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Corona: Warum dürfen wir erst als Letzte öffnen?

Busreisen und Klubbesuche sind auch in nächster Zeit nicht drin. Alles ungerechtfertigt, sagen Branchen-Vertreter. Ein Virologe hält dagegen.

Für diese Lebensbereiche lassen sich Abstandsregelungen nur sehr schwer vorstellen.
Für diese Lebensbereiche lassen sich Abstandsregelungen nur sehr schwer vorstellen. © dpa

Seit Freitag rollt eine Öffnungswelle durch Sachsen, die eine neue Normalität bringen soll. Doch sie hat längst nicht alle Branchen erfasst. Mittlerweile haben sich Unternehmen daran gewöhnt mit Einschränkungen zu leben. Alles – bloß nicht zu der Gruppe gehören, die erst als Letztes wieder Geld verdienen darf. Treffen wird das Hallenbädern, Saunen, Klubs und Bordelle; die auch mit dem besten Gesundheitskonzept mindestens bis Anfang Juni geschlossen bleiben. Das Gleiche gilt auch für Volksfeste und Busreisen. Nur wahrhaben, möchten das die verschiedenen Branchen nicht und übertrumpfen sich gegenseitig mit kühnen Konzepten, mit denen es am Montag wieder losgehen könnte.

Alkohol und Distanzierung passen nicht zusammen

Dass für große Laufhäuser oder einen belebten Rummel zum jetzigen Zeitpunkt Hygienekonzepte vorliegen, liegt an der Verzweiflung der Branchen. „Wir haben dieses Jahr noch keinen Euro Umsatz machen können“, bedauert Mike Borowsky, Vorsitzender des Dresdner Schaustellerverband. Solange der Zulauf zum Gelände reguliert wird, es überall Desinfektionsmittel gibt und sich an den Buden nur zwei bis drei Menschen gleichzeitig aufhalten, spreche nichts mehr gegen Volksfeste. Für den 51-Jährigen sind das allerdings nur theoretische Gedankenspiele: „Zuerst brauchen wir eine Einschätzung, was der Begriff Großveranstaltung überhaupt bedeutet.“ Helmut Fickenscher, Präsident der Vereinigung zur Bekämpfung der Viruserkrankungen, kann sich hingegen nicht vorstellen, dass ein Volksfest nach aktuellen Hygienestandards Spaß machen kann: „Hinzu kommt, dass sich Alkohol und Distanzierung nur sehr schwer kombinieren lassen. Das wird schon bei der Öffnung von Biergärten zum Problem werden, denn mit jedem Bier sinkt die Selbstbeherrschung.“

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Das gleiche gilt für die Klubkultur, die unter besonderer Beobachtung steht: „Es ist vielfach bewiesen, dass vollgestopfte Diskotheken ideale Bedingungen für die Verbreitung von Atemwegserkrankungen bieten“, erklärt Fickenscher. Aus Berlin kommt deshalb der Vorschlag, zumindest die Außenbereiche der Klubs wiederzubeleben: Solange alle Gäste einen Mundschutz tragen und über personalisierte Tickets vom Gesundheitsamt nachverfolgt werden können, stehe der nächsten Party nichts mehr im Weg. Eine Vorlage, die bereits von einzelnen Abgeordneten in Gremien getragen werde. Wenn Fickenscher von solchen Konzepten hört, muss er daran erinnern, dass solche Masken höchstens einen Fremdschutz und kaum einen Eigenschutz bieten und auch das Klubnetz aus Dresden ist nicht ganz so optimistisch und hat erst einmal Sitzkonzerte im Auge. Zuerst müsse grundsätzlich geklärt werden, ob Klubs überhaupt als Konzertspielstätten gelten.

Gut durchlüften reicht nicht

Die unterschiedlichen Schwerpunkte der Länder stoßen auch auf Bundesebene auf Kritik. Vor allem, wenn es um den Fernverkehr geht: Aus einem Schreiben an den Bundesverband der Omnibusunternehmer geht hervor, dass das Verkehrsministerium höchst unzufrieden mit der aktuellen Flickenteppich-Situation sei. In Hessen dürfen Omnibusse zum Beispiel wieder Reisen anbieten, allerdings nur solange jedem Fahrgast mindestens fünf Quadratmeter zur Verfügung stehen. Was für dem Landesverband so unwirtschaftlich erscheint, dass es einem faktischen Verbot wie in Sachsen nahekommt.

Die Omnibusverbände hätte sich sanftere Auflagen gewünscht: Neben Desinfektionsmittel für Personal und Fahrgäste sollte eine erhöhte Luftzirkulation für eine reduzierte Virenlast im Fahrzeug sorgen. Sogar auf einen Mundschutz sollte verzichtet werden können, solange zwischen die Fahrgäste einen Abstand von 1,5 Metern eingehalten. „Da bin ich sehr skeptisch und kann nur hoffen, dass sich diese Einschätzung als richtig herausstellt. Zumal es in Flugzeugen bei dem SARS-CoV-1 im Jahr 2003 eine ganze Menge Übertragungen gab, aber zum Glück nur mit den vorderen und hinteren Reihe.“ Dass sich nicht mehr angesteckt hätten, lag zu großen Teilen an der Lüftungskonstruktion. An der Belüftung zu schrauben, ist also wirklich ein Ansatzpunkt, doch löst bei Weitem nicht alle Probleme.

Nächster Halt: Sauna

Sogar einem Stopp im Dampfbad, sollte nichts im Weg stehen. Vom Sauna-Bund heißt es, dass Saunaräume aufgrund der hohen Lufttemperatur eine thermische Desinfektion bieten. Zwar verträgt das neuartige Coronavirus höhere Temperaturen wirklich nicht lange und über das Wasser im Hallenbad ist eine Übertragung auch höchst unwahrscheinlich, dafür wird das Badewasser viel zu oft aufbereitet. Allerdings besteht vor allem in geschlossenen Räumen weiterhin ein besonderes Risiko durch Tröpfcheninfektionen. Wie das hingegen für naturbelassene Gewässer aussieht, lasse sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht bewerten. Obwohl die Aerosole-Verbreitung in einer feuchten Umgebung eine größere Rolle spielen könne. Als besonders kritisch gelten überall die Duschen: „Dort dürfte es besonders schwierig werden ein Konzept zu finden, bei der es nicht zu einer hohen Personendichte kommt“, betont Fickenscher.

Alles kein Vergleich zu dem Gewerbe, wo mit Nähe Geld verdient wird. Doch auch der Berufsverband Sexarbeit arbeitet gerade am einem Hygieneplan zur Ausübung von Prostitution: „Wir gehen davon aus, dass als Erstes erotische Massagen erlaubt werden. Hier gelten die gleichen Bedingungen wie bei nicht medizinischen Massagen, die unter Einhaltung bestimmter Hygienemaßnahmen bereits wieder erlaubt sind“, erklärt Vorstandschefin Johanna Weber und würde sogar noch einen Schritt weiter gehen. Auch sexuelle Dienstleistungen wären vereinbar, solange ein Mundschutz getragen werde, sich die Gesichter nicht zu nah kommen und es nicht zu Oralverkehr kommt.

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