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Wie in einer ganz normalen Familie

Mit Corona war über Nacht auch in Kinderheimen wie in Görlitz vieles anders. Die schlimmsten Befürchtungen aber bewahrheiteten sich bislang nicht.

Erzieherin Ilona Willig auf dem Weg in ihre Familien-Gruppe im Janusz-Korczak-Haus der Diakonie Libera in Görlitz.
Erzieherin Ilona Willig auf dem Weg in ihre Familien-Gruppe im Janusz-Korczak-Haus der Diakonie Libera in Görlitz. © dpa-Zentralbild

Kinder halten jung. Mit Elan und einem großen Lächeln nimmt Ilona Willig die Treppe nach oben. Die Erzieherin hat an diesem Nachmittag gerade ihren Dienst im Görlitzer Kinderheim "Janusz Korczak" der Diakonie Libera  begonnen. Bis 22 Uhr ist die 62-Jährige für die Jugendlichen in ihrer Wohngruppe da. Unterm Arm trägt sie einen Geschenkkarton mit Schokoladenriegeln. Dabei liegt eine Karte der "vier Zicken", versehen mit einem Dankeschön für den Weg "hart durch dick und dünn", vor allem auch in den vergangenen Wochen. "Wie alle Familien stellt die Corona-Pandemie uns auch vor ganz besondere Herausforderungen", sagt die Mitarbeiterin der Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtung.

Erzieher wurden in der Krise zu Lehrern

Zwei der "Zicken" laufen an ihr vorbei. Inzwischen überwiegt die Freude auf die bevorstehenden Ferien, das Auf und Ab der vergangenen drei Monate rückt in den Hintergrund. Die Mädchen teilen sich ein Zimmer, solange sie in Absprache mit dem Jugendamt nicht in ihren eigenen Familien - aus unterschiedlichen Gründen - wohnen können. Fünf Gruppen werden durch die Erzieher im Haupthaus selbst sowie in Außenwohngruppen in Görlitz betreut. Im Schnitt leben acht Kinder und Jugendliche in den familienähnlichen Gemeinschaften, verbringen Alltag, Wochenenden, Freizeit und Ausnahmesituationen miteinander - immer mit dem Ziel der Rückkehr in die eigene Familie.

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Einrichtungsleiter André Rudolph spricht von einer großen Herausforderung in den vergangenen Wochen. "Einen Mehraufwand, wie es ihn in der Altenpflege gab, hatten die Kollegen der Kinder- und Jugendhilfe auch. Jede Familie, die zwei oder drei Kinder hat, weiß wovon ich rede. Die Vormittage mussten neu organisiert werden. Unsere Mitarbeiter waren auf einmal nicht nur Erzieher, sondern mussten die Rolle als Lehrer übernehmen", sagt der 47-Jährige. Dazu fielen Angebote, wie "Jungs- oder Mädchentreff", weg. Gestrichen waren auch Sport- und Tanztheaterprojekte und die Jugendkochschule.

Massive Ausnahmesituation für alle

Stattdessen hieß es Homeschooling, Ganztagsbetreuung und die Umsetzung der Regelungen durch die Schutzverordnungen: "Aufgaben, die unter anderen Umständen nicht in ihren Bereich fallen", nennt es Christina Lumper, Vorstand der Diakonie Libera. Viele verschiedene Persönlichkeiten lebten mehrere Wochen 24 Stunden unter einem Dach - ohne Kontakte nach außen. Das war für die Mitarbeiter, die teilweise eigene Kinder im Homeschooling Zuhause hatten, eine "massive Ausnahmesituation", sagt sie.

Lumper weiß auch, dass ihre Kollegen in der Behindertenhilfe vor Ort oft mehrere Aufgaben gleichzeitig übernahmen: Ansprechpartner, Betreuer, Ersatz für die Angehörigen. Neben dem Kinder- und Jugendhaus in Görlitz betreibt die Diakonie Libera ein weiteres in Dresden, zwei Altenhilfeeinrichtungen und eine Kindertagesstätte in Hoyerswerda sowie in Brandenburg eine Kindertagesstätte in Kroppen sowie Einrichtungen der Behindertenhilfe in Großmehlen und der Altenhilfe in Ortrand.

In Sachsen gibt es laut Sozialministerium insgesamt 889 Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Dahinter stehen insgesamt knapp 4.900 Plätze, inklusive "Betreutes Wohnen": "In den Einrichtungen mit diesen Leistungen bestand die Herausforderung, die Kinder zu den Zeiten zu betreuen, in denen sie in Kita und Schule gewesen wären. Die teilstationären Einrichtungen waren entsprechend der Allgemeinverfügungen während des Lockdowns - überwiegend - nur im Notbetrieb geöffnet", so ein Ministeriumssprecher.

Kein Anstieg gefährdeter Jugendlicher in der Corona-Zeit

Auffällig sei, dass sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in den Einrichtungen untergebracht werden, während der Corona-Pandemie nicht bedeutend verändert hat. Dieser Trend deckt sich mit einer deutschlandweiten Umfrage des Deutschen Jugendinstituts. In der Studie gibt ein Großteil der Jugendämter an, dass sich die Anzahl von Gefährdungsmeldungen und Inobhutnahmen ab März 2020 entweder nicht verändert habe oder sogar gesunken sei. Ein Grund könne die Unterbrechung von Kommunikationswegen sein, wie Einrichtungsleiter Rudolph vermutet. "Durch den Wegfall der Schule sind Meldewege, zum Beispiel bei Anzeigen von Kindeswohlgefährdungen, unterbrochen."

Rudolph sieht trotz allem aber auch einen positiven Aspekt. "Es haben viele die letzten Monate als entschleunigte Zeit empfunden. Die Gruppen waren fester in ihren Gefügen zusammen. In Notsituationen gibt es einen besonderen Zusammenhalt", sagt der Hausleiter. Die Familiengruppen hätten in der besonderen Zeit Aufmerksamkeiten bekommen. Für die "vier Zicken" und die anderen vier Jugendlichen ihrer Gruppe gab es etwa ein Hoverboard.

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Das Schwebe-Skateboard - bekannt aus dem Film "Zurück in die Zukunft" - kommt auf dem großen Außengelände zum Einsatz. Vielleicht nimmt es die Gruppe sogar mit in ihren Urlaub ins Erzgebirge. Ilona Willig jedenfalls freut sich auf die kommenden Sommerwochen mit ihren "Zicken". Doch jetzt wirft die Erzieherin erstmal schnell noch eine Blick auf die Hausaufgaben und macht sich dann gemeinsam mit ihren Schützlingen über die Zubereitung des Abendbrots her - eben ganz wie in einer normalen Familie. (dpa)

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