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Corona-Krise bringt Unis Digitalschub

Die Corona-Krise hat die Hochschulen in Sachsen zu einer Digitalisierung im Schnelldurchlauf gezwungen. Nun hat das erste Semester im Homeoffice begonnen.

Das Sommersemester hat an den Hochschulen in Sachsen begonnen, doch wegen der Pandemie müssen die Studierenden vorerst zu Hause bleiben.
Das Sommersemester hat an den Hochschulen in Sachsen begonnen, doch wegen der Pandemie müssen die Studierenden vorerst zu Hause bleiben. © Sebastian Gollnow/dpa

Von Monia Mersni und Birgit Zimmermann

Leipzig/Dresden.
Hinter dem Leipziger Oberarzt Martin Neef liegen Wochen mit übervollen 18-Stunden-Arbeitstagen. Doch die Corona-Krise hat nicht in erster Linie die medizinischen Fähigkeiten des 41-Jährigen beansprucht, sondern seine technischen. Der Internist und Kardiologe ist auch Webmaster der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig und hat seine technische Affinität genutzt, um die Lehre für die Studierenden so gut es ging zu digitalisieren. Das Sommersemester hat an den Hochschulen in Sachsen begonnen, doch wegen der Pandemie müssen die Studierenden vorerst zu Hause bleiben. Ein digitaler Unibetrieb - wie funktioniert das?

Martin Neef nimmt die angehenden Mediziner virtuell mit in die Uniklinik. Er hat Videopodcasts gedreht, in denen echte Patienten in der Klinik ihre Geschichte schildern. Mit Einverständnis der Kranken kommt die Kamera auch mit in den Operationssaal. Außerdem hat der Oberarzt Online-Fälle für die Studierenden entwickelt, mit denen sie sich erst zu Hause und dann per Videokonferenz auseinandersetzen müssen. Dazu kommen Diskussionen in einem Forum. "Wir haben in den letzten drei Wochen einen Techniksprung hingelegt, für den wir sonst mutmaßlich mehrere Jahre gebraucht hätten", sagt Neef.

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© Waltraud Grubitzsch/ZB/dpa

Die Universität Leipzig hat rund 32.000 Studierende. Sie sollen wie alle anderen in Sachsen mindestens bis zum 4. Mai zu Hause bleiben. Für sie mussten alternative Konzepte her. "Wir sind gesetzlich verpflichtet, die Lehre abzusichern. Also tun wir das auch", sagt der Prorektor für Bildung, Professor Thomas Hofsäss. "Wir hatten drei Wochen Zeit uns damit auseinanderzusetzen: Was heißt eigentlich digitale Lehre?" Hofsäss hat bei den Hochschullehrern eine "gewisse Euphorie" ausgemacht. "Es haben sich eigentlich alle bis hin zu den Altphilologen auf den Weg gemacht."

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Auch die Technische Universität in Dresden berichtet von einem Digitalisierungsschub, den die Corona-Krise ausgelöst habe. Simon Meier-Vieracker, Professor für angewandte Linguistik, sitzt zuhause in seinem Arbeitszimmer vor dem Laptop und spricht: "Herzlich willkommen, liebe Studierende, zu diesem Einführungsvideo unseres Seminars Sprache und Diskriminierung." Das Video stellt er seinen knapp 350 Studentinnen und Studenten dann via Youtube zur Verfügung.

Prof. Dr. Simon Meier-Vieracker von der Technische Universität Dresden.
Prof. Dr. Simon Meier-Vieracker von der Technische Universität Dresden. © Vivian Werk/Simon Meier-Vieracker/dpa

"Das ist unglaublich schwierig", sagt Meier-Vieracker. Normalerweise würde er zwischendurch eine Frage stellen, mal einen Witz machen - über den die Studis hoffentlich lachen können. "Dass ich manchmal vielleicht Stirnrunzeln sehe und dann merke, ich bin jetzt nicht klar genug gewesen" - all das fehlt dem Professor. Sein Trick: In die Kamera gucken und sich zwischendurch vorstellen, man würde jetzt wirklich Menschen ansprechen. "Das hilft mir persönlich", sagt er.

Seine Vorlesungen hat der Professor von 90 auf 60 Minuten gekürzt. Danach steht er im Live-Chat für Fragen zur Verfügung. "Die kann ich nicht alle beantworten, weil das zu viele sind. Aber ich kriege zumindest so ein bisschen ein Stimmungsbild", sagt er. Zudem hat er im E-Learning-System der Uni ein Forum eingerichtet. Für seine Seminare setzt Meier-Vieracker dieses Semester "auf einen Mix von asynchronen und synchronen Formaten": Einführungsvideos, kleine Videokonferenzen, kollaborative Dokumente, Chats.

Der Leipziger Prorektor Hofsäss weiß, dass so etwas nicht allen Lehrenden leicht fällt. "Es gibt eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen, für die das Neuland ist. Eine Tonspur neben ein Powerpoint machen - das ist für manche eine große Herausforderung", berichtet Hofsäss. Wird die technische Hürde überwunden, stelle sich außerdem gleich die nächste Frage: die nach dem passenden Format. "Aus der digitalen Herausforderung wird die didaktische Herausforderung." Einfach nur etwas abfilmen, damit sei es nicht getan, wenn man die Studierenden zum Lernen motivieren wolle.

Die Digitalisierung "mit Macht und Eile", wie Hofsäss es nennt, kostet zudem Geld. Die Universität Leipzig hat ihre Serverkapazität deutlich erhöht und dafür einen höheren sechsstelligen Betrag investiert. Das wäre allerdings sowieso fällig gewesen, sagt der Prorektor. Zusätzliche Kosten kommen auf die Uni wegen nötiger Software-Lizenzen und Plattform-Zugängen zu. Dazu würden verstärkt studentische Hilfskräfte eingestellt, die bei der Realisierung der Digitalformate unterstützen. Hofsäss kalkuliert "einen Mehraufwand von einer halben Million Euro". Er hofft auf Unterstützung durch das Land Sachsen. Die TU Dresden veranschlagt eine siebenstellige Summe.

"Es ist besser angekommen, als wir befürchtet haben"

Das Wissenschaftsministerium in Dresden ist derzeit noch dabei, sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen und Daten zu sammeln. Erst dann könne das Ministerium eine Schätzung abgeben, ob und in welcher Höhe die Hochschulen zusätzliche Mittel für die "Schnelldigitalisierung" benötigten, erklärt Sprecher Falk Lange. Aus Sicht des Ministeriums ist es auch noch zu früh, um zu beurteilen, wie der sich der Unibetrieb mit allen Studierendem im Homeoffice bewährt. Das Semester sei ja gerade erst angelaufen.

Oberarzt Neef in Leipzig berichtet von positiven Rückmeldungen - sowohl von den Studierenden als auch von den Lehrenden. "Es ist besser angekommen, als wir befürchtet haben", sagt der Mediziner. Neef hofft wie der Linguist Vieracker in Dresden, dass einige der digitalen Formate auch nach Corona fest zum Unialltag gehören werden. Von einer reinen Online-Ausbildung von Medizinern halte er aber nichts. "Man muss einen Patienten anhören und anfassen können."

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