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Die Kunst, die Corona-Zeit zu überstehen

Das Künstlerleben ist frei, aber nicht unbeschwert. Kostümbildnerin Antonia Tittel arbeitet zweigleisig, um auf Spur zu bleiben.

Kostümbildnerin Antonia Tittel (l.) freut sich, dass sie wieder etwas Arbeit hat. Hier steht ihr Elke Pieschner fürs Landschaftstheater in Kleingießhübel Modell.
Kostümbildnerin Antonia Tittel (l.) freut sich, dass sie wieder etwas Arbeit hat. Hier steht ihr Elke Pieschner fürs Landschaftstheater in Kleingießhübel Modell. © Steffen Unger

Es war die Zeit, Pläne zu schmieden und Ideen zu entwickeln. "Wegen Corona waren im Frühjahr ja alle Veranstaltungen abgesagt worden", sagt Antonia Tittel. Eine gute Planung und Konzepte sind zwar auch in ihrem Metier wichtig. Nur satt wird man davon allein nicht.

Antonia Tittel ist Schauspielerin und arbeitet auch als Kostümbildnerin. Es kommt ihr jetzt zugute, dass sie sich in den vergangenen Jahren dieses zweite Standbein erarbeitet hat. Jetzt sitzt sie in einem Anbau in Kleingießhübel, näht und bastelt. Die vergangenen Wochen waren von viel Arbeit geprägt. "Endlich", sagt die 37-Jährige. 

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Sie wurde vom Verein Sandsteinspiele als Kostümbildnerin engagiert. Am 11. Juli feierte das Landschaftstheater-Stück "Robin Hut" Premiere. Bis zum letzten Tag wurden Kostüme fertiggestellt. "Die zwei Wochen vor der Premiere waren schon sehr anstrengend", sagt Tittel. 

Jeden Abend kamen zwei, drei Darsteller zur Anprobe vorbei. Jeder Stachel des Igel-Kostüms wurde einzeln angenäht. Bei den Insekten-Kostümen war auch Bastel-Arbeit mit Klebe-Pistole und Werkzeug gefragt. 

Die Sicherheit fehlt am meisten

Wie schwer es sein muss, die Lungen-Krankheit Covid-19 zu überstehen, will sich Antonia Tittel gar nicht ausmalen. Doch auch für Schauspieler ohne Festanstellung an einem Haus ist es derzeit immer noch eine Kunst, die Corona-Zeit zu überstehen. 

Dabei hat die Soforthilfe des Bundes sehr geholfen, die im Frühjahr auch Tittel beantragt hatte. Damit konnte sie erst einmal ausgleichen, was an Honoraren der abgesagten Veranstaltungen verloren gegangen war. "Wir leben ja von Ansammlungen von Menschen. Die wurden aber verboten oder ersatzlos gestrichen", sagt sie.

Die riesigen Honorare, die es etwa für Hauptrollen in teuren Filmproduktionen gibt, waren es bei ihr ohnehin nicht. Viele Künstler leben in bescheidenen Verhältnissen und sind dennoch froh, dass sie tun können, was ihnen Erfüllung bringt. Tittel ist bewusst, dass es auch andere niedrig bezahlte Jobs gibt. "Als Angestellte hat man aber wenigstens ein Stück Sicherheit. Die haben wir Freiberufler in solchen Zeiten jetzt nicht", sagt sie. Sie kenne viele Kollegen, die unter der Armutsgrenze leben.

Künstler müssen findig sein

Im künstlerischen Bereich müsse man sowieso findig sein, für den Fall, "wenn man weg vom Fenster ist", sagt sie, wenn ein Stil oder ein Typ nicht mehr gefragt sind. Oft verlaufe der berufliche Werdegang in Kunst und Kultur auch periodisch. Mal laufe es sehr gut und dann kommt wieder eine Durststrecke. 

Als ab März gar nichts mehr ging, hat sie sich auf ihre Fähigkeiten beim Nähen gestützt. Sie hatte etwas Geld damit verdient, dass sie Mund-Nasen-Schutz genäht hat, die dann in Apotheken oder anderswo verkauft wurden. "Das war dann aber vorbei, als die Industrie Massenware produziert hat, die in Discountern angeboten wurde", so Tittel.

Nähwerkstatt im Kuhstall

Der Gedanke, sich einen anderen Job suchen zu müssen, schwingt immer mal mit. Auch deshalb, weil sie Verantwortung für ein Vorschul-Kind trägt - wie der Kindsvater natürlich auch. Umso dankbarer ist sie, dass sich der Verein Sandsteinspiele trotz aller Unwägbarkeiten und Verluste wegen corona-begrenzter Zuschauerzahlen zum Spielen entschieden hat. 

Im dritten Jahr mischt sie hier mit. Eigentlich ist sie im Schwarzwald zuhause. Dort entwirft und plant sie Kostüme, arbeitet sozusagen im Homeoffice. Wenn die Proben fürs Landschaftstheater beginnen, zieht sie in die Sächsische Schweiz. "Hier werden wir immer sehr nett aufgenommen", sagt sie. 

Dieses Mal bei Ute Gurtz in Kleingießhübel. In einem ausgebauten früheren Kuhstall wurde kurzerhand die Nähwerkstatt eingerichtet. Dafür ist Tittel sehr dankbar. "Wir fühlen uns rundum wohl hier", sagt sie. Das Engagement der Vereinsmitglieder und Laiendarsteller sei bewundernswert.

Publikum ist dankbar

In Freiburg hatte sie einst Schauspiel studiert. Das Schneiderhandwerk und vieles mehr hat sie von Kostümbildnerin Elena Anatolevna gelernt. Diese hatte bei früheren Produktionen des Landschaftstheaters den Hut auf, wenn es um kreative Kostüme ging. Das weckte bei Antonia Tittel die Begeisterung. Nun trägt sie selbst die Verantwortung bei der Umsetzung der Kostüm-Entwürfe und wird dabei von einer pensionierten Schneiderin unterstützt.

"Die Corona-Krise hat unsere Branche hart getroffen", sagt sie. Die Soforthilfe hat beim Überbrücken der harten Corona-Maßnahmen geholfen. Dass es das noch mal gibt, schließt sie aus. Ihren Optimismus hat sie trotzdem nicht verloren. Zumal es auch wieder die nächsten Aufträge gibt. Solange es eben geht, will sie ihrer Leidenschaft treu bleiben - dem Theater. Das Publikum ist sehr dankbar dafür. In Kleingießhübel gab es heftigen Applaus für das Stück und die Möglichkeit, endlich wieder Kultur zu erleben. Die Vorstellungen am kommenden Wochenende sind komplett ausverkauft.

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