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Muddeln gegen das Unwohlsein

Ein Opernstar muss bis November pausieren und Frau Corona starb einst an Tuberkulose. Teil 17 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© Zacharie Scheurer/dpa

In der ersten Mail, die ich am Morgen lese, steht in der Betreff-Zeile: Klugscheißer-Alarm. Beatrix Hieber schreibt: „In Ihrer heutigen Kolumne hätte es m.E. ,Bart kraulen’ heißen müssen. Das sage ich auch als Hundebesitzerin ...“ Sie hat recht und ich kann nur hoffen, sie nicht zu vergraulen. Den Fehler erkläre ich mir mit meiner sächsischen Konsonantenschwäche. Aber das ist natürlich nur eine faule Ausrede, in Wahrheit ist es eine Rechtschreibschwäche. Ich bitte, den Fehler zu entschuldigen.

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In meinem Mailfach liegt zudem das Bart-Gedicht eines unbekannten Verfassers, das mir Frank Krause schickt. Er schreibt: „Als ich vor vielen Jahrzehnten (1967) damals im Vogtland noch Aufsehen mit meinem (nur der Bequemlichkeit geschuldeten) Vollbart erregte, legte mir eine Mitarbeiterin das aus der Union ausgeschnittene Gedicht in meine Bemmenbüchse.“ Die Zeilen machen sich einen Reim darauf, dass vor allem Künstler sich dem glatten Kinn verweigern. In der letzten Strophe heißt es: „Drum wer da glaubt, als solcher zu fungieren – ja wer nur meint, der Künstler Freund zu sein, der lasse schon ab heute das Rasieren. Die Meisterschaft kommt dann von ganz allein.“

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Am Vormittag führe ich ein Interview mit dem Opernsänger René Pape, der zurzeit in seinem Dresdner Haus festsitzt. Sein letzter Auftritt auf einer Bühne liege inzwischen sieben Wochen zurück, so erzählt er. Erst im November werde er wieder in der Semperoper auftreten. Bis dahin befinde er sich in Zwangspause. Doch er habe noch Glück, seinen Kolleginnen und Kollegen in Spanien oder den USA gehe es viel schlimmer. Das Gespräch erscheint in den nächsten Tagen in der SZ.

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Nach dem Mittag lese ich den vierten Teil aus „Der Große Gogelmosch – das Wörterbuch der Sachsen“ für ein Video ein. Diesmal lese ich eine kleine Geschichte zu dem Wort muddln. Das Tuwort beschreibt scheinbares Beschäftigtsein und die Fähigkeit des Sachsen, mit vorgetäuschter Emsigkeit unangenehme Zeiträume unbeschadet zu überstehen. Und das sowohl in der Familie als auch bei gesellschaftlichem Unwohlsein.

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Der Kabarettist Peter Flache ruft an und lädt mich zu sich nach Maxen ein. Man müsse die Leerzeit jetzt nutzen, um sich gedanklich auszutauschen. Dann rezitiert er einen kleinen Vers: „Der Frühling weckt in Sven und Ruth die frühlingshafte Liebesglut. Sie sitzen unterm Lindenaste und jeder küsst des andern Maske.“ Demnächst sind weitere Gedichte von ihm bei MDR-Sachsen zu hören.

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Eine Nachbarin bringt einen Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1976 vorbei. Es handelt sich um eine Rezension des Buches „Corona“ von Jutta Hecker. Die Schriftstellerin beschreibt in der Biografie das Leben der Sängerin Corona Schröter. Sie wurde 1751 in Guben geboren und starb 1802 am Sächsischen Hof in Ilmenau an Tuberkulose. Zu ihrer Zeit eine berühmte Sängerin und Komponistin, die als erste 1782 Goethes Erlkönig vertonte. Die Rezensentin schreibt: „Die Autorin bedient sich einer kunstvoll sauberen Sprache.“ Ich bin ein wenig neidisch.

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer:

Peter Ufer liest aus dem „Gogelmosch – das Wörterbuch der Sachsen“:

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