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Desinfektion versprochen, Wasser geliefert?

Kaufland in Zittau verkauft ein Mittel, das fast nur aus Wasser besteht. Selbst der Hersteller gibt Zweifel an der Wirksamkeit zu.

Die Kaufland-Filiale in der Zittauer Keimannstraße.
Die Kaufland-Filiale in der Zittauer Keimannstraße. ©  Archivfoto: Thomas Eichler

Geschäfte zu Zeiten der Corona-Krise sind zum Teil auch Geschäfte mit der Angst. Etwa der, dass Klopapier ausgehen könnte - für das dadurch bedingte Hamstern können Supermärkte nichts. Aber was darf man alles als "Desinfektion" verkaufen? Diese Frage stellt sich bei einem Angebot eines Kaufland-Marktes in Zittau.

Ein SZ-Leser wollte auf Nummer sicher gehen. Desinfektionsmittel? Quasi flächendeckend ausverkauft. Da sorgte dieser gute Posten von Flaschen mit der einfachen Aufschrift "Desinfektion" im Zittauer Kaufland für Glücksgefühle. Der Preis von beinahe 20 Euro? Egal. Der Leser griff zu. Seiner und der Schutz der Familie vor dem tückischen Virus sollte schließlich nicht an ein paar Euro scheitern. Erst stutzte er, als die "Desinfektion" auf dem Kassenbon nicht als Hygiene-Produkt, sondern als "Tonträger" ausgewiesen war. Kaum daheim, mehrten sich die Zweifel des SZ-Lesers am Nutzen seines teuren Kaufs erheblich.

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Fast bloß Wasser

Ausweislich des Etiketts gibt sich jene "Desinfektion" als wahrer Tausendsassa. Für Hände ebenso geeignet wie für Oberflächen, "beseitigt Bakterien, multiresistente Krankenhauskeime" ebenso wie "umhüllte Viren" und ist dazu noch "unbedenklich für Mensch und Tier". 

Dann aber fiel der kritische Blick des Lesers auf das Rückenetikett der Flasche. Als Inhaltsstoff ist dort zu 97,55 Prozent H2O aufgeführt - also nichts anderes als Wasser. Weitere Bestandteile sind zu 1,9 Prozent die Chemikalie H2O2 - landläufig bekannt als Wasserstoffperoxid - und zu einem noch geringeren Teil Glycerin. Der Kaufland-Kunde kam ins Grübeln: Kann beinahe reines Wasser wirklich desinfizierend wirken?

Laut Etikett ist die "Desinfektion" für Hände und Flächen geeignet und tötet Bakterien und Viren ab.
Laut Etikett ist die "Desinfektion" für Hände und Flächen geeignet und tötet Bakterien und Viren ab. © privat
Die "Desinfektion" besteht ganz überwiegend aus Wasser (H2O) und zu winzigen Teilen aus Wasserstoffperoxid (H2O2) und Glycerin (C3H8O3).
Die "Desinfektion" besteht ganz überwiegend aus Wasser (H2O) und zu winzigen Teilen aus Wasserstoffperoxid (H2O2) und Glycerin (C3H8O3). © privat
Auf dem Kassenbon ist die "Desinfektion" als "Tonträger" ausgewiesen.
Auf dem Kassenbon ist die "Desinfektion" als "Tonträger" ausgewiesen. © privat

Ist Nachfrage wichtiger als Nutzen?

Tatsächlich blondiert jenes Wasserstoffperoxid nicht bloß Haare, sondern dient auch als Desinfektionsmittel. So wird die als umweltfreundlich geltende Chemikalie etwa im medizinischen Bereich eingesetzt oder auch in industriellen Flaschen-Abfüllanlagen - allerdings in einer Konzentration von drei Prozent - statt der 1,9 Prozent wie in der bei Kaufland vertriebenen "Desinfektion".

SZ hat bei dem zur Neckarsulmer Schwarz-Gruppe (Lidl) gehörigen Kaufland nachgefragt, ob man die Wirksamkeit jenes Mittels je überprüft habe. Die Antwort lässt nicht darauf schließen, dass es dem Konzern wirklich darauf angekommen wäre. "Unsere Kaufland-Filiale in Zittau hat während der Corona-Pandemie, als Desinfektionsmittel kaum erhältlich waren, einen Posten erworben, um dem steigenden Bedarf ihrer Kunden entsprechen zu können", heißt es von der Unternehmens-Kommunikation. Der Angebotspreis von 19,99 Euro liege darüberhinaus unter der "Unverbindlichen Preisempfehlung" des Herstellers. Die Bezeichnung des Mittels auf dem Kassenbon als "Tonträger" sei zudem "technisch bedingt".

"Quasi Plan B"

Die Kaufland-Unternehmenskommunikation versorgte SZ zusätzlich mit dem Produkt-Spezifikations-Blatt des österreichischen Herstellers. Und der bezeichnet seine "Desinfektion" darin selbst gewissermaßen als Notnagel.

"Ja es ist richtig, dass die WHO (Weltgesundheitsorganisation) als Desinfektionsmittel eine Verbindung aus Ethanol, Wasserstoffperoxid und Glycerin empfiehlt", schreibt der Hersteller da. Ethanol - also reiner Alkohol - ist in dem Produkt eben nicht enthalten. Und der Hersteller mag die desinfizierende Wirkung des Produkts selbst nicht garantieren. Er schreibt weiter: "Und ja es ist richtig, dass über die Wirksamkeit verschiedene Auffassungen in ein und derselben Berufsgruppe bestehen. Das geht von Ärzten bis zu Apothekern bis hin in den universitären Bereich."

Aber was soll man denn machen - in so einer Krise? Der Hersteller erklärt es: "Da derzeit in Österreich aber Ethanol nicht, oder nicht in ausreichender Menge zur Versorgung der Bevölkerung zur Verfügung steht, muss auf ein altbewährtes Hausmittel, dem Wasserstoffperoxid zurückgegriffen werden, bis wieder genügend reiner Alkohol vorhanden ist. Quasi Plan B."

Alle Stoffe, die als Oxidationsmittel Sauerstoff abspalten - und dazu gehöre Wasserstoffperoxid - seien bakterizid und wirken gegen behüllte Viren, teilt der Hersteller weiter mit. Um ein solches handele es sich beim derzeitigen Coronavirus. "Dies ist unbestritten. Wasserstoffperoxid hat seit mehr als 150 Jahren seinen festen Platz als Heil- und Wundmittel", heißt es. Und schließlich zieht der Hersteller selbst in Zweifel, dass eine nur 1,9-prozentige Konzentration reichen könnte. "Wasserstoffperoxid ist als dreiprozentige wässrige Lösung zur Desinfektion von Haut und Schleimhaut geeignet", heißt es im Spezifikationsblatt.

Kaufland hat wenigstens noch einen Rat für den verunsicherten Kunden: "Selbstverständlich kann der Kunde das Produkt jederzeit zurückgeben, wenn er nicht zufrieden ist - wir erstatten den Kaufpreis auch ohne Vorlage des Kassenbons."

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Im Zittauer Kaufland war ein Mittel im Angebot, das fast nur aus Wasser bestand. Einer der Beiträge aus Löbau-Zittau, über den wir diesen Dienstag berichteten.

Nachtrag Dienstag, 5. Mai, 17 Uhr: Mittlerweile wird das Produkt nicht mehr in dem Markt verkauft. Das Unternehmen teilt dazu auf SZ-Anfrage mit: "Wie bereits geschildert, handelte es sich um eine kleine Menge Desinfektionsmittel, die unsere Filiale in Zittau erworben hat, um den Bedarf der Kunden zu decken. Zwischenzeitlich haben sich Angebot und Nachfrage weitgehend normalisiert. Das Produkt war für eine begrenzte Zeit ausschließlich im Kaufland Zittau in der Christian-Keimann-Straße erhältlich."

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