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Kamenz

Corona: Ganz allein im Standesamt

Keine Musik, keine Gäste – dafür besondere Hygiene-Regeln. Warum ein junges Paar aus Kamenz trotzdem an diesem Montag geheiratet hat.

Liebe in Zeiten von Corona: Linda Neubarth und Sebastian Grützner aus Schiedel gaben sich im Rathaus bei der Standesbeamtin Silke Recke am Montagnachmittag das Ja-Wort.
Liebe in Zeiten von Corona: Linda Neubarth und Sebastian Grützner aus Schiedel gaben sich im Rathaus bei der Standesbeamtin Silke Recke am Montagnachmittag das Ja-Wort. © Matthias Schumann

Kamenz/Schiedel. Dieser Montag war nicht wie andere. Als Linda die Augen aufschlug, wusste sie, dass da draußen ein Abenteuer auf sie wartet. Ein kleines, doch eher unscheinbares für die Außenwelt. Doch reichte es aus, um ihre Welt auf den Kopf zu stellen. Noch hieß sie Neubarth. Noch war sie unverheiratet. Doch das sollte sich im Lauf des Nachmittages ändern. Und sie fragte sich ganz leise: Bist du eigentlich wahnsinnig, das in diesen verrückten Zeiten durchzuziehen? Draußen spielte ihr zukünftiger Ehemann Sebastian mit den beiden Kindern im Garten, während sie mit dem Standesamt in Kamenz telefonierte, ob denn um 15 Uhr wirklich alles stattfinden würde. 

Alles? „Viel konnten wir natürlich nicht erwarten in der momentanen Lage“, sagte Linda Neubarth am Montagmorgen. „Noch vor ein paar Wochen sollte unsere standesamtliche Trauung ein kleiner, aber feiner Akt werden. Mit etwa 20 Gästen, einer anschließenden Feier auf dem Schwedenstein. Vor ein paar Tagen waren wir dann mit unserer Planung wenigstens noch bei zehn Leuten – wir gemeinsam mit unseren Eltern und Geschwistern auf dem Standesamt. Und einem Kaffeetrinken, da die Gaststätten ja 18 Uhr schließen sollten. Wir haben uns mit allem arrangiert. Aber Montagfrüh, um 9 Uhr, erfuhren wir, dass wir nur zu zweit kommen können“, erzählt die Braut. Die herausgesuchte Musik wurde unnötig, keine festlichen Worte, keine Zuschauer. Auch der geplante Friseurtermin fand nicht statt. „Und meine Brüder waren ziemlich verzweifelt, dass sie sich ihre Anzüge umsonst gekauft hatten“, schmunzelte Linda Neubarth.

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Die Ringe waren bereits seit Monaten graviert auf den Kennenlern- und Hochzeitstag: 23.März.
Die Ringe waren bereits seit Monaten graviert auf den Kennenlern- und Hochzeitstag: 23.März. © Matthias Schumann

Aber in all den unsicheren letzten Tagen, als Meldungen und Regeln, Richtlinien und Kontaktsperren wegen Corona fester gezurrt wurden, stand aber immer eines für Linda und Sebastian fest: Wir ziehen das durch! Denn das Datum 23. März war für das Paar von Bedeutung. Außerdem stand es schon fest eingraviert in den Eheringen. Zu kompliziert, das noch zu ändern.

Wunschtermin zum 6. Jahrestag

„Ich bin Sebastian zum ersten Mal im Krankenhaus begegnet, er war der Bettnachbar meines Vaters. Da musste ich meinen Vati glatt ein zweites Mal besuchen“, erinnert sich Linda. Über Facebook fingen sie an, sich zu schreiben. „Aber erst vor sechs Jahren haben wir eine richtige Beziehung daraus gemacht. Genau am 23. März 2014. Wir wollten also an unserem 6. Jahrestag heiraten. Deswegen untypischerweise an einem Montag“, erzählt das Paar. In den letzten Jahren haben sie einiges miteinander erlebt, waren viel auf Reisen. Unter anderem mit dem Campervan in Neuseeland, zum Trekking in Patagonien oder mit dem Roller über die Osterinsel. 2017 kam ihr Emil auf die Welt, 2019 die kleine Anna. Bereits 2018 zogen sie auf den Schwiegerelternhof nach Schiedel. 

Sebastian Grützner und Linda Neubarth wählten den frühen Termin im Jahr außerdem, weil sie im Juni anfangen wollten, zu bauen. „Wer hätte ahnen können, dass gerade das zum Problem wird“, meint die 35-Jährige. Doch das Paar ging es pragmatisch an. „Eigentlich wollten wir mit einem schicken Auto vorfahren. Wenigstens Sebastians Bruder sprang nun mit seinem Wagen ein und hat ein paar Schleifchen an den Spiegel gebunden“,  so Linda. Einen bestellten Blumenstrauß konnte sie sich in Elstra am Vormittag abholen. Schick machen ging allein. „Es sollte ja eh die schmale Variante werden – nun wurde es eben nur ,XS‘“, schmunzelt sie.

Einmarsch ins leere Trauzimmer im Kamenzer Rathaus. Standesbeamtin Silke Recke war die Einzige, die die Hochzeit mit begleiten durfte.
Einmarsch ins leere Trauzimmer im Kamenzer Rathaus. Standesbeamtin Silke Recke war die Einzige, die die Hochzeit mit begleiten durfte. © Matthias Schumann

Eine 8-Minuten-Trauung

Und dann ging 15 Uhr alles schnell: Anmelden im Rathaus, Hände desinfizieren, rein ins Trauzimmer. 8 Minuten und 26 Sekunden später waren sie Familie Grützner. Und glücklich. Die Kamenzer Standesbeamtin Silke Recke versuchte, die kleine Zeremonie so feierlich wie möglich zu gestalten. „Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich in diesen Zeiten zu den systemrelevanten Berufen zähle“, sagte sie. Aber noch ist die Trauung eine unabdingbare Dienstleistung, die selbst mit Kontaktsperre durchzuführen ist.  Eine Heirat sei ein normaler Beurkundungsakt, der weitreichende rechtliche Auswirkungen für die beteiligten Personen hat. Zum Beispiel beim Sorgerecht, späteren Rentenansprüchen, steuerlichen Dingen oder bei Erbangelegenheiten. Bei einer absoluten Ausgangssperre würde es hingegen schwierig werden. 

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Dass die Eltern das Ja-Wort auf dem Standesamt nicht mitverfolgen konnten, ist schade. Dafür warteten sie auf dem Markt auf ihre Lieben. Und ein Gruppenbild mit zwei Meter Abstand zu jedem gab es doch. Für September war von vornherein die kirchliche Trauung geplant –  groß mit über 100 Gästen in der Elstraer Kirche. Bis dahin gilt: Nur die Liebe zählt!

Auch der Markt war menschenleer. Natürlich erwarteten die engsten Verwandten das Paar nach der Trauung und applaudierten – mit Abstand.
Auch der Markt war menschenleer. Natürlich erwarteten die engsten Verwandten das Paar nach der Trauung und applaudierten – mit Abstand. © Matthias Schumann

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