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Der halbe Landkreis ist im Homeoffice

Betriebe und Verwaltungen lassen zunehmend von zu Hause aus arbeiten. Doch das funktioniert nicht überall.

Homeoffice spielt in Verwaltungen und Firmen im Landkreis Görlitz in Zeiten der Coronakrise eine zunehmend wichtige Rolle.
Homeoffice spielt in Verwaltungen und Firmen im Landkreis Görlitz in Zeiten der Coronakrise eine zunehmend wichtige Rolle. © dpa-tmn

Bisher war Homeoffice im besten Fall eine angenehme Alternative zur Arbeit vor Ort am Schreibtisch des Arbeitgebers. In Zeiten der Corona-Krise wird die Heimarbeit für viele Betriebe und Verwaltungen überlebenswichtig, für die Gesellschaft minimiert sich dadurch zugleich die Ansteckungsgefahr mit dem Virus. Doch wie gut funktioniert das zwischen Görlitz und Niesky schon? Die SZ hat nachgefragt.

Stadtverwaltung Görlitz: „Wir haben Homeoffice als Pilotprojekt eingeführt“, erklärt der Görlitzer Bürgermeister Michael Wieler. Allerdings gebe es dafür noch kein richtiges Konzept. OB Octavian Ursu ergänzt: „Eigentlich waren wir mit der technischen Ausrüstung noch nicht so weit, aber in der jetzigen Situation haben wir es trotzdem angeschoben.“ Es sei aber nicht in jedem Amt möglich. Laut Wieler wird Homeoffice derzeit von etwa 20 bis 30 Verwaltungsmitarbeitern genutzt. Abgesehen von diesen Kollegen und denen, die krank oder planmäßig im Urlaub sind, sei das Rathaus vollständig besetzt. „Wir müssen handlungsfähig bleiben, haben viel zu organisieren“, sagt Ursu. Die Mitarbeiter würden allerdings versuchen, in ihren Büros zu bleiben.

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Am Untermarkt ist nicht mehr so viel los wie auf dem Bild, auch das Rathaus ist in diesen Tagen deutlich leerer. 
Am Untermarkt ist nicht mehr so viel los wie auf dem Bild, auch das Rathaus ist in diesen Tagen deutlich leerer.  © Nikolai Schmidt

Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien: Das Geldinstitut nutzt nach Angaben von Bettina Richter-Kästner die Möglichkeiten des mobilen Arbeitens erst in Einzelfällen. Auf Grund der aktuellen Situation wolle man dies jedoch erweitern, erklärt die Sprecherin. "Leider eignen sich viele Arbeitsplätze - zum Beispiel in den Filialen - nicht dazu." Bei der Sparkasse komme jedoch nicht das klassische Homeoffice zum Zuge, mobiles Arbeiten fasse man hier weiter. Dies würden nicht nur Mitarbeiter in freiwilliger Quarantäne nutzen und solche, die derzeit Probleme mit der Kinderbetreuung haben. "Das betrifft auch unsere tschechischen Angestellten, die die Grenze nicht mehr unter praktikablen Bedingungen überqueren können."

Hochschule der sächsischen Polizei Rothenburg: "Seit dem Aussetzen der Präsenzpflicht für Studierende vor ein paar Tagen sind auch die Dozenten vorwiegend ins Homeoffice gewechselt und erarbeiten Lehrmaterial für das Selbststudium", berichtet Nadja Keller vom Rektoratsbüro. Der Dienstbetrieb in der Verwaltung solle - trotz Dezimierung des Personals - soweit wie möglich aufrechterhalten werden. Hierfür habe man Ende vergangener Woche für alle Bereiche festgelegt, wer vor Ort zwingend erforderlich sei und wer in mobile Arbeit übergehen könne. Seit Montag seien deshalb nur noch Teile der Hochschulleitung anwesend, um die dienstlichen Abläufe sicherzustellen. "Vordergründig geht es dabei um die Organisation des Selbststudiums und die Vorbereitung der Wiederaufnahme des Studienbetriebes", erklärt Nadja Keller. Überdies würden Studierende und Bedienstete der Hochschule bei Bedarf die Polizeidienststellen im Freistaat unterstützen.

Siemens Görlitz: Homeoffice sei sehr wichtig, um die Mitarbeiter zu vereinzeln, stellt Unternehmenssprecher Bernhard Lott klar. "Ein Großteil der Beschäftigten nutzt die Option, mobil von zu Hause aus zu arbeiten." Alle, bei denen das möglich sei, befänden sich auf Anraten der Führungskräfte im Homeoffice. "Im Bürobereich gibt es momentan nur noch vereinzelte Kollegen vor Ort - in der Regel diejenigen, die Zugang zu bestimmten Systemen brauchen und mit sehr großen Datenmengen zu tun haben", erklärt der Sprecher. Und er stellt klar: "Die produzierenden Bereiche sind uneingeschränkt arbeitsfähig." Wobei die Mitarbeiter in der Fertigung individuelle Vereinbarungen mit ihren Vorgesetzten treffen könnten, um ihre Kinder zu betreuen. Deshalb seien auch die Schichtzeiten deutlich flexibler gestaltet worden.

Ministerpräsident Michael Kretschmer besuchte noch im Dezember das Siemens-Werk in Görlitz. Da hätte er wohl auch nicht gedacht, wie ein Virus das Land in kurzer Zeit so treffen kann. Die Produktion läuft bei Siemens aber im Moment noch, die meisten Bürol
Ministerpräsident Michael Kretschmer besuchte noch im Dezember das Siemens-Werk in Görlitz. Da hätte er wohl auch nicht gedacht, wie ein Virus das Land in kurzer Zeit so treffen kann. Die Produktion läuft bei Siemens aber im Moment noch, die meisten Bürol © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Waggonbau Niesky: Prominentester Heimarbeiter des Traditionsbetriebes ist Geschäftsführer Matus Babik. Der Slowake sitzt wegen der Corona-Zustände in Deutschland 14 Tage in häuslicher Quarantäne fest. "Einen Betrieb aus der Ferne zu leiten ist nicht einfach, aber es funktioniert. Ich habe gute Leute vor Ort, die schaffen das." Homeoffice spiele sonst noch nicht die große Rolle im Nieskyer Waggonbau. Nur ein polnischer Mitarbeiter, der im Einkauf beschäftigt sei und wegen des Grenzübertritts Probleme habe, erledige seine Aufgaben derzeit von zu Hause aus. "Wir müssen sehen, wie sich die Lage weiterentwickelt", möchte Babik noch keine Prognose zur künftigen Bedeutung des Homeoffice in seinem Betrieb treffen.

Landratsamt Landkreis Görlitz: Beim Landratsamt, das inzwischen natürlich für den Besucherverkehr geschlossen ist, sind viele Mitarbeiter im Homeoffice. 120 seien ohnehin schon vorher in der sogenannten Telearbeit gewesen, die Bedingungen dafür seien jetzt noch einmal deutlich gelockert worden. Heißt: Mobile Arbeit ist auch ohne die technischen Möglichkeiten machbar. Anders sieht es beim Gesundheitsamt aus. Von den 75 Mitarbeitern ist natürlich der größte Teil aktuell mit Corona beschäftigt und auch im Amt zugegen. „Unsere Beratungsangebote wie Tumorberatung oder Sozialpsychiatrischer Dienst laufen weiter, wir halten sie aber auf kleiner Flamme. In Härtefällen sind auch Hausbesuche durch unsere Mitarbeiter möglich“, so Amtsärztin Annegret Schynol.

Sehr viele Mitarbeiter des Landratsamtes sind zuhause. 
Sehr viele Mitarbeiter des Landratsamtes sind zuhause.  © Pawel Sosnowski/80studio.net

Volksbank Raiffeisenbank Niederschlesien: Vorstand Sven Fiedler spricht von einer knappen Handvoll Mitarbeiter, die derzeit bereits im Homeoffice tätig sind. Die Zahl werde jedoch permanent erhöht, sobald die schon georderte Technik einsatzbereit sei. "Dann können 15 weitere Kollegen von zu Hause aus arbeiten." Insgesamt lasse sich deren Anzahl auf 25 bis 30 ausbauen - etwa ein Drittel aller Angestellten im internen Bereich, der die Verwaltung und die Führungskräfte umfasst. "Bei uns wird niemand dazu gezwungen, wegen der Gesundheitsvorsorge ist dies aber ein sehr sinnvoller Schritt."

Planungsbüro Hennig Niesky: Inhaber Mathias Hennig sieht seine Mitarbeiter nicht ganz so sehr gefährdet. Kundenkontakte würden auf ein notwendiges Mindestmaß begrenzt, der Großteil der Planungsarbeit laufe am Rechner. Zwar seien drei für die Heimarbeit geeignete Laptops bereits da. "Wir arbeiten aber oft mit so großen Datenmengen, da müssen die Bandbreiten einfach stimmen. Die sind eben noch nicht überall verfügbar." Deshalb: Homeoffice sei zwar eine gute Sache, aber die technischen Voraussetzungen müssten vorhanden sein.

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Stadtverwaltung Rothenburg: Im Rothenburger Rathaus wird die Arbeit der Beschäftigten angesichts der Corona-Krise immer mehr auf Heimarbeit umgestellt. Fünf entsprechende Arbeitsplätze wurden bestellt und sollen in den nächsten Tagen eingerichtet werden. Dann arbeiten die Angestellten mit den für die Stadt wichtigsten Aufgaben - außer der Bürgermeisterin - außer Haus. Dazu zählen die beiden Fachbereichsleiterinnen für Finanzen und allgemeine Verwaltung ebenso wie der Projektmanager, der so wichtige Vorhaben wie den Neubau von Schulkomplex, Sporthalle und Bürgerzentrum unter seinen Fittichen hat. "Das sind sehr sensible Bereiche. Ich denke, damit gewinnen wir an Sicherheit für die Entwicklung unserer Stadt", erklärt Heike Böhm. Würden weitere Kollegen in Heimarbeit gehen wollen, sei sie durchaus gesprächsbereit.

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