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Es gilt das Vermummungsgebot

Der Bart ist ein Symbol der Rebellion. Und wir sagen Sätze, die vor Corona keiner dachte. Teil 16 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

Peter Ufer schreibt hier über das Leben in Zeiten der Corona-Pandemie.
Peter Ufer schreibt hier über das Leben in Zeiten der Corona-Pandemie. © (c) Christian Juppe

Mir fällt am Morgen auf, dass ich mich schon wieder rasieren muss. Normalerweise handelt es sich dabei um eine ritualisierte, fast unbewusste Handlung. Ich gehöre zu der Spezies Männer, die sich oft im Auto mit dem Akkurasierer schert, um Zeit zu sparen. Dabei reagieren Frauen gelegentlich amüsiert, wenn sie an der Ampel bei Rot aus der Straßenbahn durch mein Autofenster blicken und sehen, wie ich mein Kinn traktiere. Kann sein, sie denken, der Kerl kommt aus der Nacht und muss sich glätten, um wieder anständig auszusehen. Blöd wird es, wenn der Rasierer aufklappt und ein Haufen Stoppeln auf dem Sitz oder der Mittelkonsole landet.

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Inzwischen befinde ich mich einen Monat in Hausarrest und denke daran, dass es vielleicht eine gute Idee wäre, den Bart wachsen zu lassen. Er ist schon immer das Symbol des Widerstandes – also nicht der Rotzstopper oder der sogenannte Pornobalken. Im 19. Jahrhundert trugen Männer in Frankreich und Deutschland Vollbart, um ihre radikal abweichende Gesinnung kundzutun. 

Mit den 1968ern kamen die langen Vollbärte aus der Zeit des Vormärz in Kombination mit langen Haaren in Mode, die sowohl bei Hippies, als auch bei linken Intellektuellen die Gegenkultur symbolisieren sollten. Und in der DDR waren es die Bürgerrechtler, die sich nachdenklich in den Kinnhaaren graulten, um den glatten SED-Funktionären widerstehen zu können. Heute ist der Gesichtsbewuchs vor allem eine Modeerscheinung, wie zu viktorianischer Zeit soll sie Symbol für Männlichkeit und Attraktivität sein. Doch ein langer Bart könnte ebenso als Zeichen taugen, dass die erzwungene Stubenhockerei nicht nur gesund ist.

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Meine Dresdner Journalistenkollegin Heidrun Hannusch ruft mich an. Sie erzählt, dass sie sich Mundschutzmasken in China bestellt habe. Heute musste sie jedoch erleben, wie sie beim Einkaufen mit der Maske fotografiert wurde. Außerdem weist sie darauf hin, dass das Vermummungsverbot in Deutschland aufgehoben werden müsse, sonst mache sie sich strafbar. Sie sei übrigens deshalb so vorsichtig, weil sie vor 50 Jahren als Kind fast an der Hongkong-Grippe zugrunde gegangen sei. Das wäre die letzte große Grippepandemie gewesen, bei der weltweit von 1968 bis 1970 bis zu zwei Million Menschen starben, allein bis zu 40.000 in der Bundesrepublik. 

Ich frage mich, welche Folgen die Grippe in der DDR hatte, finde im Internet nur einen Beitrag im Neuen Deutschland vom 25.1.1969, Überschrift: „Keine Hongkong-Grippe in der Republik“. Und weiter: „In diesem Winter haben Erkältungsinfekte bisher zu keiner größeren Ausbreitung geführt. Das erklärte der Leiter der Staatlichen Hygieneinspektion beim Ministerium für Gesundheitswesen der DDR.“

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Zum Mittag suche ich Teller, die stecken jedoch schon wieder in der Spülmaschine. Das Ding läuft im Moment so häufig wie in einer Großküche. Wenn die Familie rund um die Uhr vollzählig im Haushalt lebt, kein Wunder. Auch die Waschmaschine leiert geduldig vor sich hin, als wären wir gerade mit Koffern voller Dreckwäsche aus einem Urlaub zurückgekommen. Strom- und Wasserverbrauch steigen stetig an.

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Am Nachmittag hole ich mein Auto vom Reifenservice. Die Winterräder wechseln zu lassen bedeutet Luxus und verleiht dem Ausnahmezustand einen Hauch von Normalität. Als ich im Autoradio höre, dass Geschäfte bis 800 Quadratmeter wieder öffnen dürfen, atme ich auf. Gaststätten und Theater müssen geschlossen bleiben. Das lässt die Situation nicht einfacher werden. 

Als Mitbetreiber des Tom Pauls Theaters hoffe ich inständig, dass wir spätestens Mitte Mai für erste Veranstaltungen wieder öffnen dürfen. Vielleicht erstmals nur mit der Hälfte des Publikums, aber immerhin. Großveranstaltungen wie der Kreuzchor im Dynamo-Stadion dürften vermutlich in diesem Jahr komplett ausfallen. Da wäre eine kleine Form wie die Serenade im Grünen im Park in Pillnitz eine gute Option. Die soll am 9. Juni wieder stattfinden.

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Abends bekomme ich ein Whatsapp-Nachricht, da steht, was man vor Corona nie gesagt hätte: „Ich höre täglich den Podcast eines Virologen. Der Gang zum Supermarkt ist mein täglicher Höhepunkt. Da stehen drei Leute nebeneinander, ich rufe das Ordnungsamt an. Unsere Regierung ist super, sie lässt uns im Park spazieren gehen. Den Söder könnte ich mir als Kanzler vorstellen. Welch ein Glück, meine Frau bittet mich auszuziehen.“

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer:

Peter Ufer liest aus dem „Gogelmosch – das Wörterbuch der Sachsen“:

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