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Weniger Azubis starten Lehre

Am Dienstag begann das neue Ausbildungsjahr im Kreis Görlitz. Dass die Zahl der Ausbildungsverträge sank, liegt nicht nur an Corona.

Die Auszubildende Josi Schünemann hat am Dienstag ihre Lehre bei der Figaro Görlitz GmbH im Friseursalon Martina begonnen.
Die Auszubildende Josi Schünemann hat am Dienstag ihre Lehre bei der Figaro Görlitz GmbH im Friseursalon Martina begonnen. © Nikolai Schmidt

Josi Schünemann hat Glück gehabt: Am Dienstag hat die 17-Jährige ihre Friseur-Ausbildung bei der Figaro Görlitz GmbH begonnen. Damit ist sie die Einzige bei Firmenchef Tobias Pätzold, dem mit rund 50 Angestellten und sechs Salons größten Görlitzer Friseurarbeitgeber.

„Eigentlich hätte ich dieses Jahr wieder zwei Azubis im ersten Lehrjahr genommen“, sagt Pätzold. Dass es nur einer ist, hat aber nichts damit zu tun, dass die Branche schwer von der Corona-Krise gebeutelt wurde. Stattdessen ist ein Lehrling im dritten Lehrjahr zu Figaro gewechselt. Der junge Mann war in seinem bisherigen Ausbildungsbetrieb nicht zufrieden. Für Pätzold ein Glücksfall: „Ich hoffe, ihn nach der Ausbildung behalten zu können.“ Nachwuchs sei für sein Unternehmen nämlich wichtig, genau wie für die gesamte Branche.

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Lehrlinge erhalten mehr Geld

Doch gerade für viele kleinere Betriebe werde die Ausbildung ab diesem Lehrjahr schwieriger, denn nach einer gesetzlichen Neuregelung steigt das Lehrlingsentgelt teilweise sehr deutlich. Josi Schünemann erhält im ersten Lehrjahr 512 Euro. „Das sind 250 Euro mehr, als einem Azubi vor einem Jahr zugestanden hätte. „Viele kleinere Firmen werden sich das wohl nicht leisten können“, vermutet Pätzold.

Bei aller Freude über eine faire Entlohnung: Daniel Siegel, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Görlitz, sieht die neue „Mindestausbildungsvergütung“ auch als schwierig an – gerade in Corona-Zeiten: „Da überlegt es sich der Meister doppelt, ob er dieses Jahr ausbildet.“ Allerdings sei der Lohnanstieg bei den Azubis je nach Gewerk und auch je nach Betrieb ganz unterschiedlich – und längst nicht überall so dramatisch wie bei den Friseuren. Zudem gebe es Betriebe, die schon immer mehr gezahlt haben, als sie mussten.

Einige bilden sogar mehr aus

Daniel Siegel hat noch keine aktuellen Ausbildungszahlen für die Handwerksbetriebe im Kreis Görlitz vorliegen. In einigen Branchen sehe es aber trotz Corona sehr gut aus, sagt er: „Das Bauhaupt- und auch das Elektrogewerbe bildet stabil und zum Teil sogar mehr aus.“ In vielen anderen Branchen habe es während des Lockdowns im Frühling nicht gut ausgesehen. „Das ist jetzt aber nicht ganz so schlimm gekommen wie damals befürchtet“, sagt Siegel.

Die IHK hingegen hat brandaktuelle Zahlen vorliegen. „Im Kreis Görlitz wurden zum Stand 31. August 78 Ausbildungsverträge weniger abgeschlossen als voriges Jahr“, sagt Torsten Köhler, Geschäftsführer Bildung bei der IHK. Corona sei sicher der Hauptgrund. Konkret heißt das: 490 Verträgen im Vorjahr stehen 412 Verträge in diesem Jahr gegenüber. Das ist ein Minus von 16 Prozent. Allerdings verteilt es sich im Landkreis nicht über alle Branchen gleichmäßig, sagt Köhler: „Bei gewerblich-technischen Berufen liegt das Minus bei 21 Prozent, bei kaufmännischen Berufen nur bei zwölf Prozent.“ In der Metall- und Elektrobranche beläuft sich der absolute Rückgang auf 30 Lehrverträge, in der Elektrotechnik auf sechs, in der Baubranche gibt es dagegen ein Plus von drei Verträgen.

Manches wird jetzt nachgeholt

Trotzdem hat Köhler Hoffnung. Einerseits haben sich die Zahlen im Vergleich zum 31. Juli etwas erholt. Damals lag das Minus im Kreis Görlitz noch bei 23 Prozent, bei gewerblich-technischen Berufen sogar bei 27 Prozent: „Es ist dieses Jahr – sicherlich wegen Corona – langsamer angelaufen, aber einiges wird jetzt noch nachgeholt“, sagt Köhler. Und zum anderen: Auch wenn das Lehrjahr am 1. September begonnen hat, sei in vielen Betrieben auch ein Einstieg zum 1. Oktober noch möglich. Die Negativ-Zahlen könnten also auch jetzt noch sinken. Auf ihrer Internetseite hat die IHK eine Lehrstellenbörse eingerichtet, wo aktuell noch freie Ausbildungsplätze zu finden sind. Im 50-Kilometer-Umkreis um Görlitz sind es noch 21 freie Plätze, für nächstes Jahr schon jetzt 27 Plätze.

Landkreis beschäftigt 37 Azubis

Viele große Arbeitgeber im Kreis bilden indes auch in der Corona-Krise unverdrossen weiter aus. Landrat Bernd Lange begrüßte am Dienstag zwölf neue Azubis und fünf Studenten der Verwaltungsfachhochschule Meißen im Landratsamt Görlitz. Insgesamt beschäftigt das Amt derzeit 37 Azubis und 14 Studenten. Für sieben Lehrlinge begann am Dienstag die Ausbildung in der Stadtverwaltung Görlitz. Sie hat derzeit 18 Azubis in fünf Berufen. Der Räderhersteller Borbet mit Sitz in Kodersdorf freut sich, eine Industriekauffrau und einen Elektroniker für Betriebstechnik als Azubis im Team begrüßen zu dürfen. Das Klinikum Görlitz bildet bei Weitem nicht nur Krankenpfleger aus: Pro Jahr – und auch dieses Jahr – starten hier auch zwei MTRA-Auszubildende. Das Kürzel steht für Medizinisch-Technische Radiologie-Assistenten. Josi Schünemann ist also bei Weitem nicht die einzige Glückliche.

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