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Am Grenzübergang fließen sogar Tränen

Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer: Alle Übergänge nach Tschechien sind wieder offen. Sofort bilden Deutsche in Varnsdorf Schlangen.

Freitagmittag, 12 Uhr: Die Grenzen nach Tschechien - hier der Übergang von Seifhennersdorf nach Varnsdorf (Warnsdorf) sind wieder offen.
Freitagmittag, 12 Uhr: Die Grenzen nach Tschechien - hier der Übergang von Seifhennersdorf nach Varnsdorf (Warnsdorf) sind wieder offen. © Matthias Weber/photoweber.de

Kein Betonpoller, kein Absperrzaun, kein Flatterband. Kein einziger Grenzpolizist und kein Soldat mehr mit Maschinenpistole: Am Grenzübergang von Seifhennersdorf nach Varnsdorf (Warnsdorf) sieht es auf einmal wieder aus, als wäre nie etwas gewesen.

Es ist Freitagmittag, kurz vor zwölf. Die Nachricht, die Tschechiens Polizei erst drei Stunden zuvor über Twitter bekanntgab, hat sich schon verbreitet wie ein Lauffeuer: Die Grenzen sind wieder offen!

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Und das lassen sich die Deutschen nicht zweimal sagen: Ursula Grille ist schon da. "Endlich, endlich", strahlt die Seifhennersdorferin. "Das wird ja auch Zeit." Ursula Grille und ihr Mann haben die Nachricht vorhin erst im Radio gehört und sind sofort losgefahren.

Jetzt sitzt die 75-Jährige glücklich in Tinavus Nagelstudio gleich hinter der Grenze. Sie ist hier Stammkundin und musste zwölf Wochen lang auf Tinavus Maniküre verzichten. Die junge Kosmetikerin aus Varnsdorf freut sich auch. Sie hat jetzt sehr lange nichts verdient, sagt sie.

Auch das tschechische Fernsehen Ceska Televize berichtet vom Grenzübergang in Varnsdorf. Toni vom Blumen- und Zigarettenstand ist glücklich, dass die Deutschen wieder bei ihm kaufen können.
Auch das tschechische Fernsehen Ceska Televize berichtet vom Grenzübergang in Varnsdorf. Toni vom Blumen- und Zigarettenstand ist glücklich, dass die Deutschen wieder bei ihm kaufen können. © Matthias Weber/photoweber.de
Ursula Grille aus Seifhennersdorf ist Stammkundin im Nagelstudio von Tinavu  gleich hinter der Grenze. Sie ist die erste deutsche Kundin seit der Grenzschließung vor zwölf Wochen.
Ursula Grille aus Seifhennersdorf ist Stammkundin im Nagelstudio von Tinavu  gleich hinter der Grenze. Sie ist die erste deutsche Kundin seit der Grenzschließung vor zwölf Wochen. © Matthias Weber/photoweber.de
Und natürlich gleich wieder tanken: 90 Cent kostete der Liter Super-Benzin am Freitagmittag in Varnsdorf, zur gleichen Zeit in Neugersdorf mehr als 1,30 Euro. Eine halbe Stunde nach Grenzöffnung standen an den beiden Varnsdorfer Grenz-Tankstellen die Autos schon Schlange.
Und natürlich gleich wieder tanken: 90 Cent kostete der Liter Super-Benzin am Freitagmittag in Varnsdorf, zur gleichen Zeit in Neugersdorf mehr als 1,30 Euro. Eine halbe Stunde nach Grenzöffnung standen an den beiden Varnsdorfer Grenz-Tankstellen die Autos schon Schlange. © Matthias Weber/photoweber.de
Fünf Minuten vor um zwölf hat ein tschechischer Grenzbeamter das Flatterband am Grenzübergang von Varnsdorf nach Großschönau entfernt. Wenig später bildete sich auf deutscher Seite schon eine kleine Schlange.
Fünf Minuten vor um zwölf hat ein tschechischer Grenzbeamter das Flatterband am Grenzübergang von Varnsdorf nach Großschönau entfernt. Wenig später bildete sich auf deutscher Seite schon eine kleine Schlange. © Frank Peuker

Toni, der Kioskbetreiber von nebenan, hat in den letzten Wochen auch nur sehr wenig verkauft. Kaum Gartenpflanzen, kaum Gartenzwerge, kaum Zigarettenstangen und Tuzemski-Rum-Flaschen. "An wen auch?", sagt er und zuckt mit den Schultern. Die Deutschen sind ja seine Hauptkunden. Der junge Vietnamese erzählt das gerade einer Journalistin vom tschechischen Fernsehen Ceska Televize.

Die Journalistin, Jana Szamkova, fragt ihn, ob er denn keine Angst habe, dass die Deutschen ihn mit dem Virus anstecken könnten. Der Vietnamese schüttelt den Kopf. Sie selbst, sagt sie, sehe das mit gemischten Gefühlen. Nicht alle Tschechen würden sich über die Grenzöffnung so freuen, wie die Händler, Tankstellenbetreiber und Gastwirte in der Grenzregion.

Gleich wieder Schlange stehen an der Tankstelle

An der Tankstelle gegenüber rollt die Kundschaft an: Autos mit Zittauer, Löbauer, Görlitzer und Bautzener Kennzeichen. Schon eine halbe Stunde nach der Grenzöffnung stehen die Fahrzeuge wieder Schlange. Und in der Tankstelle wird es hektisch. "Das es so schnell geht, damit haben wir nicht gerechnet", sagt eine Angestellte entschuldigend. "Aber Benzin haben wir genug", fügt sie gleich hinzu.

Stephan aus Bautzen ist der erste in der Schlange. Der 44-Jährige hat über den Newsticker bei sächsische.de von der Grenzöffnung erfahren. "Ich war gerade in der Nähe und bin gleich losgefahren", sagt er. Natürlich sei er auch neugierig gewesen zu sehen, was hier passiert. "Aber dass von einer Minute auf die andere plötzlich alles wieder so normal ist, das ist schon unglaublich", sagt der Bautzener.

"Das ist großartig, richtig befreiend. Ich könnte heulen", sagt die Frau aus Großschönau, die ihren Namen nicht nennen will. Und da kommen ihr auch schon die Tränen. "Ich habe diese Grenzschließung als furchtbar empfunden", sagt sie. Und jetzt sei sie richtig glücklich. Sie wird jetzt gleich tanken und dann zum Kaufland fahren. Wie sonst auch immer. Und am Wochenende geht es jetzt endlich wieder zum Wandern oder Radfahren.

Zweite Kasse geöffnet

Die Tankstellen-Mitarbeiter haben inzwischen eine zweite Kasse geöffnet, um den Ansturm schneller zu bewältigen. Dass sich an den Tanksäulen auf tschechischer Seite schon eine halbe Stunde nach Grenzöffnung wieder Schlangen bilden, ist nicht verwunderlich: 90 Cent kostete der Liter Super-Benzin hier am Freitagmittag, zur gleichen Zeit in Neugersdorf mehr als 1,30 Euro.

In Großschönau ist Bürgermeister Frank Peuker (SPD) an den Grenzübergang nach Varnsdorf gekommen. Der tschechische Grenzbeamte macht es feierlich: Fünf Minuten vor zwölf entfernt er das rot-weiße Flatterband, das bis dahin noch quer über die Straße gespannt ist. Dann zieht sich der Polizist zurück. Die ersten Großschönauer, die über die Grenze wollen, warten da schon.

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