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Was der "Abendfrieden" aus der Corona-Krise gelernt hat

Das Nieskyer Altenpflegeheim war im Frühjahr besonders heimgesucht worden. Nun geht es neue Wege. Wichtig dafür: eine neue Mitarbeiterin.

Eva-Katrin Bachmann ist die "gute Seele" im Nieskyer Altenpflegeheim "Abendfrieden", die zwischen Bewohnern, Angehörigen und Pflegekräften die Besuche in der Einrichtung koordiniert.
Eva-Katrin Bachmann ist die "gute Seele" im Nieskyer Altenpflegeheim "Abendfrieden", die zwischen Bewohnern, Angehörigen und Pflegekräften die Besuche in der Einrichtung koordiniert. © André Schulze

Die Zeiten, als das Nieskyer Altenpflegeheim "Abendfrieden" Hotspot der Corona-Infektionen im Landkreis war, sind lange vorbei. So scheint es. Und doch sind diese schweren Tage noch nicht mal ein halbes Jahr her. Bei den betagten Bewohnern und deren Angehörigen hat sich die Aufregung inzwischen gelegt. Ein wesentlicher Grund dafür ist eine Frau, die im Emmaus-Heim eine ganz besondere Stellung inne hat.

Für Eva-Katrin Bachmann waren die zurückliegenden Monate ein ständiges Auf und Ab. Drei Jahre lang pflegte die gelernte Erzieherin ihre Mutter, hängte dafür ihren Beruf an den Nagel. Zu Hause pflegen funktionierte irgendwann nicht mehr, zum 1. Januar 2020 musste die alte Dame ins Heim. Aufnahme fand sie im "Abendfrieden", wo sie später eine der mit dem Corona-Virus Infizierten war. Mit 99 Jahren schloss sich hier ihr Lebenskreis. Zuvor hatte sich Eva-Katrin Bachmann schon bei Emmaus beworben. "Ich wollte etwas Neues machen. Weil: Zwischen den Bedürfnissen von Kindern und alten Menschen gibt es ja eine Menge Parallelen. Mit meinem beruflichen Vorleben traute ich mir das zu."

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Besuchskoordinatorin schlägt Skepsis entgegen

Der Freistaat hatte damals festgelegt, dass jede Pflegeeinrichtung ein Hygienekonzept zur Besuchsregelung aufschreiben muss. "Wir befanden uns bis zum 8. Mai zwar noch in Quarantäne, arbeiteten parallel dazu aber schon an einem solchen Papier", erinnert sich Heimleiterin Viola Knappe. Entscheidend für das Gelingen sollte laut Konzept eine Person werden, die sich sowohl um die Anliegen der Bewohner als auch deren Angehöriger kümmert und die Besuche zudem mit den verschiedenen Wohnbereichen koordiniert. "Unser Heim ist ein Altbau. Hier gibt es keine Rezeption, die das mit übernehmen könnte. Außerdem schien uns das viel persönlicher."

Lange überlegen mussten die Emmaus-Verantwortlichen nicht. Schon der 18. Mai war Eva-Katrin Bachmanns erster Arbeitstag. "Obwohl ich mich durch die Betreuung meiner Mutter schon im Heim auskannte, war das natürlich Neuland für mich", erzählt die 53-Jährige. Vor allem die ersten Tage waren spannend. "Ich habe versucht, die Angehörigen aller rund 90 Bewohner zu erreichen und ihnen erklärt, wie das mit den Besuchen künftig funktioniert." Neben Verständnis schlug ihr auch Skepsis und Ablehnung entgegen. "Es war ja für alle eine Zeit, in der es fast jeden Tag neue Regelungen gab."

Anfangs gab's nur Besucher hinter Plexiglas

Inzwischen ist die Nieskyerin als Besuchskoordinatorin eine feste Größe. Mit umfangreichem Aufgabengebiet. So muss sie für jeden der vier Wohnbereiche Besuchsbücher führen, Termine festlegen und Absprachen führen. Das bedeutet auch, die Mitarbeiter in den Wohnbereichen auf Besonderheiten hinzuweisen. Immerhin müssten die älteren Herrschaften "besuchsfertig" gemacht werden, wie Eva-Katrin Bachmann erzählt. "Sie brauchen eine dem Wetter entsprechende Kleidung, müssen gegessen und getrunken haben." Zudem ist zu klären, wie lange sie Besuch vertragen. Und ob sie im Innenhof des Pflegeheims bleiben, in die Cafeteria können oder mit ihren Verwandten auch mal eine Rollstuhl-Ausfahrt in die nähere Umgebung machen dürfen. 

"Anfangs hat sich das fast von selbst ergeben. Da waren nur 30 Minuten möglich - in einem Besuchsraum hinter Plexiglas. Sehr schwierig, da ein bisschen Privatsphäre aufkommen zu lassen." Mit den gelockerten Regelungen ist inzwischen vieles leichter geworden, auch wenn sich das mit den steigenden Infiziertenzahlen wieder ändern kann. "Jetzt vergebe ich Termine im Viertelstunden-Takt. Bei einer Besuchszeit von 14.30 bis 17.30 Uhr sind das am Tag schon mal zwölf Familientreffs", freut sich die agile Frau über die große Resonanz. Stress ist das für sie persönlich nicht. "Ich freue mich jedes Mal, wenn die Leute zusammenkommen." Oft schon haben ihr die Angehörigen mit Blumen, Schokolade oder Kaffee für die Mühe gedankt.

Besucherkonzept bewährt sich im "Abendfrieden"

Glücklich ist auch Heimleiterin Viola Knappe. Zum einen, dass das Besucherkonzept im "Abendfrieden" - anders als in vielen anderen Heimen - eine Koordinatorin vorsieht, die als Schnittstelle zwischen Bewohnern, Mitarbeitern und Verwandten fungiert. Zum anderen aber auch, dass Eva-Katrin Bachmann diese Stelle inne hat. "Die Arbeit wäre sonst beim Personal in den Wohnbereichen hängen geblieben. Das hat aber sowieso viel zu tun und wird so entlastet."

Ob die Nieskyerin diese Aufgabe künftig weiterführen kann, müssen die nächsten Anordnungen des Freistaats zeigen. Am besten wäre natürlich, eine Besuchskoordinatorin würde überflüssig. "Der Posten vielleicht", überlegt Viola Knappe. "Frau Bachmann geben wir allerdings nicht so schnell wieder her."

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