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Arbeitsverbot vom Staat

Sie beschallen Parties in Firmen und Ämtern, geben Konzerten den richtigen Ton. Nun ist das Geschäft der Event-Techniker tot. Wie überlebt man das?

Philipp Boegershausen, Concerts Veranstaltungstechnik, sitzt in seinem Büro. Der Geschäftsinhaber hatte die Firma erst 2018 übernommen.
Philipp Boegershausen, Concerts Veranstaltungstechnik, sitzt in seinem Büro. Der Geschäftsinhaber hatte die Firma erst 2018 übernommen. © Nikolai Schmidt

"Mit einem Wort: beschissen" - so beschreibt Philipp Boegershausen seine Situation. Er ist Geschäftsinhaber der Firma Concerts an der Landeskronstraße.  Als Veranstaltungstechniker beschallt er normalerweise große und kleinere Zusammenkünfte. Bei den Stadtwerken zum Beispiel oder bei Bombardier. "Das ist alles weg", sagt er heute. Gut, die Stadtratssitzung ist ihm geblieben - ein Tropfen auf den heißen Stein. 98 Prozent beträgt der Umsatzrückgang, seit Corona alle Veranstaltungen stoppte.

Aufträge bis in den Oktober abgesagt

"Aufträge sind bis in den Oktober abgesagt", schildert Philipp Boegershausen.  Das Problem sei jedoch, selbst,  wenn die Regierung sagt, Veranstaltungen sind ab Oktober wieder erlaubt, werde doch keiner gleich im November wieder damit beginnen, sagt er. 

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"Ja, es ist existenzbedrohend, was ich gerade erlebe", sagt Philipp Boegershausen. 2018 hatte er das Geschäft von Firmengründer Christian Günzel übernommen. Der hatte es nach der Wende gegründet. "Inzwischen habe ich investiert. Und die Kosten laufen weiter", sagt Philipp Boegershausen. Dennoch, den Kopf in den Sand zu stecken,  komme für ihn nicht in Frage.

Verlorenes Jahr für den Berufsstand

Frank Reimann sieht das ähnlich. "Wir waren die ersten, die abgeschaltet wurden und sind wohl eine der letzten, die wieder angeschaltet werden", sagt der Chef von VTS Event.  "Aber wir werden überleben", gibt er sich kämpferisch. Wobei auch er Großveranstaltungen verlor: Viathea zum Beispiel, Veranstaltungen bei Industriebetrieben, aber auch von privat.

Den Umsatzrückgang hat Frank Reimann genau ausgerechnet. 94,6 Prozent sind es. Kurzarbeit ist bei seinen Mitarbeitern angesagt, aufgestockt auf 80 Prozent. In seinem Geschäft an der Hospitalstraße läuft der Verkauf mit eingeschränkten Öffnungszeiten. "Wir decken sonst die Ausgaben nicht", sagt Frank Reimann.

Er sieht 2020 als ein verlorenes Jahr für seinen Berufsstand. "Niemand wird auf Knopfdruck plötzlich wieder Veranstaltungen machen", ist er sich sicher. Mit größeren Veranstaltungen rechnet er erst wieder im kommenden Jahr. Alternativen gebe es wenige. "Kochshows und Ähnliches brauche ich nicht zu machen wegen der Hygienevorschriften", sagt Frank Reimann. Auch Veranstaltungen in Märkten, wie etwa dem Neißepark, entfallen. "Eigentlich sind die ja dazu gedacht, die Kunden länger in der Einrichtung zu halten. Heute sollen sie aber möglichst schnell kaufen, damit die nächsten Kunden hineinkönnen", sagt er.

Ja, die Situation sei sehr, sehr schwierig. "Vor allem", sagt Frank Reimann, "weil wirklich niemand voraussagen kann, wie lange sie noch andauert."

Veranstaltungs-Aus war wie ein Schlag ins Gesicht

Als vor einer Woche Gebäude als Protest der Branche rot angestrahlt wurden, hatte Harald Sturm seine Technik am Dicken Turm aufgestellt. "Es war ein beeindruckendes Erlebnis", sagt er. Weniger beeindruckend sei der Anlass gewesen: das Aus der Veranstaltungen. "Es war wie ein Schlag ins Gesicht", so erinnert sich Harald Sturm von Sturmevents am Gewerbering. "Es kam sehr abrupt". Eine abgesagte Messe in Löbau war der Anfang. Es folgte das Mutter-Kind-Zentrum am Görlitzer Klinikum. "Allein im März fehlten plötzlich 20.000 Euro Umsatz", so Harald Sturm. 

Protest der Branche: In der Night of Lights wurde in Görlitz unter anderem der Dicke Turm rot angestrahlt.
Protest der Branche: In der Night of Lights wurde in Görlitz unter anderem der Dicke Turm rot angestrahlt. © Nikolai Schmidt

"Wir kamen gerade aus dem Winterbetrieb. Und plötzlich: nichts", schildert er. Dabei wisse er nach 30 Jahren im Geschäft genau, was an Geldern hereinkommen muss. Aber es kam nichts, auch in den folgenden Monaten nicht. "Es ging finanziell bergab", sagt Harald Sturm. Gut, die 9.000 Euro Zuschuss seien schon hilfreich. "Ein fairer Zug der Verantwortlichen", so nennt es Harald Sturm. Aber auch bürokratisch aufwendig. "Es verging schon ein Monat, bevor wir die ersten Anträge stellen konnten", sagt er. Hinzu kam das Beantragen des Kurzarbeitergeldes.

Durchhalten geht nur noch bis November

"Wir haben ein staatlich verordnetes Arbeitsverbot", so formuliert es Harald Sturm. Und: "Die Ausgaben laufen weiter." Bis November, so schätzt er, könne das Sturmevents im besten Fall durchhalten. "Wenn nichts passiert, müssen wir die Firma abmelden. Das wäre ein Trauerspiel. Schließlich sind wir eine Traditionsfirma in der Stadt., so Harald Sturm.

Die Elbe-Flugzeugwerke, Birkenstock zählen unter anderem normalerweise zu seinen Kunden. "Selbst, wenn wir für 1.000 Leute etwas machen dürfen, sind da immer noch die Hygienevorschriften. Setzen Sie mal nur 100 Leute mit jeweils 1,50 Meter Abstand in ein Zelt. Wie groß soll denn da das Zelt sein? Reine Augenwischerei", sagt Harald Sturm.

Lichtblicke gibt es nur ganz kleine

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Inzwischen gebe es ganz kleine Lichtblicke. Das Mutter-Kind Zentrum will wohl seine Veranstaltung in kleinem Rahmen nachholen, auch die Görlitzer Gleis- und Tiefbau GmbH will mit Sturmevents 30. Jubiläum feiern. "Trotzdem, bei allem Verständnis für die Corona-Maßnahmen: Es muss eine Entscheidung  'von oben' getroffen werden.Wir wollen wieder komplett loslegen", sagt Harald Sturm. Nichts zu tun zu haben, macht ihn offenbar auch ein bisschen hibbelig: Wir haben für 3.500 Euro Material hier stehen. Alles ist durchgereinigt, alles repariert, die Boxen gestrichen." Wie die anderen Görlitzer Veranstaltungstechniker will Harald Sturm loslegen. Fraglich aber, ob es mit großen Veranstaltungen in diesem Jahr noch etwas wird.

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