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Herr Intendant, wann öffnet die Semperoper wieder?

Peter Theiler spricht über Planspiele im Hause Semper, wie er Premieren verschiebt und Miese macht und darüber, was Anrechtler wissen sollten.

Peter Theiler ist in seiner zweiten Spielzeit Chef der Semperoper und derzeit allein im goldenen Rundfoyer: Das Haus ist zu. Vorerst!
Peter Theiler ist in seiner zweiten Spielzeit Chef der Semperoper und derzeit allein im goldenen Rundfoyer: Das Haus ist zu. Vorerst! ©  Ronald Bonss

Seit Mitte März ist auch die Semperoper Dresden wie alle Bühnen, Kinos und selbst Tiergärten wegen Corona geschlossen. Grund, nachzufragen, beim Intendanten, wie sein Haus als das sächsische Theaterflaggschiff derzeit und künftig arbeitet, wie er versucht, seine zweite Amtsspielzeit in Dresden zu gestalten.

Herr Theiler, was macht ein Intendant, wenn sein Theater seit fünf Wochen zwangsweise geschlossen ist?

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Es herrscht eine gewisse Anspannung. Aber es ist nicht die Zeit, sich Illusionen hinzugeben, sondern die Situation anzunehmen und zu begreifen, wie sie ist. Der Intendant, die Kolleginnen und Kollegen von der Planung, der Technischen Direktion, der Dramaturgie, der Kommunikation und der Verwaltung arbeiten weiterhin unter Einhaltung der Richtlinien des Robert-Koch-Instituts. 

Dreimal pro Woche finden Treffen der Intendanten von Staatsschauspiel und Staatsoper sowie dem Kaufmännischen Geschäftsführer statt, denn wir planen ja als Sächsische Staatstheater und müssen zusammen auf geänderte Voraussetzungen reagieren. Unser Ziel ist es, wieder zu spielen und die nächste Spielzeit gut vorzubereiten, beziehungsweise möglichst viel zu retten. Auf die derzeitige Unsicherheit sollte man mit kühlem Kopf reagieren.

Was bedeutet es für Ihr Haus, dass keine Großveranstaltungen stattfinden?

Die Empfehlung der Bundeskanzlerin besagt ja nicht, dass wir bis 31. August nicht spielen können. Wir warten also weiterhin die Beschlüsse von Sachsens Staatsregierung ab. Im Moment gilt eine Verlängerung der Beschränkungen bis 3. Mai. Ich gehe aber nicht davon aus, dass wir danach unseren Spielbetrieb unverzüglich wieder aufnehmen können. Davon geht realistischerweise niemand aus.

Der Theaterplatz vor der Semperoper ist derzeit fast menschenleer. Innen sieht es nicht anders aus.
Der Theaterplatz vor der Semperoper ist derzeit fast menschenleer. Innen sieht es nicht anders aus. © dpa/Jan Woitas

Noch steht die „Madame Butterfly“-Premiere für den 26. April auf Ihrer Webside. Ebenso andere Produktionen Sind Sie gutgläubig?

Jetzt ist wohl klar, dass die Premiere nicht kommt. Und wir hoffen, dass wir durch eine Beschlusslage für die Zeit nach dem 3. Mai eine langfristige Perspektive bekommen. Unsere Vertriebsstelle erhält auch unzählige Anfragen seitens des Publikums und versucht, aktuell zu informieren. Aber wir sind von den Vorgaben des Freistaates abhängig.

Was passiert mit den Produktionen, wenn Bühnenbilder, Kostüme, Konzeptionen und teils Inszenierungen schon fertig sind? Verschieben Sie die einfach in die nächste oder übernächste Saison?

Ich versuche, die nächste Spielzeit programmatisch möglichst wie geplant beizubehalten, auch angesichts der bestehenden Verträge und Verpflichtungen von Gästen, die für die geplanten Produktionen geschlossen wurden. Ein großer Opernbetrieb wie die Semperoper, die auf Augenhöhe mit den internationalen Spitzenhäusern arbeitet und teilweise die Sänger und Regisseure wie diese zu Gast hat, muss langfristig planen. 

Sonst bekommt es diese Künstlerinnen und Künstler halt nicht mehr. Dennoch rechne ich bereits jetzt damit, dass die nächste Spielzeit nicht ohne einige Veränderungen ablaufen wird. Für die für uns wichtige Neuproduktion von Puccinis „Madama Butterfly“, deren Bühnenbild und die Kostüme ja bereits fertig sind, bedeutet das zum Beispiel die Überlegung, sie als erste Premiere in der nächsten Spielzeit herauszubringen. 

© dpa/Robert Michael

Da ist eigentlich Rossinis wichtiger „Wilhelm Tell“ geplant. Fällt der aus?

Nein, aber die Vorbereitungen sind noch nicht so weit und wir könnten sie stoppen. So hätten wir Zeit, die Produktion auf eine andere Spielzeit zu verschieben. Das ist natürlich erst mal nur eines der Planspiele, die wir gerade durchdenken. Wir müssen alles immer wieder durchdeklinieren und zu den Unwägbarkeiten ins Verhältnis setzen: Wann bekommen wir die Künstler? Wie weit sind Staatskapelle, Ballett, Chor, Konzertbetrieb und alle Gewerke vorbereitet? Wann ist es überhaupt technisch möglich, eine Produktion oder Vorstellung zu realisieren? 

Die Oper ist wie ein Riesendampfer, der solche Veränderungen wie eine Bugwelle vor sich herschiebt. Es wäre zu hoffen, dass wir ab diesem Herbst wieder weitgehend normal spielen können. Auch wenn ich befürchte, dass wir mit den Konsequenzen der Corona-Krise noch lange leben werden müssen, und es wehtut, Abstriche machen zu müssen.

Täglich laufen für die vielen Mitarbeiter in Kapelle, Chor, Ballett oder Werkstätten immense Kosten auf, aber es fehlen die Einnahmen. Droht die Insolvenz?

Nein, als Staatsbetrieb sind wir von der öffentlichen Hand getragen. Aber unser Erfolg als Haus mit dem höchsten Deckungsgrad in Deutschland durch Eigeneinnahmen von fast 40 Prozent ist zweischneidig. Das können wir derzeit nicht schaffen, wenn wir nicht spielen. Und das Monetäre ist nur das eine: Ebenso wichtig ist die menschliche Komponente. 

Unseren Künstlern fällt daheim die Decke auf den Kopf. Sie wollen spielen. Wie soll ein Tänzer, ein Sänger oder ein Musiker Homeoffice machen? Wie aber sollen wir die hygienisch wichtigen Empfehlungen einhalten können bei Berufen, die eine große physische Nähe mit sich bringen …?

Anrechtsinhaber sind verunsichert, was mit den Tickets passiert. Was sagen Sie?

Unsere Vertriebsstelle mit dem Besucherservice arbeitet auf Hochtouren, um Tickets gegen Gutscheine auszutauschen, das Geld zurückzuerstatten oder als Spenden entgegenzunehmen.

Mit den Spielplanverwerfungen wird Ihre Handschrift verwischt – schlimm?

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Das ist dramaturgisch und ästhetisch ärgerlich, weil wir ja auch Stücke ansetzen, die wichtig für das Repertoire oder zeitaktuell in ihrer Aussage sind. Doch das ist derzeit nicht entscheidend. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir bislang unterwegs waren, ist nun erschüttert, und das sollte uns nachdenklich machen. Ich denke im positiven Sinne, dass wir aus dieser ganzen Situation, die uns weltweit zeigt, wie verletzlich wir sind, lernen werden.

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