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Corona: Vernichtet die Krise Lehrstellen im Kreis?

Die Wirtschaft in Schwierigkeiten, keine Insidermesse, eingeschränkte Kontakte. Doch es gibt auch positive Signale.

Ausbildung ist auch in und nach der Corona-Krise wichtig. Die Unternehmen versuchen alles, um sich weiterhin ihre künftigen Fachkräfte heranzuziehen.
Ausbildung ist auch in und nach der Corona-Krise wichtig. Die Unternehmen versuchen alles, um sich weiterhin ihre künftigen Fachkräfte heranzuziehen. © André Schulze

Die Corona-Krise hat nicht nur viele Firmen wirtschaftlich ins Wanken gebracht. Immer deutlicher stellt sich in den Unternehmen die Frage, ob sie ihr zukünftiges Personal weiterhin selbst ausbilden können oder in diesem Jahr eine Pause einlegen müssen. Die SZ erklärt, wie sich die Situation für Betriebe, aber auch für angehende Lehrlinge darstellt. Darüber hinaus gibt es Tipps, wie junge Leute trotzdem ihren Traumberuf finden können.

Wie sieht es mit den verfügbaren Lehrstellen aus?

Im aktuellen Berichtsjahr, das von Oktober 2019 bis September 2020 geht, wurden der Agentur für Arbeit Bautzen im Landkreis Görlitz bis Ende April 894 Berufsausbildungsstellen gemeldet. "Dies entspricht einem Minus von 4,9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum", erklärt Sprecherin Dana Kostroa. Eine positive Entwicklung sei in den Bereichen Bau, Architektur, Vermessung und Gebäudetechnik (+43,8 Prozent); Geisteswissenschaften, Kultur und Gestaltung (+133,3 Prozent, hier vor allem im Bereich Veranstaltungs-, Kamera- und Tontechnik) sowie bei den kaufmännischen Dienstleistungen, Handel, Vertrieb und Tourismus (+17,2 Prozent) zu verzeichnen. 

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Dagegen habe es in den Bereichen Land-, Forst-, Tierwirtschaft und Gartenbau (-40,8 Prozent); Naturwissenschaft, Geografie und Informatik (-68 Prozent) sowie Unternehmensorganisation, Recht und Verwaltung (-17,4 Prozent) im Vergleich zum Vorjahr starke Rückgänge gegeben. Aus Gesprächen mit Arbeitgebern gehe jedoch hervor, dass die Ausbildungsbereitschaft der Firmen weiter besteht. "Die Betriebe ziehen bei der Agentur für Arbeit gemeldete Ausbildungsstellen nicht zurück, sondern halten an diesen fest. Nur einzelne Unternehmen reagieren verhalten", so Dana Kostroa. Dies betreffe zum Beispiel den Einzelhandel sowie das Hotel- und Gaststättengewerbe.

Wie viele Verträge wurden schon geschlossen?

Der Rückgang abgeschlossener Ausbildungsverträge für das im Herbst beginnende Lehrjahr fällt gegenüber dem Vorjahr deutlich aus. "Zum 30. April hatten wir in Sachsen ein Minus von elf Prozent, im Landesbezirk Dresden - zu dem auch der Landkreis Görlitz gehört - waren es minus 16 Prozent. Anderswo sind die Vertragsabschlüsse noch mehr eingebrochen. Niedersachsen hat minus 18 und Schleswig Holstein sogar minus 23 Prozent gemeldet", erklärt Torsten Köhler, Geschäftsführer Bildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Dresden. Allzu pessimistisch ist er trotzdem nicht. Die Werte seien Momentaufnahmen und branchenspezifisch. 

In der Gastronomie würden zum Beispiel erst im Spätsommer neue Azubis gebunden. Wenn die Restaurants bis dahin wieder in Gang kämen, könne sich die Lage noch erheblich verbessern. Dagegen empfindet die Kreishandwerkerschaft die aktuelle Situation als schwer einschätzbar. Rein statistisch werde im Handwerk ein höherer fünfstelliger Betrag aufgewendet, um einen Lehrling auszubilden, so Geschäftsführer Daniel Siegel. Probleme, diesen Betrag aufzubringen, könnten vor allem solche Branchen bekommen, "in denen die Geschäfte nur mit Einschränkungen und begrenzt wieder aufgenommen werden".

Den Insidertreff gibt es nicht in diesem Jahr. In einigen Wochen soll er im Internet die Verbindung zwischen Betrieben und künftigen Lehrlingen knüpfen.
Den Insidertreff gibt es nicht in diesem Jahr. In einigen Wochen soll er im Internet die Verbindung zwischen Betrieben und künftigen Lehrlingen knüpfen. ©  Archiv/Matthias Weber

Wie finden Betriebe und Jugendliche zueinander?

Das ist nicht einfach, aber immer noch möglich. Die wichtigste Veranstaltung, der vom Landkreis organisierte Insidertreff in der Messehalle Löbau, ist abgesagt. Auch eine Verschiebung in den Spätsommer oder Herbst gibt es nicht. Sven Mimus, Geschäftsführer der Entwicklungsgesellschaft Niederschlesische Oberlausitz (Eno), legt allerdings Wert auf die Feststellung, dass es "keine Präsenzveranstaltung mit 9.000 Besuchern" geben könne. 

Man werde die besondere Situation aber nutzen und zusammen mit IT-Experten einen virtuellen Messeauftritt anbieten. "Wir arbeiten daran, dass wir das bis September, Oktober ins Internet stellen können." Inhaltlich sollen darin die Aussteller des Insidertreffs zum Zuge kommen. Für Berufseinsteiger, die noch in diesem Jahr eine Lehrstelle brauchen, wird es im Online-Insider ab Mitte Juni eine Last-minute-Ausbildungsplatzbörse geben. "Wir haben alle Insider-Firmen angeschrieben. Von rund 150 haben sich über 60 zurückgemeldet. Von denen ist es mehr als 45 ein Bedürfnis, das Thema Ausbildung auch in der Krise nicht unter den Tisch fallen zu lassen." Der gedruckte Insiderkatalog soll wie bisher zum Schuljahresbeginn im Landkreis verteilt werden.

Das Handwerk, so Daniel Siegel, sei aktuell bei Instagram, Facebook und Youtube aktiver denn je. Die Kammer biete Lehrstellenbörsen im Internet und Videos zur Berufsorientierung via Youtube. Dies soll auch nach dem Ende der Corona-Krise fortgeführt werden.

Nach Angaben von Dana Kostroa werden derzeit sowohl Betriebe als auch Schulabgänger in einer konzertierten Aktion von Arbeitsagentur, Kammern und Regierung angesprochen und so für das gemeinsame Anliegen sensibilisiert. Der Fokus liege auf den aktuellen Schulabgängern und Bewerbern, die bis September des vergangenen Jahres noch keinen Ausbildungsvertrag in der Tasche hatten.

Wann könnte es für Lehrverträge eng werden ?

Torsten Köhler von der IHK sieht für das kommende Lehrjahr eine entscheidende Schwierigkeit, die im aktuellen Ausbildungsjahr noch gelöst werden muss. "Wir müssen alles daran setzen, dass die Azubis, die jetzt ihre Abschlussprüfungen machen sollen, diese auch schreiben können. Denn sollte es eine Lehrzeitverlängerung geben, könnten Betriebe nochmal ins Grübeln kommen." Dann würden sie sich wahrscheinlich auf den "fast fertigen Lehrling" konzentrieren, statt einen neuen einzustellen.

Können Azubis in Kurzarbeit geschickt werden?

"In der Regel sind Auszubildende nicht von Kurzarbeit betroffen", sagt Dana Kostroa von der Arbeitsagentur. Der Betrieb müsse versuchen, die Ausbildung weiter zu ermöglichen. Dies könne durch die Umstellung des Ausbildungsplanes gelingen, die Verlagerung der Ausbildung in eine andere Abteilung oder das Nutzen von Online-Seminaren. Wenn doch Kurzarbeit nötig sei, hätten Lehrlinge ab der siebten Woche einen Anspruch auf Kurzarbeitergeld. Zunächst müsse die Vergütung vom Unternehmen sechs Wochen lang fortgezahlt werden. 

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Laut Torsten Köhler gibt es für solche Betriebe in der Höhe des Lehrlingsentgelts einen 100-prozentigen staatlichen Zuschuss. "Firmen machen davon durchaus Gebrauch. Im Ausbildungsbezirk Dresden hat diese Regelung für fast 1.000 Azubis gegriffen, 75 Prozent davon aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe." Im Landkreis Görlitz hätten 31 Firmen für 79 Lehrlinge entsprechende Anträge gestellt.


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