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Feuilleton

Wie Sachsens Kulturhäuser auf die Corona-Krise reagieren

Semperoper und Kulturpalast, Humorzone und Kinosäle: Wie die Veranstalter auf das Verbot von Großveranstaltungen in Sachsen reagieren.

Der Dresdner Kulturpalast ist wegen der Größe seines Saals für mehr als 1.000 Besucher direkt vom Veranstaltungsverbot betroffen.
Der Dresdner Kulturpalast ist wegen der Größe seines Saals für mehr als 1.000 Besucher direkt vom Veranstaltungsverbot betroffen. © Sven Ellger

Über Humor lässt sich streiten: Kurz nach der Corona-Pressekonferenz des Ministerpräsidenten und kurz vor Beginn der Dresdner Humorzone am Mittwochabend ließ das Festival verlauten: „Heute beginnt die HumorZone – und zwar wie geplant und ohne Abstriche. Wir haben heute eine Veranstaltung über 1.000 Leute im Kulturpalast mit Torsten Sträter.“ Die werde man auch durchführen, denn der Erlass, nur Veranstaltungen über 1.000 Menschen abzusagen, gelte ja „erst ab morgen“. Und schließlich: „Man muss auch mal lachen müssen!!!“

Mit seinem Beschluss reagiert der Freistaat Sachsen auf die steigende Zahl von Coronafällen. Um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, sollen große Menschenansammlungen vermieden werden. Deshalb werden Veranstaltungen mit mehr als tausend Besuchern untersagt. Laut Kunstministerium gilt nun: Weil sich bei Großveranstaltungen die Gefahr einer Virusübertragung nicht sicher beurteilen lässt und die Herkunft der Teilnehmer nicht abschätzbar ist, dürfen sie nicht stattfinden. Der Erlass gilt ab 12. März um 8 Uhr auf unbestimmte Zeit. Auch bei Veranstaltungen mit weniger als tausend Teilnehmern muss genau geprüft werden, ob diese unbedingt stattfinden müssen.

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Semperoper und Kulti betroffen

Die Sächsische Kinolandschaft ist aufgrund der Größe ihrer Säle von dem Erlass nicht betroffen. Die einzigen öffentlichen Kulturinstitutionen im Freistaat mit regelmäßig Veranstaltungen von über 1.000 Personen sind die Semperoper und der Dresdner Kulturpalast, das Stammhaus der Dresdner Philharmonie, sowie das Leipziger Gewandhaus.

Die Stadt Leipzig gibt am Donnerstag ihre Corona-Notfallpläne bekannt. 

Die beiden Dresdner Häusern liegen mit ihrem Angebot von 1.300 Plätzen (Semperoper) und 1.800 Sitzen (Kulturpalast) in der Verbotszone. Wie am Donnerstag bekannt wurde, streicht die Dresdner Philharmonie sämtliche Veranstaltungen im Konzertsaal des Dresdner Kulturpalasts. Die Regelung gelte zunächst bis zum 19. April, teilten die Veranstalter am Donnerstag mit. Das betrifft den Angaben zufolge auch die Veranstaltungen Dritter. "Wir Musikerinnen und Musiker bedauern außerordentlich, die vielversprechenden, gerade begonnenen Proben für die bereits ausverkauften nächsten Konzerte jetzt abbrechen zu müssen", sagte Robert-Christian Schuster vom Orchestervorstand. Gleichwohl sei die Philharmonie von der Notwendigkeit der Entscheidung überzeugt, hieß es.

Das Staatsschauspiel verkündete am Donnerstag die Absage der Langen Nacht der Dresdner Theater. Zudem wurde die beliebte Veranstaltung "Floor on Fire" am 13. und 15.03. in Hellerau abgesagt. Tickets können bis zum 15. April dort zurückgegeben werden, wo sie erworben wurden, hieß es in einer Mitteilung.

In den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) stehen Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Personen „derzeit nicht an“. Kleinere „werden von uns im Einzelfall geprüft“, so die SKD. Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr (MHM) handelt ähnlich. Man sei eine militärische Dienststelle und setze „in diesem Fall Vorgaben aus dem Bundesministerium der Verteidigung und dem Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr um ... Eine Schließung des Museums oder ein eingeschänkter Zugang sind bislang nicht angewiesen“, so das MHM auf Anfrage.

Aus der Dresdner Staatsoperette hieß es: „Da wir nur 700 Plätze haben, betrifft uns diese Anordnung nicht. Ansonsten haben wir öffentliche Aushänge im Besucherbereich angebracht, in denen wir auf hygienische Maßnahmen hinweisen. Zudem bemühen wir uns, zeitnah Desinfektionsspender anzubringen.“ Das Dresdner Staatsschauspiel und die Landesbühnen Sachsen sind ebenso wie die Chemnitzer Theater sowie das Europäische Zentrum der Künste Hellerau aufgrund ihrer Größe von der Entscheidung ebenfalls nicht betroffen. Dennoch können Personen, die ihre Karten zurückgeben möchten, dies tun.

„Wir sitzen auf glühenden Kohlen“

Die Corona-bedingte Zurückhaltung der Zuschauer gefährdet vor allem private Theater ohne öffentliche Förderung. „Es gibt weniger Vorbestellungen“, sagt Thomas Schuch vom Dresdner Friedrichstattpalast. Sonst gut verkaufte Programme seien jetzt schlechter besucht. Schuch befürchtet, dass diese Situation andauert oder es gar ein völliges Verbot gebe: „Für uns geht es jetzt um die Wurst.“ „Klar, wir sitzen auf glühenden Kohlen“, ergänzt Philipp Schaller von der Dresdner Herkuleskeule. „Aber was soll man machen?“

„Derzeit noch keine Auskunft“, wollen die Dresdner Musikfestspiele geben. „Von der neuen Regelung ist zunächst erst einmal das Palastkonzert am 25. März mit der Starsopranistin Rene Fleming betroffen“, informierte Sprecherin Nicole Czerwinka. „Wir befinden uns dazu auch in enger Abstimmung mit der Landeshauptstadt und werden unsere Kunden schnellstmöglich von den getroffenen Entscheidungen in Kenntnis setzen.“

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