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Kein Geld wegen Covid: "Ein Riesenskandal"

Weil Ben nach einem Corona-Fall im Niedercunnersdorfer Hort in Quarantäne musste, betreute ihn sein Vater - und erlebt Chaos beim Thema Verdienstausfall.

Corona Fälle im Hort Niedercunnersdorf.
Michael Zimmer und Sohn Ben im Garten.
Honorarfrei für Produkte von sächsische.de und Sächsischer Zeitung.
Corona Fälle im Hort Niedercunnersdorf. Michael Zimmer und Sohn Ben im Garten. Honorarfrei für Produkte von sächsische.de und Sächsischer Zeitung. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Ben Zimmer hat neun Tage in Quarantäne hinter sich. So wie 33 weitere Hortkinder und drei Mitarbeiter der Einrichtung in Niedercunnersdorf. Der Grund: Der Siebenjährige hatte Kontakt zu einem Erzieher, der Anfang der dritten Augustwoche positiv auf das Coronavirus getestet worden war.

Dass es Ben generell gut geht, freut seinen Vater Michael natürlich. Er hat auch bereitwillig die Betreuung seines Sohnes übernommen - davon ausgehend, dass er Anspruch auf Verdienstausfall hat. "Die Sache schien klar, anfangs hieß es am Bürgertelefon des Kreises, Verdienstausfall zu erhalten, sei kein Problem", sagt er. Doch dann kam der Hammer als er ein Zusatzblatt zum Quarantäne-Bescheid seines Sohnes las: "Dort stand, dass kein Anspruch auf Entschädigung des Verdienstausfalls nach Infektionsschutzgesetz besteht - extra fett gedruckt", sagt Zimmer.

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Der 40-Jährige, der mit seiner Frau und den beiden Kindern in Liebesdörfel bei Löbau wohnt, war schockiert, fragte nach und erfuhr, warum er wie viele andere durchs Raster fallen soll: Im Infektionsschutzgesetz ist zwar eine Entschädigung für Eltern von unter Quarantäne stehenden Kindern vorgesehen, aber nur dann, wenn die Einrichtung von den Behörden unter Quarantäne gestellt und geschlossen worden ist. Und das trifft hier nicht zu. Auf diesen Paragrafen 56 berufe sich jedoch die dem Kreis übergeordnete Landesdirektion, wurde den Zimmers mitgeteilt. Übersetzt heißt das: Während Erwachsene, die in Risikogebieten Urlaub gemacht haben und in Quarantäne müssen, sehr wohl Verdienstausfall erhalten, klappt das bei Eltern, die ihre Quarantäne-Kinder betreuen müssen, nicht.

Nach einem Corona-Fall im Hort Niedercunnersdorf stehen 34 Kinder und drei Mitarbeiter unter Quarantäne.
Nach einem Corona-Fall im Hort Niedercunnersdorf stehen 34 Kinder und drei Mitarbeiter unter Quarantäne. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Für Michael Zimmer ist das eine familienfeindliche Haltung. "Ich bin wahrlich kein Corona-Kritiker oder -Leugner, wir haben uns an alles gehalten, sogar auf Urlaub im Ausland in diesem Jahr verzichtet", beschreibt er. Aber eine gesetzliche Grauzone auszunutzen, ist für ihn "ein Riesenskandal". Wie soll er denn aber arbeiten gehen, er kann ja seinen Siebenjährigen nicht allein zu Hause lassen und dafür auch niemand anderen einspannen, argumentiert er.

Hätte denn nicht der Kreis den Eltern zuliebe die Einrichtung wenigstens zum Teil schließen lassen können? Nein. Prinzipiell, so betont Kreis-Ordnungsamtsleiter Falk Werner Orgus, entscheiden im Corona-Fall nicht die Behörden über eine Schließung, sondern immer die Träger einer Einrichtung. Diese Linie verfolgt das Landratsamt von Beginn an. Schließlich könne der Träger einer Kita oder eines Hortes viel besser ermessen, ob eine Schließung nötig oder ein Weiterbetrieb möglich sei. Nur im Gefahrenfall ordne der Kreis eine Schließung an. So sei das übrigens in ganz Sachsen, erklärt auch das Sozialministerium auf Nachfrage.

Pech für Quarantäne-Eltern?

In Niedercunnersdorf, so bestätigt es Katrin Merker, Geschäftsführender Vorstand beim Verein Kinderland-Sachsen, der den Hort betreibt, war die Einrichtung aber eben nicht geschlossen. Nur am 20. und 21. August habe man aus Personalgründen lediglich von 6.30 Uhr bis 12.30 Uhr geöffnet, erklärt Frau Merker. Seither sei die Einrichtung wie gewohnt geöffnet. Für die vom Gesundheitsamt in Quarantäne geschickten Personen bestehe ein Betretungsverbot. Glück für Eltern, die ihre Kinder weiter betreuen lassen konnten.

Haben also die Quarantäne-Eltern wirklich Pech? Das Sozialministerium räumt auf SZ-Anfrage ein, diese Problematik zu kennen. Inzwischen sei die Sache aber eindeutig geklärt - im Sinne der Eltern: "Die Landesdirektion Sachsen entschädigt auch Eltern von Kindern, deren Klassenverband vom Schulbetrieb ausgeschlossen oder die einzeln in Quarantäne gestellt wurden, wenn alle weiteren gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind", bestätigt Ministeriumssprecherin Juliane Morgenroth. Seit 15. Juli gilt diese Neuerung. Das bestätigt im Übrigen auch die Landesdirektion, die nach der SZ-Anfrage hellhörig geworden ist, und erneut per Rund-Mail alle Gesundheitsämter nochmals auf diese Änderung hingewiesen hat.

Glück mit Arbeitgeber

Michael Zimmer freut sich über diese Wendung. Einen Antrag kann sein Arbeitgeber nun noch stellen. Ohnehin hat er mit seinem Job in dem Fall Glück gehabt: "Mein Arbeitgeber ist sehr kulant", erklärt er. Zimmer arbeitet bei der Agentur Maßarbyte in Dresden, einem Unternehmen, das Firmen bei Vermarktung und Warenwirtschaftssystemen im Internet unterstützt. Die Firma betreibt ein Büro in Ebersbach, Michael Zimmer kann aber auch im Homeoffice arbeiten.

Wobei Homeoffice zuletzt eine schwierige Sache war, denn auch das dreijährige Geschwisterchen von Ben musste zu Hause bleiben: Die Kita, ebenfalls vom Verein Kinderland getragen, hatte die Familie kurz nach dem Vorfall im Hort angerufen und aufgefordert, wegen der Quarantäne von Ben nun auch das Geschwisterchen zu Hause zu betreuen. Kinderland-Vorstand Katrin Merker bestätigt, dass man der Kita-Leitung dies dringend empfohlen habe. "Nach Rücksprache mit dem Gesundheitsamt haben wir das jedoch wieder rückgängig gemacht", sagt sie. Es sei kein Kind tatsächlich abgewiesen worden. Den Zimmers ist das neu: "Wir sind nicht darüber informiert worden", sagt der Vater und ist froh, dass ab kommender Woche erst mal wieder alles in geordneten Bahnen laufen kann. Möglichst ohne Kommunikationspannen.

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