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Droht Kliniken finanzieller Corona-Kollaps?

Tilo Schwalbe aus Dittelsdorf ist einer von vielen Patienten, dessen OP verschoben wurde. Die Folgen dieser Maßnahme sind für Krankenhäuser unabsehbar.

Der Fotokünstler Tilo Schwalbe aus Dittelsdorf kann wegen einer verschobenen Hand-Operation kaum arbeiten.
Der Fotokünstler Tilo Schwalbe aus Dittelsdorf kann wegen einer verschobenen Hand-Operation kaum arbeiten. © Rafael Sampedro

Manchmal glaubt Tilo Schwalbe, ein Stromschlag schieße durch seine Hände. Immer wieder lässt sie der 47-Jährige auch unbeabsichtigt fallen. Wenn man wie Fotokünstler Tilo Schwalbe mit professionellen Kameras hantiert, kann das mitunter teuer werden. Das medizinische Problem hinter Schwalbes Beschwerden ist an sich ein kleines - in der Corona-Krise aber wurde es für ihn zu einem großen.

Beim sogenannten Karpaltunnelsyndrom, unter dem Schwalbe leidet, handelt es sich um eine Nervenverengung im Bereich des Handgelenks. Das führt zu Kribbeln, Taubheitsgefühlen und kann unbehandelt bleibende Schäden verursachen. Bei Tilo Schwalbe wurde das Syndrom im vorigen Jahr diagnostiziert. "Im Herbst fing es dann an zu galoppieren", erzählt er. Da war er überglücklich, als er endlich für den 18. März einen Operationstermin in der Handchirurgie im Zittauer Krankenhaus bekam. "Das ist ja an sich eine medizinische Bagatell-Operation", sagt er. 

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Ärzte in Kurzarbeit

Dann kam Corona. "Einen Tag vor der geplanten Operation bekam ich einen Anruf von der Klinik, dass der Termin verschoben wird", erzählt Schwalbe. Wie im ganzen Bundesgebiet wurden auch im Landkreis Görlitz sämtliche Operationen abgesagt, die nicht akut lebenswichtig sind. Die Maßnahme dient dem Zweck, die Kliniken vor einem Kollaps bei einem möglichen hohen Anfall von Corona-Intensivpatienten zu schützen. 

"Mir war völlig schleierhaft, warum eine ambulante Operation abgesagt wird, die gerade mal 20 Minuten dauert", sagt Tilo Schwalbe, "das hat mich schon geärgert." Und dabei gibt es Anzeichen dafür, dass manche Kliniken tatsächlich wegen Corona vor dem Kollaps stehen - dem wirtschaftlichen. Bundesweit sind wegen der verschobenen Operationen viele Kliniken nicht einmal zur Hälfte ausgelastet. Manche Häuser haben sogar schon Ärzte und Pflegepersonal in Kurzarbeit geschickt.

Das landkreiseigene Klinikum Oberlausitzer Bergland mit seinen Krankenhäusern in Zittau, Ebersbach und Weißwasser macht zur Bettenbelegung keine Angaben. Sämtliche Auskünfte erteile derzeit das Landratsamt, heißt es vom Unternehmen. Und die Behörde bleibt die Auslastung aller Kliniken im Kreis betreffend auf SZ-Nachfrage vage. "Die Auslastung eines Krankenhauses bestimmt sich nicht allein durch das 'belegte' Bett, sondern durch die Belegungsdauer des Bettes", teilt Susanne Lehmann vom Büro des Landrats mit. Es gebe derzeit "noch keine rechtsverbindlichen Informationen zum Grad der Auslastung von Krankenhausleistungen" in Zusammenhang von Covid-19.

Reichen den Kliniken die Zahlungen zum Überleben?

Entscheidend für die Leistungsfähigkeit der Kliniken in der Corona-Krise ist die Auslastung der Intensivbetten. Und hier kann es schneller zu Engpässen kommen, als zu normalen Zeiten. Nach Informationen des Science Media Center waren die Intensivbetten in Deutschland 2017 im Jahresmittel zu 79 Prozent ausgelastet gewesen. Die durchschnittliche Verweildauer eines Patienten dort habe damals nur 3,8 Tage betragen. Intensivpflichtige Corona-Patienten dagegen würden im Durchschnitt mehr als sieben Tage intensivmedizinisch behandelt. Deshalb seien die Kapazitäten von Intensivstationen bei einem hohen Anfall von Corona-Patienten schneller erschöpft.

Nach Mitteilung des Landratsamtes gibt es kreisweit 63 Intensivbetten, von denen aktuell 39 belegt seien - davon eines (Stand: 30. April) mit einem Corona-Patienten. Es gebe keine Erkenntnisse darüber, ob in Kliniken im Landkreis Ärzte oder Pflegepersonal in Kurzarbeit geschickt worden seien. Zu möglichen Personalüberhängen wegen leerer Betten teilt die Behörde mit: "Ärzte und Pflegekräfte sind entsprechend der Urlaubs- und Dienstpläne im Einsatz. In den Kliniken besteht wie in anderen Unternehmen die Möglichkeit geleistete Mehrarbeit vorhergehender Arbeitszeiten ,abzusetzen'." 

Zur Abfederung der finanziellen Einbußen erhalten die Kliniken vom Bund einen Ausgleichsbetrag von 560 Euro pro Tag für jedes nicht belegte Bett. "Der eigentliche Auszahlungsbetrag errechnet sich jedoch aus den Belegungszahlen des Jahres 2019, je Tag und Bett", erklärt das Landratsamt und: "Ob diese (sehr komplexe) Ausgleichszahlung letztlich ausreichend ist, kann derzeit noch nicht eingeschätzt werden."

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Doch es gibt auch einen Lichtblick. "Aufgrund der Erfahrungen der letzten Wochen wird der Umgang mit der bisherigen freien Bettenkapazität neu bewertet", teilt das Landratsamt mit. Tatsächlich wird der Betrieb auch für geplante Operationen langsam wieder hochgefahren. Tilo Schwalbe hatte schon für diese Woche einen erneuten Operationstermin in der Zittauer Handchirurgie bekommen - sechs Wochen nach dem ersten. 

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