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Stürzt Corona Beziehungen in die Krise?

Paarberater Christian Thiel über Ursachen von Streit und Wege aus der Einsamkeit.

Christian Thiel über die Liebe in Corona-Zeiten.
Christian Thiel über die Liebe in Corona-Zeiten. © Christian Juppe

Herr Thiel, Corona soll auch viele Beziehungen in die Krise gestürzt haben. Können Sie das aus Ihrer Beratungstätigkeit bestätigen?

Ich habe jetzt tatsächlich gut zu tun. Aber Corona ist nicht die Ursache dafür.

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Sondern?

Die Beziehungsprobleme waren schon vorher da. Nur sind sie in der Coronazeit mehr aufgefallen: Er trinkt abends immer ein Bier zu viel. Sie nörgelt an allem rum. Paare beziehungsweise Familien sind heute oft nicht mehr gewöhnt, viel Zeit miteinander zu verbringen. Sie haben die Arbeit, die Schule, die Kita. Wenn das alles wegfällt, eskalieren Probleme schnell. Im Prinzip aber sollten Paare doch froh sein, wenn die Probleme jetzt hochkommen.

Freude über Streit mit dem Partner?

Ich rede jetzt nicht von sogenannten dysfunktionalen Partnerschaften, in denen es Gewalterfahrungen gibt. In „normalen“ Beziehungen ist es aber viel schlimmer, wenn gar nicht über Probleme geredet und alles unter den Teppich gekehrt wird. Oder wenn einer von beiden feststellt, dass das Grün in Nachbars Garten viel grüner ist.

Streit bringt doch oft aber auch keine Lösung.

Weil jeder sich nur darauf konzentriert, aufzuzählen, was alles nicht funktioniert. Das ist aber nicht der Punkt. Das Grundproblem vieler Beziehungen ist, dass die gegenseitige Zuwendung über die Jahre auf ein Minimum reduziert wurde und dass sich jeder im Alltag zu sehr auf sich selbst konzentriert. Es schmerzt mich manchmal fast, wenn ich höre, wie wenig Partner nur noch füreinander da sind. Da gibt es kein nettes Wort mehr, keinen Kuss, keinen oder bestenfalls kaum noch Sex. Wen wundert es da, dass sich Menschen in der Partnerschaft nicht mehr wohlfühlen. Man redet lieber mit Kollegen und Nachbarn. Und abends ist das Fernsehprogramm immer wichtiger.

Was raten Sie solchen Paaren?

Sie sollen nicht auf die aktuellen Probleme schauen, sondern darauf, was ihnen wirklich fehlt: Anerkennung, in den Arm genommen oder respektiert zu werden zum Beispiel. Das klingt einfach, funktioniert aber in der Praxis nur, wenn beide von gegenseitigen Schuldzuweisungen wegkommen und einsehen, dass sie beide etwas ändern müssen. Sie müssen verstehen, was den Anderen glücklich macht.

Viele Singles würden das gerne, denn sie leiden angesichts von Abstandsgeboten und Veranstaltungsabsagen unter Einsamkeit.

Es stimmt, viele merken jetzt, dass Single sein doch nicht so toll ist, wie es diverse Bestseller suggerieren. Das Gute an der Krise ist, dass Menschen wieder mehr nachdenken, was wirklich wichtig ist im Leben. Und da kommt man ganz schnell darauf, dass die Liebe dazugehört.

Wie soll man sich aber verlieben, wenn Menschen Masken tragen, Bars und Discotheken geschlossen haben?

In Bars und Klubs hat auch vor Corona kaum ernsthafte Partnersuche stattgefunden. Da ging es doch mehr ums Flirten oder den One-Night-Stand. Klar ist es schwieriger geworden, sich offline kennenzulernen. Aber es gibt doch noch das Internet. Seriöse Partnerbörsen waren schon vor der Krise für alle über 30 die bessere Strategie.

Und wie ist es mit dem Küssen in Coronazeiten?

Wenn ich meine Frau küssen darf, kann jemand auch einen Menschen küssen, den er kennen und lieben lernt. Warum sollte das gefährlicher sein? Bei aller Vorsicht muss das auch in diesen Zeiten erlaubt sein. Insofern nur zu: Es ist ein schöner Sommer – und eine ideale Zeit zum Daten. Mit dem anderen spazieren gehen ist eine gute Idee zum Kennenlernen. Man ist draußen und kann sich gut unterhalten. Ich als Singleberater halte es ohnehin für besser, sich mit dem Küssen Zeit zu lassen und erst einmal zu versuchen, den anderen kennenzulernen.

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