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Corona: So erwacht Dresden zum Leben

Zwischen Schockstarre und Bewegungsdrang: Handydaten zeigen, wie mobil die Dresdner sind und wie viele in letzter Zeit kaum vor die Tür traten.

Die Prager Straße wird von Tag zu Tag voller.
Die Prager Straße wird von Tag zu Tag voller. © Christian Juppe

Dresden. Friseure dürfen seit Montag wieder öffnen, ebenso Kaufhäuser und Einkaufszentren, wenn sie die Kundenströme steuern. Dresden kehrt zur Normalität zurück, Dresden wird mobiler. Was das heißt, lässt sich erst verstehen, wenn man sich anschaut, was Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen in den vergangenen Wochen bewirkt haben. Anhand von Handydaten haben die Berliner Humboldt-Universität und das Robert-Koch-Institut auch die anonymisierten Bewegungsdaten der Dresdner ausgewertet. Und eines lässt sich erkennen: Bis zum Wochenende herrschte in vielen Haushalten noch Corona-Schockstarre.

An welchen Tagen war es in Dresden am ruhigsten?

Die Starre setzte bereits Anfang März ein, als noch alle Geschäfte, alle Schulen und Kitas, und alle Kneipen öffnen durften. Ihren ersten Tiefpunkt erreichte die Mobilität der Dresdner aber an dem Tag, als die Ausgangsbeschränkung in Kraft trat, die Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) angeordnet hatte. Im Osten der Stadt wurden an jenem Sonnabend rund 60 Prozent weniger Reisen gezählt, im Norden gut 40 Prozent. Zum Vergleich sind alle Samstage im März 2019 herangezogen worden. Als Reise gilt, wenn sich eine Person mit ihrem Handy zwischen mehreren Funkzellen bewegt, also mehr als nur einen kurzen Spaziergang unternommen hat. 

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Geht man nach diesen Daten, war der Ostermontag der Tag, an dem es in Dresden so ruhig war wie wahrscheinlich noch nie an einem Oster-Feiertag. Das kühle und graue Wetter dürften dazu beigetragen haben.

In welchen Stadtteilen haben sich die Menschen zu Ostern weniger an die Regeln gehalten?

Sonnenschein und frühlingshafte Temperaturen herrschten am Ostersonntag in Dresden. Gleichzeitig galt, dass man weder Eltern und Geschwister noch Oma und Opa besuchen durfte, sofern diese nicht im selben Haushalt leben. Darüber hinaus hatte das Verwaltungsgericht verfügt, dass man sich nicht weiter als 15 Kilometer von der eigenen Wohnung wegbewegen durfte. Trotzdem zog es viele Dresdner an diesem Tag nicht nur kurz vor die Haustür, wie die Bewegungsdaten zeigen. Und es gibt deutliche Unterschiede zwischen den Stadtbezirken: Wurden im Osten Dresdens rund 30 Prozent weniger Ausflüge unternommen, näherten sich die Bewohner des Nordens fast dem normalen Niveau.

Erwacht Dresden jetzt wieder aus der Starre?

Erwacht ist Dresden zumindest bis zum Wochenende noch nicht ganz. Die Bewegung lag in den vergangenen Tagen mit durchschnittlich minus 20 bis minus 30 Prozent immer noch deutlich unter der des Vergleichszeitraumes. Der Mai-Feiertag war noch stiller.

Aber insgesamt geht es langsam aufwärts, und zwar seit Ostern schon. Das dürfte auch damit zu tun haben, dass kleinere Geschäfte seit dem 20. April wieder öffnen dürfen und die 15-Kilometer-Grenze aufgehoben wurde. Insbesondere die Wochenenden werden genutzt, um sich vom Heim, dem heimischen Klassenzimmer und dem Homeoffice wenigstens zeitweise zu verabschieden.

Nutzen die Dresdner denn die offenen Geschäfte wieder?

Es scheint zumindest so. Wie die Passantenzählung auf der Prager Straße zeigt, ist der absolute Tiefpunkt offenbar überwunden. Im Vergleich aller Samstag der vergangenen zwei Monate war das der 21. März. Zwischen Karstadt und Centrumgalerie sind an diesem Tag insgesamt weniger als 5.000 Menschen gezählt worden. Ein Abschnitt, auf dem am Sonnabend drei Wochen zuvor noch knapp 50.000 unterwegs waren. Das geht aus den Daten der Plattform Hystreet.com hervor. 

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Das Unternehmen misst mit Hilfe von Laserscannern die Anzahl der Passanten. Und die Zahlen zeigen, dass sich die Prager Straße ihren Ruf als Einkaufsmeile zurück erkämpft. Am vergangenen Sonnabend sind fast 20.000 Passanten gezählt worden, wobei weder Karstadt, noch Altmarktgalerie und Centrumgalerie in Gänze öffnen durften.

Wie hoch waren die Umsatzeinbußen während der Schließungen?

Nimmt man an, dass der Umsatz proportional zu den Passantenzahlen ist, dann lagen die Einbußen auf der Prager Straße während des harten Lockdowns bei rund 90 Prozent. Demnach würden sich die verbleibenden zehn Prozent auf offene Geschäfte wie die Karstadt-Lebensmittelabteilung, Drogerien oder Apotheken verteilen. Eine ungenaue Rechnung, natürlich. Zumal keine höherpreisige Ware wie Elektronik oder Kleidung verkauft werden durfte. Dennoch rechnen Wirtschaftswissenschaftler nun mit einem Aufhol- und vielleicht sogar einem Nachholeffekt. 

"Die tatsächlichen Umsätze könnten sogar noch etwas höher sein, wenn die Kunden ihre Ausgaben pro Innenstadtbesuch im Vergleich zur Normalsituation erhöhen", sagt Gabriel Felbermayr, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Er stellt auch fest, dass trotz der Lockerungen immer noch das politische Ziel erreicht sei, Menschenansammlungen in den Innenstädten zu verhindern. "Dies könnte daran liegen, dass die Gastronomie weiterhin geschlossen hat. Außerdem dürfte es eine Weile dauern, bis die Konsumenten ihre Angst vor Ansteckung überwunden haben."

Wie sollen Ansammlungen in der Zukunft verhindert werden?

Mit dem Mobilitätsverhalten der Dresdner während der Corona-Epidemie will sich auch die Stadtverwaltung näher beschäftigen. "Wir sind notgedrungen weniger und anders unterwegs, unsere Alltagsroutinen sind durchbrochen und normalisieren sich nur langsam", so Verkehrsbürgermeister Raoul Schmidt-Lamontain (Grüne). In solch einer Krise müsse das Verkehrssystem entsprechend gestaltet werden - dafür brauche es Daten. Deshalb bittet Schmidt-Lamontain alle Dresdner, sich an der Studie zu beteiligen.

Um das geänderte Mobilitätsverhalten zu erforschen, erhebt die Technische Universität  Dresden ab sofort Daten mit der App TravelVu. Bis Ende Juni wird man mitmachen können. Jeder Teilnehmer erfasst mit der App sein Mobilitätsverhalten über mindestens eine Woche hinweg, "gern auch länger", so der Bürgermeister.

Die Daten werden anonym erfasst und ausgewertet. Rückschlüsse auf die einzelne Person seien nicht möglich, so die Stadt. Mitmachen können alle Personen ab 18 Jahren, die sich überwiegend in Dresden aufhalten. 

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