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Ausgeliefert

Wer häusliche Gewalt erlebt, kämpft oft viele Jahre mit den Folgen. Durch die Corona-Isolation könnten solche Fälle massiv zunehmen.

Experten befürchten, dass die coronabedingten Beschränkungen zu mehr Gewalt in Familien führen.
Experten befürchten, dass die coronabedingten Beschränkungen zu mehr Gewalt in Familien führen. © Jussi Nukari//dpa

Sie wollte nur noch weg. Für Stunden, für Tage, am liebsten für immer. Maren Mangold* ist als Mädchen verschwunden. Harrte in der Kanalisation aus, versteckte sich in Scheunen. „Ich habe es nicht mehr ertragen“, sagt die Frau, die nicht erkannt werden möchte. So viel darf man sagen: Die Rente ist nicht mehr fern.

Zehn Jahre lang haben ihr Vater und seine Angestellten Maren Mangold regelmäßig vergewaltigt. Ab ihrem fünften Lebensjahr. Mit 15 lief sie weg und kam nicht wieder. Von den unzähligen Übergriffen, die sie als Mädchen über sich ergehen lassen musste, erzählte Maren Mangold jahrelang niemandem. „Früher konnte ich nicht über meine Vergangenheit reden, ich bin jedesmal in Tränen ausgebrochen.“ Vor Kurzem verließ sie zum zweiten Mal eine Klinik in Sachsen, die sich auf Traumatisierungen spezialisiert hat. Jetzt kann sie erzählen, ohne zu weinen – und sie tut es, um anderen Betroffenen ein helfendes Beispiel zu geben.

Gerade in diesen Wochen sorgt sich Maren Mangold darum, dass in vielen Familien während der Corona-Eskalation Gewalt ausgebrochen sein könnte. „Ich habe ein schlechtes Gefühl und Angst wegen der vielen Familien, die in Kleinstwohnungen mit fünf Leuten leben“, sagt sie. „Da haben sicherlich Übergriffe stattgefunden.“

Mit einem Anstieg von häuslicher Gewalt rechnen derzeit viele. In Großbritannien sind in den ersten drei Wochen nach der Ausgangssperre mindestens 16 Frauen und Kinder ermordet worden, dreimal so viele wie sonst in dem Zeitraum. In Frankreich soll häusliche Gewalt um fast ein Drittel zugenommen haben, bei deutschen Hilfstelefonen nahm die Zahl der Anrufe um ein Fünftel zu. Auch in Sachsen hat sich die Situation in vielen Familien zugespitzt.

Mehr als 7.200 Opfer von häuslicher Gewalt

Dem Landeskriminalamt liegt noch kein Lagebild vor. „Aber die Fallzahlen gehen erfahrungsgemäß immer hoch, wenn Familien zu Hause viel Zeit verbringen“, sagt eine Sprecherin. Die jüngste Statistik erfasste 2018 in Sachsen etwas mehr als 7.200 Opfer von häuslicher Gewalt. Gut zwei Drittel davon weiblich, die meisten Partnerinnen oder Ehefrauen, mehr als 1.600 Minderjährige. 34 Menschen starben, Tausende wurden verletzt, vergewaltigt, bedroht, ihrer Freiheit beraubt oder erpresst.

Die SZ hat mehrere Betroffene in Gesprächen nach ihren Erfahrungen befragt: Was hätte sich für sie wohl geändert, wenn sie mit den Tätern noch viel mehr Zeit zu Hause hätten verbringen müssen? Mit einer Befriedung rechnet keine von ihnen. „Dann wäre es noch ganz anders eskaliert“, sagt eine Sächsin, deren Ehemann ihr mit dem Tod gedroht hatte. Sie konnte sich damals per Gerichtsurteil, das sie heimlich angestrebt hatte, von ihm lösen. Eine andere Frau weiß nicht, was wohl mit den Kindern passiert wäre, die bis zur Scheidung immer wieder der Gewalt ihres Vaters ausgesetzt waren. Wenn er nicht gerade auf Geschäftsreisen war, bestimmte Angst das häusliche Umfeld.

Als Kind verbringt Maren Mangold viel Zeit in einem Silo. Sie wächst als Tochter eines wohlhabenden, angesehenen Bauernhofbesitzers auf, ist oft eingesperrt. Zum sexuellen Missbrauch ruft er meist sie, aber auch ihre Schwestern in sein Zimmer. „Meine Mutter hat uns nicht geschützt. Sie kam aus sehr kleinen Verhältnissen, hat diesen Gutsbesitzer geheiratet und sich gedacht, jetzt sei sie endlich jemand.“ Als Mangold 15 ist, droht ihr Vater wieder mal, sie hält es nicht mehr aus und läuft davon. „Als ich abgehauen bin, fühlte ich mich frei. Ich war die Größte, weil ich es geschafft hatte.“ Gleichzeitig erkennt sie, dass viele im Dorf schon sexuelle Gewalt erlebt haben. „Das war damals gesellschaftlich akzeptiert. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich falsch denke. Alle haben recht, nur ich nicht.“

Julia Schellong, Trauma-Expertin: "Selbstverständlich gibt es mehrere Frauen und auch ganze Familien, über die wir uns gerade jetzt besonders Sorgen machen."
Julia Schellong, Trauma-Expertin: "Selbstverständlich gibt es mehrere Frauen und auch ganze Familien, über die wir uns gerade jetzt besonders Sorgen machen." © privat

Gewalt zieht häufig eine verdrehte Wahrnehmung von Schuld und Betroffenheit nach sich. Mehrere Frauen schildern, dass sie sich immer wieder gefragt hätten, was sie nur falsch gemacht haben. Auf Schläge, Vergewaltigungen, Freiheitsberaubung folgte häufig das Gefühl, es eben so verdient zu haben.

Erst 1997 erklärte der Bundestag Vergewaltigung in der Ehe zu einer Straftat, erst 2002 trat das Gewaltschutzgesetz in Kraft, das den Schutz vor Gewalttätern in Partnerschaften von der Privat- zur Staatssache umdeutete. In welchem Ausmaß häusliche Gewalt noch heute selbst gegenüber Schutzbefohlenen möglich ist, das zeigen unter anderem die jahrelangen Vergewaltigungen auf einem Campingplatz in Lüdge.

Maren Mangold lebt nach ihrer Flucht viel auf der Straße. Als Straßenverkäuferin verdient sie genug Geld für Essen und Kleidung, in öffentlichen Bädern wäscht sie sich und ihre Sachen. In der Schule bemerkt das niemand. Ihre Eltern suchen auf dem Gymnasium nicht nach ihr. „Ich wusste, dass die sich niemals die Blöße geben würden. Dann hätten sie ja zugeben müssen, dass ich weggelaufen bin.“ Nach dem Abitur reist Maren Mangold und studiert. „Ich hatte in der Zeit viele Männer, weil ich gar nicht das Selbstwertgefühl hatte, selbst über mich zu bestimmen und Nein zu sagen.“ Später kann sie Sex nicht mehr ertragen, Mutter und Ehefrau wird sie trotzdem. Zeitweise glaubt sie, mit der Vergangenheit immer besser klarzukommen. Sie schweigt darüber, zeigt ihren Vater bis zu dessen Lebensende nicht an.

Straffrei bleiben viele Täter. Was Kinder von ihren Eltern erfahren, halten sie oft für normal. Martina Rudolph, medizinische Leiterin der Dresdner Waldschlösschen-Klinik für Traumatisierungen, befasst sich täglich mit den Folgen von Gewalt und dem Schweigen darüber. „Eine tatsächliche Gewaltbedrohung geht häufig mit der Drohung künftiger Gewalt einher“, sagt Rudolph. Manchmal auch gegenüber Kindern. „Wenn Frauen sich keine Hilfe, keinen Schutz vor ihren Partnern holen, liegt es häufig daran, dass sie sich oder andere beschützen.“

"Eine explosive Mischung"

In ihrem späteren Leben schützt sich Maren Mangold vor allem durch Kontrolle. „Ich wollte mich und mein Leben immer im Griff haben, dachte, je länger das alles aus der Kindheit her ist, desto besser könnte ich es verdauen. Aber es ist ja das Gegenteil der Fall.“ Je älter sie wird, desto seltener kann Maren Mangold schlafen. Wann immer sie sich hinlegt, muss sie zittern, hört Stimmen und Schreie. „Ich habe irgendwann festgestellt, dass ich nur noch eine Stunde in der Nacht schlafe. Ich habe das aber nie jemandem erzählt.“ Ihre Kraft schwindet, die Angst vor Kontrollverlust steigt. Um die Kinder, den Haushalt, „dass ich alles nicht mehr geregelt kriege“.

Nach Jahren der erfolglosen Therapie verweist ihre Hausärztin sie an die Klinik in Sachsen. Mit speziellen Trauma-Methoden durchlebt Mangold ihre Kindheitserinnerungen noch einmal und arbeitet sie auf. Jetzt kann sie schlafen, hört keine Stimmen mehr und weiß, was sie fühlt. „Ich hab Wut in mir, das habe ich lange nicht gewusst. Ich glaube sogar, auf meine Mutter noch mehr als auf meinen Vater. Er ist einfach ein Arschloch, das missbraucht hat, wen er unter die Finger kriegte. Meine Mutter hat niemanden geschützt.“

Mangold, die heute Pädagogin ist, hat Kinder immer wieder beschützt, soweit es ging. Wohl auch durch ihre eigenen Erfahrungen hat sie Gewalt erkannt. Wenn ein Mädchen im Sommer mit langer Kleidung zum Sportunterricht kam, damit man geschundene Haut nicht sieht; wenn es aufgeriebene Stellen in den Mundwinkeln hatte, weil es sich wegen des Missbrauchs übergeben musste. Immer wieder hat Mangold offizielle Stellen eingeschaltet.

Marcus Lehnig leitet die Dresdner Täterberatung Escape, wo er über einen anderen Weg versucht, Gewalt in Familien abzubauen. 90 Prozent seiner Klienten sind männlich und aus allen Altersgruppen und Schichten. Viele kommen nach gerichtlicher Anordnung oder auf Empfehlung der Polizei. „Gewalt ist eine Bewältigungsstrategie für Überforderungssituationen, die anerzogen wurde oder durch nicht verarbeitete, traumatische Erfahrung entstanden ist“, sagt Lehnig. „Wenn wir Aggression ansammeln, Wut und Hass entsteht, sich Lebenssituationen über einen langen Zeitraum mit anderen Lösungsstrategien nicht mehr regulieren lassen, dann entsteht eine explosive Mischung.“

Hilfsangebote:

Sie sind von Gewalt betroffen oder kennen Menschen, bei denen Sie darum fürchten? Holen Sie sich Hilfe: 

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 0800-0116016 / Frauenschutzhaus Dresden: 0351-2817788 / Anonyme Mädchenzuflucht: 0351-2519988 / Kind- und Jugendnotdienst Dresden: 0351-2754004 /Opferhilfe-Sachsen.de: 0351-8010139 / Krisennotdienst des Gesundheitsamts: 0351-8 041616 / Frauenschutzhäuser: Dresden: 0351-2817788 / Kreis Bautzen: 03591-45120 / Kreis Görlitz: 0175-980-9462 / Kreis Meißen: 0351-8384653 / Kreis Mittelsachsen: 03731-22561 / Kreis SOE (Pirna): 03501-547160 / Schutz für Männer: 0351-32345422

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Das Gefühl von Schuld und Reue, das nach der Tat oft eintritt, würden Täter dann oftmals auf Opfer übertragen, um sich nicht mehr verantwortlich fühlen zu müssen. Durch die Beratung sollen sie begreifen, dass jeder Gewaltakt eine bewusste Entscheidung ist, die sich nicht durch Ausflüchte wie Trunkenheit oder Provokation rechtfertigen lässt.

Einige Familien in Sachsen sind bei offiziellen Stellen wegen ihrer Probleme mit Gewalt bekannt. „Selbstverständlich gibt es mehrere Frauen und auch ganze Familien, über die wir uns gerade jetzt besonders Sorgen machen“, sagt Oberärztin Julia Schellong, Leiterin der Trauma-Ambulanz an der Dresdner Uniklinik. „Mit manchen führen wir täglich ein kurzes Gespräch.“ Die Trauma-Ambulanz behandelt viele Menschen, die in der Kindheit oder in langen Beziehungen Gewalt erlebt haben. „Wenn es Menschen waren, mit denen man eng verbunden ist, ist das umso schwerer zu verkraften.“

Ob sich in Corona-Zeiten bisher ein Anstieg in den 16 sächsischen Frauen- und Kinderschutzhäusern bemerkbar macht, kann das zuständige Justiz- und Gleichstellungsministerium nicht sagen. Von den 264 Plätzen in Sachsen sind derzeit 152 belegt. 32 Zimmer, verteilt über den gesamten Freistaat, stehen für schutzsuchende Frauen und deren Kinder noch zur Verfügung. Für von Gewalt betroffene Männer gibt es neun Plätze in drei Schutzwohnungen, aktuell sind sechs davon belegt. Vergleichszahlen zum Vorjahreszeitraum gebe es nicht, sagt ein Sprecher. In Beratungsstellen stelle man jedoch einen Anstieg fest. Gedeckt sei der Bedarf an Schutzplätzen in Sachsen nicht, auch wenn im April in Nordsachsen acht Plätze dazugekommen sind.

Aufmerksame Nachbarn sind wichtig

Betroffene oder Angehörige können eine ganze Reihe telefonischer Hilfsangebote nutzen, ohne sich selbst gefährden zu müssen. Eine Sächsin mit langjähriger Gewalterfahrung sagt im Gespräch, dass sie sich damals Hilfe von Nachbarn gewünscht hätte. Die haben sie für das Problem in der Beziehung gehalten, obwohl sie laute Streitigkeiten regelmäßig mitbekommen hätten. Nach außen verhielt ihr Ehemann sich galant, charmant, intelligent und gesellig, während sie durch ihre Angst vor ihm in sich gekehrt und schüchtern wirkte. Die Folgen ihrer traumatischen Erfahrungen reichen bis hin zu Suizidgedanken.

Auch Trauma-Expertin Julia Schellong sagt, wie wichtig aufmerksame Nachbarn seien. Häufige, lautstarke Streitigkeiten seien ein Anzeichen dafür, dass es Gewalt geben könnte. „Es ist wichtig, dass man hinsieht und hinhört. Wenn man einen Verdacht hat, kann jeder, der sich Sorgen macht, beim Hilfetelefon anrufen.“

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Eine ähnliche Botschaft möchte Maren Mangold Betroffenen mitgeben: „Jeder kann sich Hilfe holen, als Kind und als Erwachsener. Ich hoffe, dass andere Frauen früher in Behandlung gehen und dass Kinder sich trauen, sich an Lehrkräfte oder andere Betreuende zu wenden. Ich habe mich viel zu spät getraut.“

*Name von der Redaktion geändert

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