merken
PLUS

Sport

"Das ist für alle Betroffenen ein harter Einschnitt"

Die VDV berät Fußball-Profis und ist in der Corona-Krise sehr gefragt. Geschäftsführer Ulf Baranowsky äußert sich im Interview auch zu Kurzarbeit und Gehaltsverzicht.

Fußballspiele in ausverkauften Stadien wird es lange nicht mehr geben. Was für die Profis jetzt wichtig ist, sagt Ulf Baranowksy, Geschäftsführer der Spieler-Gewerkschaft.
Fußballspiele in ausverkauften Stadien wird es lange nicht mehr geben. Was für die Profis jetzt wichtig ist, sagt Ulf Baranowksy, Geschäftsführer der Spieler-Gewerkschaft. © dpa

Die Bundesligen sollen wegen der Corona-Pandemie bis mindestens 30. April pausieren, die 36 Profi-Klubs werden dem Vorschlag der Deutschen Fußball-Liga in ihrer nächsten Video-Konferenz am Dienstag zustimmen. In der 3. Liga ruht der Ball mindestens genauso lange, der Nordostdeutsche Fußball-Verband hat seinen Spielbetrieb vorerst bis zum 19. April ausgesetzt.

Noch ist unklar, wann und wie es weitergehen kann, vor allem aber, welche Folgen es für Vereine und Spieler hat. Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler, kurz VDV, berät Profis nicht nur in der Krise - ist jetzt aber besonders gefragt. Geschäftsführer Ulf Baranowsky, der seit 16 Jahren für die VDV arbeitet, beantwortet die Fragen der SZ schriftlich. Der 45-Jährige erklärt dabei auch, welche Lehren der Fußball ziehen sollte.

JABS – Euer Zukunftsportal
JABS – Euer Zukunftsportal

Auf JABS erfahrt ihr alles, was für eure Zukunft wichtig wird und wie ihr euch am Besten darauf vorbereitet.

Herr Baranowsky, wie viele Profis betreut die VDV und was sind ihree konkreten Aufgaben?

Die VDV vertritt als Spielergewerkschaft die Interessen der Profis und unterstützt ihre mehr als 1.400 Mitglieder mit professionellen Serviceleistungen in den Bereichen Vorsorge, Absicherung, Arbeitsrecht, Bildung, Berufsplanung, Medizin, Sportpsychologie, Medienschulung und Wettbewerbsintegrität. Zudem führt die VDV in jedem Sommer ein Proficamp als Trainingslager und Jobsprungbrett für vertragslose Spieler durch.

Mit welchen Sorgen wenden sich Fußball-Profis in der Corona-Krise an die Vereinigung?

Insbesondere geht es gegenwärtig um Fragen zum Gesundheitsschutz und zum Arbeitsrecht.

Wie kann die VdV helfen?

Hinsichtlich des Gesundheitsschutzes haben wir frühzeitig klargestellt, dass wir die Aussetzung von Spielen im Profibereich begrüßen, um die Menschen vor Ansteckungen mit dem Coronavirus zu schützen. Bei der Güterabwägung muss dem Gesundheitsschutz die höchste Priorität eingeräumt werden. Spiele sollen erst wieder durchgeführt werden, wenn dies verantwortbar ist. Bezüglich des Arbeitsrechts beantworten wir schwerpunkmäßig Fragen zur Kurzarbeit. Das betrifft vor allem Spieler der 3. Liga und der Regionalligen.

Wieso gehen Vereine so unterschiedlich mit dem Thema Kurzarbeit um, und was bedeutet das für Profis, die ja vergleichsweise hohe Gehälter beziehen?

Wir müssen klar differenzieren. Spieler der 3. Liga und der Regionalligen spielen auch in Sachen Gehalt in einer komplett anderen Liga als die Kollegen aus der Bundesliga. Wenn beispielsweise ein Regionalligaspieler ohne Kind mit einem monatlichen Bruttogehalt von 1.800 Euro auf Kurzarbeit 0 geht, dann bekommt er rund 780 Euro ausbezahlt. So etwas ist für alle Betroffenen ein harter Einschnitt. Bei Spitzenverdienern in der Bundesliga wären es aufgrund der Deckelung auch maximal 2.200 Euro monatlich.

Wie können faire Lösungen für Spieler und Vereine aussehen?

Es gibt Modelle, bei denen die Last relativ fair verteilt wird, beispielsweise wenn die Klubs das Kurzarbeitergeld aufstocken und damit das Entgegenkommen der Spieler honorieren. Es ist nämlich so, dass eine Umstellung auf Kurzarbeit grundsätzlich nur mit Zustimmung der Arbeitnehmer zulässig ist.

Wie stehen Sie zu der Argumentation, Fußball-Profis sollten auf Gehalt verzichten und spenden, was zum Beispiel die Mannschaft von Dynamo Dresden bereits getan hat?

Viele Profis sind ihren Klubs bereits entgegengekommen und haben Spenden für Bedürftige angekündigt. Ich werbe aber dafür, niemanden öffentlich unter Druck zu setzen. Vielmehr gilt es, sachlich zu bleiben und im Einzelfall tragfähige Lösungen zu suchen.

Befürchten Sie ein Vereinssterben, also Insolvenzen – und wie sollten DFB und DFL darauf reagieren?

In der Tat gibt es insbesondere im Bereich der 3. Liga und der Regionalligen zahlreiche Klubs, die sich in einer wirtschaftlich schwierigen Lage befinden. In der laufenden Saison haben wir als Spielergewerkschaft schon vor der Pandemie vier Klubinsolvenzen begleitet, zweimal musste dabei der Spielbetrieb der Regionalligamannschaft eingestellt werden (unter anderem bei Rot-Weiß Erfurt im Nordosten/d. Red). Gegenwärtig wird an zahlreichen Stellen nach Lösungen gesucht. Dazu gibt es unterschiedliche Stellschrauben.

Zum 30. Juni enden viele Verträge. Wäre es überhaupt denkbar, die Saison über diesen Zeitraum hinaus zu Ende zu spielen?

Grundsätzlich lässt sich das Problem einvernehmlich lösen. Gegenwärtig ist die Frage aber noch von nachgeordneter Bedeutung.

Was raten Sie Spielern, deren Verträge auslaufen und die jetzt weder mit ihrem derzeitigen noch mit anderen Vereinen verhandeln können?

Die Spieler mit auslaufenden Verträgen haben auch weiterhin die Möglichkeit, neue Verträge auszuhandeln und abzuschließen. Es ist jedoch davon auszugehen, dass ein Großteil der Neuverträge geringer vergütet sein wird.

Wird es im Sommer mehr arbeitslose Spieler geben - und wie kann die VdV helfen?

In der Tat müssen wir darauf vorbereitet sein, dass beispielsweise manche Kader verkleinert werden und es in der Folge mehr vereinslose Spieler gibt als üblich. Wir planen traditionell unser VDV-Proficamp, in dem sich vereinslose Spieler im Mannschaftstraining fit halten und sich in Testspielen für neue Aufgaben präsentieren können. Zudem steht unser Bildungskoordinator bereit, wenn es darum geht, die Spieler auf den Übergang in die nachfußballerische Berufslaufbahn vorzubereiten.

Erwarten Sie, dass sich durch die Krise der Transfermarkt abschwächt, auch was Ablösesummen und Gehälter betrifft. Oder zugespitzt: Wird das finanzielle Wettrüsten im internationalen Fußball mindestens eingeschränkt?

Aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklungen ist natürlich mit Einbußen zu rechnen.

Was kann der Fußball generell aus dieser Krise lernen?

Weiterführende Artikel

Leipzig-Stürmer muss Hochzeit verschieben

Leipzig-Stürmer muss Hochzeit verschieben

Für Fußball-Profi Yussuf Poulsen hat der Corona-Stillstand persönliche Folgen. Wechsel-Absichten weißt er von sich, bei einem anderen ist das nicht so klar.

Dynamo stoppt alle Gespräche über Verträge

Dynamo stoppt alle Gespräche über Verträge

Jetzt müsste Sportchef Ralf Minge die Mannschaft für die neue Saison formen. Wegen der Corona-Krise ist nun alles anders. Das kann sogar eine Chance sein.

Warum sich Dynamos Ex-Kapitän arbeitslos meldet

Warum sich Dynamos Ex-Kapitän arbeitslos meldet

Für Marco Hartmann kommt die Corona-Zwangspause zur Unzeit. Ärgern will er sich nicht. Stattdessen erzählt er von Stöckchen und Steinchen, Geld und Mittagsschlaf.

Dynamos Kapitän erklärt den Gehaltsverzicht

Dynamos Kapitän erklärt den Gehaltsverzicht

Für Florian Ballas ist das eine Selbstverständlichkeit. Umso fassungsloser macht ihn das Ausmaß der Corona-Krise.

Als Spielergewerkschaft fordern wir schon seit langer Zeit, den Fußball – insbesondere in der 3. Liga und den Regionalligen – robuster aufzustellen. Profifußball ergibt nämlich nur dann Sinn, wenn die einzelnen Ligen über ausreichende Finanzmittel und entsprechende Reserven verfügen. Somit benötigen wir eine strenge Lizenzierung sowie entsprechende Sicherungsinstrumente. Mit Blick auf arbeitsrechtliche Fragen werben wir für den Abschluss von Tarifverträgen. Damit lassen sich nämlich zahlreiche Probleme rechtssicher lösen, das gilt beispielsweise auch für Regelungen zur Kurzarbeit.

Die Fragen stellte Sven Geisler.

Mehr zum Thema Sport