?" Innerhalb von zwei Wochen erarbeiteten die Zauberer ihre komplett neues Programm "Mit Abstand verblüfft!" für einen größeren Saal.

Das neue Thema war die Corona-sichere Show. Zunächst erarbeitete jeder für sich seine Nummern, dann komponierten sie die Einzelteile über das Telefon zusammen. "Wir haben die Sachen selbst untereinander nicht gesehen und konnten sie auch nicht vor Publikum testen", sagt Matthieu Anatrella. In dieser Lage mussten sie einzig und allein auf ihre jahrelange Erfahrung vertrauen.

Anstelle der Tischtheatershow sahen die Gäste der vier Juni-Vorstellungen nun bereits das neue Programm mit großen Abständen und entsprechend großen Tricks. "Das Feedback war richtig gut", sagt Anatrella. "Dabei waren wir alle vorher so aufgeregt, wie schon lange nicht mehr. Es war ein komisches Gefühl, nach so langer Zwangspause wieder loszulegen."

Statt wie geplant ab Ende Juni in die Sommerpause zu gehen, werden die Zauberer nun auch im Juli spielen und bis dahin noch an den Übergängen und dem richtigen Timing feilen. Die bisherigen Vorstellungen haben sie auf Video aufgenommen und ausführlich ausgewertet.

Der Vorverkauf für die Shows am 8. und 9. Juli (jeweils 18.30 uhr und 20.30Uhr) läuft derzeit.

"Ab Ende September spielen wir dann praktisch durch", sagt Pahl. Dienstag bis Samstag stehen dann jeweils mehrere Shows auf dem Programm. Die drei wissen, dass das knackig wird, aber nur so können sie ihren Traum weiter leben.

"Für uns ist das ja kein reines Spaßprojekt", sagt Pahl. "Das ist unser Beruf und wir haben in den letzten Monaten kein Geld verdient." Noch immer weiß niemand, was ab September passiert. "Wir lieben unser Tischtheater aber wir können nicht fest damit planen", erklärt Anatrella.

Nun kämen wenigstens ein paar Euro in die Kasse, auch wenn der Neustart zumindest für Torsten Pahl immer noch ein Minusgeschäft sei, da er in die neuen Elemente auch investieren musste. "Über die Zeit für die Proben und Telefonate sprechen wir da noch gar nicht." Umsätze im fünfstelligen Bereich seien ihm in den vergangenen Monaten verloren gegangen. "Und die kommen auch nicht wieder, die sind weg. Wobei alle Kosten weiterlaufen." Die Premiere seines Soloprogramms musste Pahl verschieben und beginnt erst jetzt wieder langsam, daran zu arbeiten.

Die neuste Herausforderung dabei: Von nun an müsse er quasi immer zwei Stücke parallel schreiben und beim Tischtheater immer auch die Option im Hinterkopf haben, dass, das Coronavirus sein Leben weitaus länger prägen könnte, als er jetzt noch hofft.

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