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Langsam aus dem Schockzustand

Im Hirschberger Tal geht der Betrieb auf den Schlössern nach den Lockerungen der Corona-Zeit wieder los - wenn auch verhalten.

Morgennebel liegt über dem Schlosshotel von Karpniki im Hirschberger Tal. Wie alle anderen Einrichtungen war der Betrieb auch hier durch Corona stark beeinträchtigt. Nun starten die Schlosshotels im Tal wieder durch.
Morgennebel liegt über dem Schlosshotel von Karpniki im Hirschberger Tal. Wie alle anderen Einrichtungen war der Betrieb auch hier durch Corona stark beeinträchtigt. Nun starten die Schlosshotels im Tal wieder durch. © PR

Vier, fünf Tage währte die Schockstarre. "Dann habe ich mir gesagt, das kann so nicht weitergehen", erzählt Elisabeth von Küster. Also hat die Schlossherrin von Łomnica (Lomnitz) im Hirschberger Tal ihre Mitarbeiter zusammengetrommelt und angefangen, zu renovieren. Zu modernisieren. Das Hotel im einstigen Witwenschlösschen. Das Restaurant. „In normalen Zeiten bei laufendem Betrieb ist das ja unmöglich“, so die Hotelchefin.

Doch normal waren die Zeiten nicht. Mitte März ging es für Polens Tourismus von 100 auf Null. Und das von jetzt auf gleich. Wegen der Ausbreitung des Coronavirus schloss das Nachbarland die Grenzen. Die überwiegend deutschen Gäste des Hauses mussten abreisen. Neue konnten nicht ankommen. Und das zu einer Zeit, wenn die Saison nach den eher schwächeren Wintermonaten so richtig losgeht. "Wir mussten Mitarbeiter nach Hause schicken", sagt Elisabeth von Küster. Zeitweise war sie fast allein auf dem Anwesen, das sie zusammen mit ihrem Mann seit Anfang der 1990er Jahre aus einer kompletten Ruine in ein weithin bekanntes und beliebtes Urlaubs- und Ausflugsziel verwandelt hat.

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Sommer auf Schloss Lomnitz.
Sommer auf Schloss Lomnitz. © Sandangt

40 Stellen wurden nach und nach geschaffen. Mit freien Mitarbeitern sind nach der coronabedingten Schließung noch 28 im Boot. Zwar gab es Hilfe vom polnischen Staat – Sozialabgaben wurden über drei Monate halbiert, Kredite über diesen Zeitraum storniert. Auch Kurzarbeitergeld gezahlt. "Dafür sind wir sehr dankbar", sagt Elisabeth von Küster. Doch bis es so weit war, herrschte Ungewissheit. Viele Gäste hätten zudem später im Jahr geplante Reisen abgesagt. Und jetzt, nachdem die Grenzen wieder offen sind, kommen sie nur zögerlich. Auch Veranstaltungen – ein Besuchermagnet auf Lomnitz – konnten nicht stattfinden. Zuletzt wurde das Leinenfest Mitte Juni abgesagt. "Viele Händler haben sich aber auf solche Märkte spezialisiert. Ihnen brechen die Einnahmen weg. Doch das Risiko war zu hoch", sagt die Chefin. Sie hofft, dass es im Herbst wieder Märkte geben wird. Außerdem habe man einigen Händlern angeboten, an den Wochenenden Stände für eine symbolische Gebühr aufzubauen und Waren zu verkaufen.

Sie selbst hat in den letzten Monaten viel Rasen gewässert – stundenlang, rund um das aufgebaute Bethaus. Das Gebäude aus Fachwerk hatten die von Küsters mit dem Verein zur Pflege schlesischer Kunst und Kultur vor Jahren zunächst abgetragen. Mit Geld aus Deutschland wurde es nun nachgebaut und sollte im April eröffnet werden. Auch dies musste das Schlossteam verschieben. Nun kann das Gebäude samt Ausstellung über die Bethäuser Schlesiens ab 8. Juli besichtigt werden.

Elisabeth von Küster glaubt nicht, dass die Region auf lange Sicht durch Corona leiden wird. Bei Polen sei sie gerade sehr nachgefragt. Davon profitiere zwar Lomnitz nicht so sehr, denn junge polnische Familien nutzen eher Sporthotels oder Angebote für Ferien auf dem Bauernhof und Paare oft Wellness-Betriebe. "Beides sind wir nicht", so von Küster. Doch sie hofft, dass Touristen ebenso wieder in ihr Haus kommen. Immerhin seien Busreisen in Polen erlaubt. Es herrsche nur Maskenpflicht, alle Sitzplätze dürfen besetzt werden.

Die ersten Reisenden seien zudem eingetroffen – aus Zittau, Plauen, Dresden, dem Erzgebirge und Berlin seien sie angereist. "Für sie ist jetzt alles exklusiver und romantischer als sonst", glaubt sie. Und kann sich vorstellen, dass die Deutschen spätestens 2021 wieder verstärkt kommen. Auch weil Nahreisen an Bedeutung gewinnen und das Riesengebirge sowie das Hirschberger Tal in den letzten Jahren eine tolle Infrastruktur und gute Freizeitangebote aufgebaut hätten.

Mit Boberstein werde nun vielleicht eine der letzten Schlossruinen der Region gerettet. Der frühere Besitzer, der nicht in das Ensemble investiert hat, ist verstorben. Nun werde es saniert und soll ein Kulturzentrum werden, berichten Medien.

Vorrat an Likör aufgefüllt

Auch auf Schloss Staniszów (Stonsdorf) haben die Besitzer die Corona-Wochen für Verschönerungsmaßnahmen genutzt. Hier wurde der Schlosspark erneuert, ein Zaun zum Schutz vor Wildschweinen gesetzt. "Die Zeit des Stillstands ganz ohne Gäste war sehr hart für uns", meint Besitzer Waclaw Dzida. Zwar habe man Anfang Mai wieder erste Gäste aus Polen empfangen, doch die meisten Betten bleiben leer. "Rund drei Viertel unserer Gäste kommen aus Deutschland. Und die mussten ihre Reisen stornieren." Auch alle Gruppenreisen seien bis Ende August weggefallen. Doch seit dem 10. Juni blickt Dzida wieder hoffnungsvoller in die Zukunft: "Gleich nach Bekanntgabe der Grenzöffnung erhielten wir Anrufe von deutschen Gästen, die ihre Reise verschieben mussten und nun einen neuen Termin buchten."

Waclaw Dzida hat in den letzten Monaten auch die Vorräte des schlosseigenen Kräuterlikörs vergrößert. Die Kräuter dafür sammelt er mit seinen Söhnen in der Umgebung. Nachdem er alle Genehmigungen erhalten hat, darf er den hauseigenen Likör nun offiziell verkaufen. Er ist für die Gäste auch ein beliebtes Mitbringsel.

Wellness in Stonsdorf.
Wellness in Stonsdorf. © Szymin Bialicz

In Polen gelten noch recht strenge Hygieneregeln. So müssen im öffentlichen Raum zwei Meter Mindestabstand zwischen Personen eingehalten werden, wenn diese nicht dem gleichen Haushalt angehören. Doch in den weitläufigen Schlössern und Parks sei es nicht schwer, einander aus dem Weg zu gehen. So können Gäste im Schlosspark von Lomnitz ihre "Glücksinsel" finden, auf der sie ganz für sich sein können. "Wir bieten Besuchern eine große Auswahl von Liegestühlen und Sitzgruppen im Park", erklärt Elisabeth von Küster. Für Familien gibt es die passenden Angebote vom prall gefüllten Picknickkorb bis zum Grillpaket. Masken müssen nur in den Schlossläden und im Museum getragen werden – alles ist wieder geöffnet.

Auch die Schlösser in Karpniki (Fischbach) und Pakoszów (Wernersdorf) laden ihre Gäste zum Picknick im Park und stellen ihnen dafür Körbe mit Spezialitäten aus der Schlossküche und passende Weine zur Verfügung. In Karpniki hat man die Zeit der Schließung ebenfalls für Aufräum- und Pflegearbeiten im Park genutzt und dort neue Wohlfühl-Plätze zum Ausruhen geschaffen. Im Restaurant wurde die Zahl der Plätze reduziert, damit die Abstandsregeln eingehalten werden können. "Viele Gäste aus Deutschland hielten an ihrer Reservierung für August oder den Herbst fest", hat Paulina Serdyńska aus Karpniki erlebt. Für den Sommer erreichten sie in den vergangenen Tagen wieder mehr Anfragen aus dem Ausland, doch einige Zimmer seien in der Ferienzeit noch zu haben.

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"Die ersten Gäste aus Deutschland werden in den kommenden Tagen anreisen", erklärt Mitarbeiterin Agata Rutkowska vom Schlosshotel Pakoszów. Nachdem die für den Sommer geplanten Gruppenreisen mit deutschen Urlaubern größtenteils auf den Sommer 2021 verlegt wurden, lief das Reservierungsgeschäft seit Mai erst langsam an. Auf Gäste wartet ein neues Freizeitangebot in Form eines Freiluft-Schachspieles. In der Schließzeit haben die Besitzer, das Ehepaar Hartmann, die Arbeiten am Seehaus vorangetrieben. Der neue Hotelteil soll im Oktober 2020 eröffnet werden.

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