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Pirna

Gärtnern geht vor Katastrophe

Kleingärten sind die Schutzgebiete in der Corona-Welt. Doch auch hier gelten neue Regeln.

"Ohne Garten wäre ich wie ein Tiger im Käfig." Heiko Schulz freut sich, dass er trotz Ausgangssperre in seinen Pirnaer Kleingarten darf.
"Ohne Garten wäre ich wie ein Tiger im Käfig." Heiko Schulz freut sich, dass er trotz Ausgangssperre in seinen Pirnaer Kleingarten darf. © Norbert Millauer

Wie ich seinen Garten finde? Einfach der Dynamofahne folgen. Und richtig: Unter dem schwarz-gelben Banner hantiert Heiko Schulz, laut Rockmusik hörend, in seiner Laube. Die Fahne weht bei ihm immer, trotz Dynamo im Tabellenkeller, trotz Corona-Krise auf dem Vormarsch. Sie einziehen? Oder wenigstens auf Halbmast setzen? Er grinst breit. "So schlecht kann es uns gar nicht gehen."

Heiko Schulz, Ende fünfzig, Arbeitsjacke, Jeans mit Farbklecksen, ist ein unerschütterlicher Optimist. Auch wenn das Virus die Liga gestoppt hat: Dynamo wäre niemals abgestiegen. Mit dem neuen Trainer geht's voran, sagt er. Das Spiel ist nicht mehr so ein "Rumgegurke" wie früher. Ins Stadion kann Heiko Schulz zwar nicht mehr gehen. Aber in seinen Garten kann er gehen. Und der ist ihm noch wichtiger als Fußball. "Wenn ich keinen Garten hätte, wäre das unerträglich."

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Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge gibt es um die 320 Kleingartenvereine mit etwa 12.500 Parzellen. Die Gartenfreunde sind vom Hausarrest wegen der Corona-Seuche ausgenommen. Den eigenen Kleingarten zu umsorgen, gilt als triftiger Grund, die Wohnung zu verlassen. Mitnehmen darf man aber allenfalls Menschen des eigenen Hausstands. In der Parzelle mit Nachbars beim Bier hocken oder eine Grillparty schmeißen - das ist nun tabu.

Eine Sonne gegen den Lagerkoller. Doch der gemeinsame Frühjahrsputz ist dieses Jahr tabu, bedauert Heiko Schulz, der Vorstand dieser Pirnaer Gartenanlage.
Eine Sonne gegen den Lagerkoller. Doch der gemeinsame Frühjahrsputz ist dieses Jahr tabu, bedauert Heiko Schulz, der Vorstand dieser Pirnaer Gartenanlage. © Norbert Millauer

Die Regeln werden respektiert. Soweit sie das mitbekommt, sagt Susanne Russig, Chefin der Kleingärtner in der Sächsischen Schweiz, verhalten sich die Garteninhaber sehr diszipliniert. Zwar seien jegliche Versammlungen, von denen grade jetzt, im Frühjahr, viele anberaumt waren, abgesagt. Die Vorstände seien aber gut vernetzt und weiter handlungsfähig. Auch Jürgen Kluge, Vorsitzender des Kleingartenbundes Weißeritzkreis, spricht vom hohen Verantwortungsbewusstsein seiner Gartenfreunde. "Auch wir Gärtner müssen umdenken."

Heiko Schulz, gelernter Koch, ist seit zehn Jahren Kleingärtner und inzwischen Vorstand der Gartenanlage "Sonnenstein" auf dem gleichnamigen Pirnaer Höhenzug. Rund 150 Parzellen, darunter seine, die Nummer 122. Wenn er im Gartenstuhl sitzt, kann Schulz seinen Wohnblock sehen, einen grauen Zehngeschosser, in dem er 54 Quadratmeter bewohnt. Er ist heilfroh, dass er nicht bloß zum Kaufland und wieder heim gehen kann, sondern auch hierher. Das war vor Corona schon so, und jetzt erst recht. "Jetzt sieht man den Wert der Dinge, die man zur Verfügung hat."

Diese Dinge, das sind für Heiko Schulz nicht nur die Früchte seines Gartens. Er ist "kein Vorzeigegärtner", gibt er zu, wenngleich er sich über jede Ernte freut, über Grünkohl, Zwiebeln, Rote Beete, Kartoffeln, Stangenbohnen, Pfirsiche, Johannisbeeren und Brombeeren. Er nennt sich den Brombeerkönig, wegen der stets reichen Ausbeute. Noch mehr als Brombeeren aber mag er das Soziale, den Plausch am Weg, das sich Helfen und dafür dankbar sein. "Ich will nicht den ganzen Tag auf meinem Balkon stehen und die Autos auf dem Parkplatz zählen."

Die Dynamofahne ist der Wegweiser zum Garten von Vereinschef Heiko Schulz. Trotz Corona-Krise und geschlossener Stadien lässt er das Banner weiter flattern.
Die Dynamofahne ist der Wegweiser zum Garten von Vereinschef Heiko Schulz. Trotz Corona-Krise und geschlossener Stadien lässt er das Banner weiter flattern. © Norbert Millauer

Aber nun ist alles ein bisschen anders. An einem Tag wie diesem, blitzeblau und sonnig, stünde die Bautätigkeit normalerweise in der Blüte, sagt der Spartenchef. Doch nur vereinzelt regt sich was hinter den Hecken. Klar, die Baumärkte sind jetzt zu. Vielleicht ist es aber auch so, vermutet Schulz, dass die vielen betagten Gärtner Angst vor dem Virus haben und lieber daheim bleiben. Dabei ist hier allemal mehr Platz, als am Supermarktregal.

Sozialer Kontakt geht trotz Corona. Da ist Heiko Schulz sicher. "Man muss sich ja nicht um den Hals fallen." Geredet werde sowieso meistens über den Gartenzaun hinweg. Da tritt man jetzt noch einen Schritt weiter zurück. "Da wird keiner böse sein." Und wer gar niemanden in der Nähe dulden mag, der muss das auch nicht. Die Gärten sind meist um die 300 Quadratmeter groß. Sichere Distanz ist damit garantiert.

Auf Distanz legt Herbert Ponsold großen Wert. Der 66-Jährige, ehemals Handlungsreisender in Fliesen, sitzt einige Gartentüren weiter unter einem noch nicht ergrünten Geflecht aus Weinstöcken. Er ist Wahlsachse, stammt eigentlich aus Erding bei München. Eine geleerte Flasche Freiberger bezeugt seine erfolgreiche Einbürgerung. Nein, zurzeit lässt er wirklich niemanden in seine Nähe, sagt er. Das zieht er hundert Prozent durch.  

Allein im Garten, aber gut beschäftigt: Herbert Ponsold, Urbayer und Wahlsachse, nutzt die ersten Tage der Saison, um seine Laube zu entrümpeln.
Allein im Garten, aber gut beschäftigt: Herbert Ponsold, Urbayer und Wahlsachse, nutzt die ersten Tage der Saison, um seine Laube zu entrümpeln. © Norbert Millauer

Dass ihm das nicht leicht fällt, ist offenkundig. Nach drei Sätzen, spätestens, ist Herbert mit jedem auf du und du. Der Garten, das Miteinander, ob nun mit dem Jochen oder mit dem Günter - er deutet zu seinen Nachbarn - oder mit all den anderen, das ist sein Leben. In seiner Zweiraumwohnung im Plattenbau hält er es höchstens mal zwei, drei Tage aus. "Dua wiast woahnsinnig dahoam!", schwört er in feinstem Bayrisch. "Dua gehst duach die Wohnung, wie so oa Geistskranker!"   

Herbert ist der Gartenwart vom Verein "Sonnenstein". Sein Job ist, Acht zu geben, dass alles läuft. Mädchen für alles, sozusagen. Er hätte auch beim Frühjahrsputz wieder die Fäden in der Hand gehabt, damit die Anlage "osterschick" ist. Aber gemeinsam putzen geht wegen Corona nicht. Also werden die Aufgaben diesmal dezentral verteilt, die Stunden trotzdem gutgeschrieben. Das wird laufen, da ist Herbert sicher.

Heiko Schulz ist sicher, dass Corona seinen Verein nicht klein kriegt. Im Gegenteil: Die Nachfrage nach freien Gärten ist gewachsen. Zuletzt habe man sich die neuen Gartenfreunde sogar aussuchen können. Dynamo wird die Krise auch überleben, da gibt er Brief und Siegel. Er will sich eine neue Fahne besorgen. Sie soll mindestens viermal so groß sein wie die alte.    

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