SZ + Zittau
Merken

Corona: Zukunft mit dicken Fragezeichen

Freizeit- und Urlaubseinrichtungen in den Nachbarländern bangen wegen Corona um Tausende Jobs und die Existenz.

Von Irmela Hennig & Steffen Neumann & Petra Laurin
 5 Min.
Teilen
Folgen
Stopp: Für Oberlausitzer führt derzeit kein Weg ins IQLandia nach Liberec, zum Schlosshotel Pakoszów im Hirschberger Tal, auf die tschechische Burg Frydlant und in die Altstadt nach Breslau. Grund sind Aus- und Einreiseverbote.
Stopp: Für Oberlausitzer führt derzeit kein Weg ins IQLandia nach Liberec, zum Schlosshotel Pakoszów im Hirschberger Tal, auf die tschechische Burg Frydlant und in die Altstadt nach Breslau. Grund sind Aus- und Einreiseverbote. © Irmela Hennig, Jan Skvara (2), Wolfgang Wittchen,

Gibt es das IQLandia in Liberec (Reichenberg) auch 2021 noch? Pavel Coufal, der Direktor des auch bei Oberlausitzern beliebten Wissenzentrums und Planetariums, will nur sehr vorsichtig drauf wetten. „Wir beschäftigen rund 100 Personen. Das kostet uns täglich etwa 100.000 Kronen (umgerechnet knapp 4.000 Euro). IQLandia lebt nur von Eintrittsgeldern. Andere Erlöse haben wir nicht", sagt Coufal. Die Reserven reichen maximal drei bis vier Wochen, um ohne Besucher zu überleben. "Länger halten wir nicht durch", so der Direktor. Und er rechnet vor: Im März 2019 nahm das Zentrum IQLandia insgesamt 5,8 Millionen Kronen ein, die Monatsausgaben lagen bei 5,4 Millionen Kronen.

Der Hintergrund der Besorgnis: Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen, hat Tschechien zunächst eine 30-tägige Ausgangssperre verhängt. Alle Freizeiteinrichtungen sind zu. Touristen dürfen nicht mehr ins Land, wahrscheinlich sechs Monate nicht. Und im Unterschied zu Deutschland, wo bereits ein umfassendes Hilfspaket für die Wirtschaft vorbereitet wird, können die Tschechen nur mit zinsfreien Krediten namens "Covid" rechnen. Unternehmen können 500.000 bis 15 Millionen Kronen beantragen. Das sehen viele, wegen der ungewissen Zukunft, als schwierig an. 

Auch das IQLandia sucht darum lieber nach Alternativen. "Seit voriger Woche geben wir täglich auf unserer Webseite und Facebook eine Anleitung für einen wissenschaftlichen Versuch. Die Experimente, die die Kinder zu Hause leicht ausprobieren können, sollen sie während der Corona-Ferien unterhalten", sagte Jana Pivoňková, Mitarbeiterin bei IQLandia. Ab Ende der Woche startet im Internet auch eine Aktion zum Vorverkauf von Eintritts- und Dauerkarten. "Das könnte uns für eine gewisse Zeit helfen, den Einnahmeausfall zu überbrücken", meint Coufal. Angedacht sei zudem eine Spendenaktion. Die derzeit gesetzlich angeordnete Schließung bereitet auch dem Zoo in Liberec Sorgen, der jährlich über 400.000 Gäste zählt. Der älteste Tiergarten in Tschechien beschäftigt und braucht über 135 Mitarbeiter. Auch Theater, Museen, Schlösser sind zu oder starten nicht in die Saison. Der Sportbetrieb ruht. Konzerte und Festivals werden verschoben.

Leer sind alle Hotels in den tschechischen Bergen. Die letzten deutschen Gäste verließen die Grenzregion am 14. und 15. März. Die Stimmung ist gedrückt. „Unsere Besucher können die Unterkunft kostenlos stornieren, den meisten ist aber eine Umbuchung lieber“, sagt Jitka Beránková aus der Rezeption des Wellness-Hotels Pytloun in Harrachov (Harrachsdorf). „Wir haben hauptsächlich Stammgäste, die gerne immer wiederkommen“, sagt sie. Deutsche machen dort rund zwei Drittel der Buchungen aus. „Gut, dass der Schlag erst nach der Wintersaison und dem Isergebirgslauf gekommen ist. Bis Ostern halten wir aus, danach wäre es ohne Gäste eine Katastrophe“, sagte Anna Jelínková aus dem Hotel Premier in Janov nad Nisou (Johannesberg).

Jetzt nicht für März buchen

Teilweise sorgen Gastgeber auch für Verwirrung. In Frýdlant (Friedland) hat das Hotel Antonie auf der tschechischsprachigen Version der Internetseite zwar auf die Schließung hingewiesen, auf der deutschsprachigen nicht. Da konnte man zunächst sogar noch Buchungsanfragen für März stellen. Davon raten Experten aber ab.

Die staatliche Tschechische Zentrale für Tourismus schätzt, dass die Folgen der Corona-Epidemie für den tschechischen Fremdenverkehr verheerend werden. "Die aktuelle Frage heißt nicht, wie die Schäden verringert werden, sondern wie wir überleben", sagte Agentur-Direktor Jan Herget der tschechischen Presseagentur ČTK. "So eine radikale Reisebeschränkung hatten wir seit dem Zweiten Weltkrieg nicht."

Wegen des Coronavirus‘ und den damit verbundenen Problemen gewähren einige Banken ihren Schuldnern eine Zahlungspause. Die Steuererklärungen werden in diesem Jahr erst später fällig. Bei einer Befragung von 600 Unternehmen der Branche durch die Tourismuszentrale gaben die meisten bereits einen deutlichen Rückgang bei Anreisen ausländischer Gäste an, meist zwischen 80 und 100 Prozent. Im nächsten Quartal erwarten dreiviertel von ihnen ein weiteres Minus bei dieser Gästegruppe um 50 bis 100 Prozent. Betroffene halten zinslose Kredite, Steuererleichterungen, Senkung des Mehrwertsteuersatzes oder Subventionen zum Ausgleich von Verlusten für geeignete staatliche Unterstützungen. Der Branchenverband „Tourismusforum“ schlägt vor, Darlehen von bis zu 30 Millionen Kronen zu gewähren.

Schaden von 1,2 Milliarden Euro

Die Tourismus-Einnahmen machten 2019 nach den Angaben der Tschechischen Nationalbank 167 Milliarden Kronen aus, in der Branche arbeiten rund 250.000 Menschen. Laut Tourismuszentrale trage das Segment drei Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Es werde ein Schaden von 1,2 Milliarden Euro erwartet.

Auch in Polen herrscht touristischer Stillstand. Für mindestens zehn Tage hat die Regierung weite Teile des öffentlichen Lebens lahmgelegt; Ausländer dürfen nicht einreisen. Das Schlosshotel in Lomnitz im Hirschberger Tal mit über 30 Mitarbeitern hat geschlossen. Ebenso die Schlosshotels von Pakoszów (Wernersdorf) und Karpniki (Fischbach), Letzteres zunächst bis Ende des Monats. Für Schloss Staniszów (Stonsdorf) sind auf der Website Buchungen bis einschließlich 25. März nicht möglich. Auch anderswo sind Hotels zu, zum Beispiel hat das Art-Hotel in Breslau bis Ende März geschlossen. Andere Häuser haben noch geöffnet, teilte das polnische Fremdenverkehrsamt mit. Denn polnische Gäste dürfen anreisen. Bezüglich Stornierungen gebe es nach bisherigen Erkenntnissen des Fremdenverkehrsamtes keine generelle Regelung. So sind bei den Radisson-Hotels generell Stornierungen für alle Aufenthalte bis Ende April möglich. Das Art-Hotel teilte mit, dass man individuell mit den Gästen die Stornierungen oder Verschiebungen des Aufenthalts klären möchte. Die polnische Tourismusorganisation appelliert unter dem Motto „Verschieben statt Stornieren“ an die Gäste, zur Rettung des internationalen Tourismus beizutragen. Rein rechtlich besteht zumeist der Anspruch, kostenlos zu stornieren oder umzubuchen.

150 Hotels, vor allem aus der Ostseeregion, haben sich in einem Appell an den polnischen Ministerpräsidenten, den Finanzminister und die Ministerin für wirtschaftliche Entwicklung gewandt. Sie sollten durch staatliche Unterstützung zur Rettung der Hotels beitragen. Ohne diese hätten viele Hotels keine Überlebenschance. Bislang gibt es dazu nur vage Aussagen.

Ansprechpartner für Reisende:

Tschechische Zentrale für Tourismus, 1030 2044770, [email protected]

Polnisches Fremdenverkehrsamt, 1030 2100920, [email protected]

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umland lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umland lesen Sie hier.