merken
PLUS Zittau

Corona-Grenzsicherung auf Polnisch

Schwer bewaffnete Soldaten bewachen selbst die Bahnlinie, auf der kein Zug fährt. Bei Hirschfelde haben sie ein Lager gebaut. Wehe dem, der ihnen zu nahe kommt.

Schwer bewaffnete Soldaten der polnischen Armee bewachen die Eisenbahnbrücke in Hirschfelde.
Schwer bewaffnete Soldaten der polnischen Armee bewachen die Eisenbahnbrücke in Hirschfelde. © Rafael Sampedro (Archiv)

Klack! Der polnische Soldat entsichert seine Maschinenpistole und richtet sie direkt auf den Fotografen und mich: "Zurück!", brüllt er. Wir stehen wie versteinert. "Wir sind Jounalisten", rufen wir von Weitem. "Dziennikarz. Von der Zeitung. Gazeta." Der Fotograf hält zum Beweis seine Kamera hoch, ich den Presseausweis. Der Soldat hält die MP weiter im Anschlag. "Zurück!", brüllt er erneut.

Zwei weitere Kameraden postieren sich neben ihm - breitbeinig, die Maschinenpistolen quer vor der Brust. Einer bedeutet dem ersten, seine Waffe aus dem Anschlag zu nehmen. Wir atmen auf. Auf der Bahnlinie in Hirschfelde, auf der zurzeit kein Zug fährt, stehen wir uns keine 50 Meter entfernt gegenüber: drei Soldaten mit einsatzbereiten Maschinenpistolen auf der polnischen, der Fotograf und ich auf der deutschen Seite der Grenze. 

Jubel
Zwei echt starke Jubiläen
Zwei echt starke Jubiläen

Die gedruckte Sächsische Zeitung wird 75 Jahre alt. Digital gibt es uns seit 25 Jahren. Beide Jubiläen wollen wir feiern - und Sie können dabei gewinnen.

Die Situation wirkt grotesk. Und vollkommen unwirklich - wie im Film. "Wir sind doch hier nicht im Krieg", flüstert der Fotograf. "Wir sind doch nicht der Feind." Obwohl es hier fast so aussieht. Die Soldaten haben sich auf polnischer Seite der Eisenbahn-Grenzbrücke in Hirschfelde ein richtiges Lager gebaut. Ein Zelt steht da jetzt mitten in der Pampa, ein Feuer brennt, ein Notstromaggregat läuft. Unten an der Neiße steht ein Toilettenhäuschen. Die Hirschfelder auf der anderen Seite des Grenzflusses beobachten die Szenerie und schütteln die Köpfe. 

Das Soldaten-Lager auf polnischer Seite der Eisenbahn-Grenzbrücke in Hirschfelde.
Das Soldaten-Lager auf polnischer Seite der Eisenbahn-Grenzbrücke in Hirschfelde. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Seit dem 15. März hält Polen seine Grenzen geschlossen. Alle Übergänge werden streng bewacht. Die polnische Regierung hat Soldaten der Armee zur Unterstützung geschickt. Hier, gegenüber von Hirschfelde, bewachen sie sogar die Eisenbahnbrücke der Strecke Zittau-Görlitz. Die Bahnlinie verläuft aus der Historie heraus schon immer mal dies-, mal jenseits der Neiße. Zurzeit aber fährt hier überhaupt kein Zug - eben auch wegen dieser einseitigen Grenzschließung.

Am Ende der Brücke haben die Soldaten ein gelbes Band quer über die Schienen gespannt. Das markiert vermutlich die Stelle, an der genau die Grenze verläuft. Aber nicht mal bis zu diesem Band darf man sich dem polnischen Territorium von deutscher Seite aus nähern.

Wer könnte denn hier über die Grenze wollen?

Aber hat das überhaupt jemand vor? Wer sollte denn hier mitten auf den Schienen über die Grenze wollen? Einen Weg neben den Gleisen gibt es auf dieser Brücke schließlich nicht. "Ab und zu macht das schon mal jemand", erzählt uns einer der Anwohner auf Hirschfelder Seite. Zigaretten holen, einkaufen, nachts käme auch schon mal ein Kleinkrimineller. 

Wenigstens vor letzteren, sagt der Mann, dürften die Hirschfelder ja jetzt Ruhe haben. Aber das sei auch das einzig positive, das man dieser Situation gerade abgewinnen könne. Die Hirschfelder aus der gegenüberliegenden Siedlung können das Treiben der Soldaten auf der anderen Seite beobachten. 

Zwei Soldaten sitzen neben dem Feldzelt in Campingstühlen am Feuer. Einer sägt schon den ganzen Vormittag Holz mit der Motorsäge. Ein vierter hält Wache. Von der Feuerstelle steigt Rauch auf. Mit der Waldbrandgefahr scheint man es auf polnischer Seite offenbar nicht ganz so genau zu nehmen. 

Weiterführende Artikel

Klickstark: Polens bewaffnete Grenze

Klickstark: Polens bewaffnete Grenze

Seit 15. März werden alle Übergänge streng bewacht - mit erschreckendem Ausmaß. Einer der Beiträge aus Löbau-Zittau, über den wir am Donnerstag berichteten.

"Seit über 14 Tagen geht das hier schon so", sagt der Anwohner. "Der Anblick ist erschreckend. Richtig unglaublich ist das." Am schlimmsten, sagt er, sei der Lärm dieses Notstromaggregats, das Tag und Nacht läuft. "Vor allem in der Nacht ist das bis weit in den Ort hinein zu hören", erzählt der 50-Jährige und wird nachdenklich: "Ist das nicht schlimm, wie das alles hier ausartet?" Er lässt die Frage im Raum stehen. Und der Fotograf und ich suchen lieber wieder das Weite.

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umgebung lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umgebung lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Zittau