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Görlitz

Essenversorger kochen auf kleiner Flamme

Schulen und Kitas sind dicht. Kaum jemand braucht Mittagessen. Das bringt große und kleine Küchen in der Region Görlitz und Niesky in Bedrängnis.

Roswitha Waurig betreibt in Zodel ihren Menü- und Bringedienst. Sie wirbt jetzt vor allem bei Familien, die zu Hause sind, für ihr Mittagessen.
Roswitha Waurig betreibt in Zodel ihren Menü- und Bringedienst. Sie wirbt jetzt vor allem bei Familien, die zu Hause sind, für ihr Mittagessen. © André Schulze

Ihr letztes Berufsjahr hatte sich Roswitha Waurig anders vorgestellt. Im Mai des nächsten Jahres ist sie Rentnerin. Bis dahin wollte sie noch auf großer Flamme kochen, nicht wie jetzt  nach 13 Jahren mit dem Menü- und Bringedienst in Zodel auf Sparflamme. 

Normalerweise kocht sie mit einer Angestellten täglich um die 200 Portionen Mittagessen für die Kinder in der Zodeler Schule sowie für zwei Kindertagesstätten. Jetzt sind es 50 Portionen am Tag. "Ich koche für die Agrargenossenschaft, ein paar Rentner und für vier Kinder in der Notbetreuung der Kitas", erklärt die Köchin. 

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Angebote für Familien zu Hause

Beim örtlichen Bäcker in Zodel hängt ein Aushang von Frau Waurig. Sie lädt Menschen aus Zodel und Umgebung zum Mittagessen ein. An Väter, die wegen der Kinder zu Hause sind, oder überhaupt an Familien, denkt sie dabei. Bislang hat sich niemand zusätzlich für das Mittagessen bei ihr angemeldet.

Wie lange Roswitha Waurig mit ihrer kleinen Firma durchhalten kann, weiß sie nicht. "Ich will nicht zumachen", betont sie. Wenn die Krise vorbei ist, will sie ihre Verträge mit den Kitas erfüllen. Auch auf den Partyservice hofft sie dann wieder. 

Viele Eltern zeigen Solidarität

In der Schulküche Markersdorf kocht Inhaberin Katrin Lange jetzt 180 Portionen Mittagessen, 350 sind es sonst. Etliche Rentner werden versorgt, aber auch viele Kinder. "Die Eltern aus Kita und Schule haben bis Ende März  die bestellten Essen bezahlt", erklärt Katrin Lange. Wer möchte, kann das Essen auch bekommen. Zusätzlich bestellen sogar Eltern, weil sie zu Hause bleiben müssen und sich das Kochen sparen. Aber es steckt auch eine ganze Menge an Solidarität dahinter, vermutet die Schulköchin und nennt ein Beispiel: In Pfaffendorf hat die Schulküche sonst keine Kunden. "Aber jetzt haben sechs, sieben Familien Essen bestellt. Das ist eine eingeschworene Gemeinschaft", sagt die Schulköchin. 

Auch große Küchen fahren runter

Von null bis wenig werde in der MS Menü-Service GmbH Hagenwerder gekocht, sagt dessen Geschäftsführer Matthias Schmidt. Das Unternehmen gehört eher zu den großen Anbietern in der Region. Vor allem Schulen und Kitas werden mit Mittagessen beliefert. Nur eben nicht jetzt. Auf etwa ein Fünftel der täglichen Portionen ist die Küche heruntergefahren. Seniorenheime werden versorgt, auch Essen auf Rädern funktioniert. 

Belieferung der Küchen klappt

Roswitha Waurig benötigt jetzt nur etwa ein Viertel der Waren, die sie sonst für die Mittagessen braucht. Die bezieht sie wie üblich vom Großhandel, auch ein privater Fleischer liefert. Katrin Lange von der Schulküche Markersdorf stellte fest, dass ihr Großmarkt, der sie beliefert, genug Ware hat, aber Probleme, die Lkw's zum Rollen zu bringen. Es herrscht Fahrermangel. Noch verzeichnet die Schulköchin keine Engpässe, denn sie wird von verschiedenen Händlern beliefert. Es könne aber vorkommen, dass zum Beispiel bei einem Gericht anstelle der im Speiseplan verzeichneten Schleifchennudeln Makkaroni verwendet werden.

Staatliche Hilfen sind nötig

Ihren Ausfahrer, einen Rentner, der sich etwas dazuverdient, musste Roswitha Waurig  nach Hause schicken. Ihre Angestellte, die in Teilzeit beschäftigt ist, kommt jetzt für 3,5 Stunden täglich. Roswitha Waurig stellte einen Antrag auf Kurzarbeit. Ob der genehmigt wird, weiß sie nicht. 

Alle der knapp 60 Mitarbeiter beim Menü-Service Hagenwerder sind in Kurzarbeit. Eine Zeit lang könne Matthias Schmidt mit der Ausnahmesituation leben, ein paar Reserven seien da. "Aber für ein halbes Jahr bestimmt nicht", sagt er energisch. 

Die vier Mitarbeiter bei Katrin Lange arbeiten derzeit etwa eine bis anderthalb Stunden weniger als sonst. Zwar wird jetzt nur die Hälfte der Portionen gekocht, aber der logistische Aufwand ist größer geworden, weil viel mehr Portionen ausgeliefert werden als früher. "Noch kann das mit Überstunden ausgeglichen werden", erklärt Katrin Lange. "Aber ewig geht das nicht", sagt sie.

Das Bürgerhaus in Niesky an der Muskauer Straße.
Das Bürgerhaus in Niesky an der Muskauer Straße. © André Schulze

Bürgerhaus Niesky liefert nur noch rund ein Fünftel

Im Bürgerhaus Niesky, das vor der Coronakrise an Schulen und Kindergärten in und um die Stadt lieferte, ist der Absatz von Essensportionen eingebrochen. Waren es früher 450 bis 500 Menüs, die außer Haus geliefert wurden, sind es jetzt knapp 100. "Das ändert sich von Tag zu Tag", erklärt Prokuristin Angela Rädisch. Gekocht wird nur noch für die Notfallbetreuung der Schul- und Kitakinder, für einige Senioren und den Laden, den das Bürgerhaus während der Mittagszeit in der Muskauer Straße betreibt. "Wir werben auf allen Kanälen, durch Aushänge und auf Facebook, für unseren Service und hoffen, dass die Zahlen nach oben gehen."

Kurzarbeit für April ist angemeldet

Gestemmt wird das mit einem Bruchteil der Belegschaft, denn Restaurant und Hotel des Bürgerhauses sind zu, Veranstaltungen finden nicht mehr statt. "Wir haben ab April Kurzarbeit angemeldet", sagt Jörg Kalbas. Er ist der Geschäftsführer der städtischen Gesellschaft und sieht die Küchenmitarbeiter aufgrund des Restaufkommens an Essensportionen momentan noch am wenigsten davon betroffen.

Uwe Walter ist der Geschäftsführer der Küchenbetriebe Martinshof in Rothenburg.
Uwe Walter ist der Geschäftsführer der Küchenbetriebe Martinshof in Rothenburg. © André Schulze

Martinshof kocht 35 Prozent Portionen weniger

Auch Uwe Walter, Geschäftsführer der Martinshof Rothenburg Küchenbetriebe GmbH, denkt über Kurzarbeit nach. "Der März wird uns noch keine Probleme machen. Aber danach?" Möglicherweise sei es notwendig, einige Angestellte im Juni oder Juli verkürzt arbeiten zu lassen. Zwar hat Walter mit der Stiftung Martinshof und den hier betreuten Senioren und behinderten Menschen sowie den Angestellten der Einrichtungen ein wichtiges Standbein. "Aber wir haben zuvor auch für Kitas gekocht. Jetzt sind sie zu und für uns fallen rund 35 Prozent der Mittagsportionen weg." In normalen Zeiten habe man jeden Tag etwa 1.300 Menüs hergestellt.

Masken und Desinfektion beim Ausliefern dabei

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Kaum betroffen von den Absatzschwierigkeiten der Essensproduzenten in der Region ist der Sproitzer Dorfkrug. "Wir hatten die Lieferung an Schulen und Kitas schon vor einiger Zeit stark reduziert. Im Moment sind Senioren und Mitarbeiter von Firmen unser Hauptklientel", erzählt Inhaber Daniel Theurich. Derzeit verlassen seine Küche zwischen 120 und 150 Essen jeden Tag. "Solange wir dürfen, werden wir so weitermachen", stellt er klar. Längst hat er seine Fahrer mit Schutzmasken ausgestattet. Und auch Desinfektionsmittel ist mit an Bord. "Die Gefahr, dass sich jemand beim Ausliefern ansteckt, müssen wir natürlich reduzieren." Er hat ein Phänomen festgestellt: "Bei Nudeln mussten wir zuweilen auf andere Hersteller umsteigen, weil die angestammte Sorte nicht zu bekommen war."

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