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Von der Mangel- zur Massenware

Viele Textilfirmen in Sachsen fertigen zurzeit Mundschutz. Darunter sind einige Hightech-Entwicklungen.

Bei der Firma Sachsen Fahnen waren sich die Mitarbeiter einig, dass sie jetzt Masken nähen wollen. Uneins ist man nur bei Bändchen und Gummi.
Bei der Firma Sachsen Fahnen waren sich die Mitarbeiter einig, dass sie jetzt Masken nähen wollen. Uneins ist man nur bei Bändchen und Gummi. © dpa

Draußen vor den Fenstern zwitschern die Vögel ihr schönstes Frühlingskonzert. Sie können darauf hoffen, von den Beschäftigten der Sachsen Fahnen GmbH in Kamenz gehört zu werden. Eines Blickes gewürdigt werden sie definitiv nicht. Denn die Frauen und Männer schauen konzentriert auf ihre Nähmaschinen, überwachen die Nadeln, die sich durch den weißen Baumwollstoff arbeiten.

Was hier in wenigen Minuten unter den geübten Blicken der Konfektionäre entsteht, ist eine Mund-Nasen-Maske. Vor drei Wochen hat das Kamenzer Unternehmen seine Fertigung um dieses neue und zurzeit sehr gefragte Produkt erweitert. „Unsere Mitarbeiter äußerten den Wunsch, sich mit dem Thema zu beschäftigen, nachdem in der Öffentlichkeit immer wieder über den Engpass berichtet wurde.

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Der Idee folgten Taten. Sachsenfahnen suchte nicht nach Schnittmustern, sondern entwarf selbst einen Mundschutz. Er wird ausschließlich aus einhundert Prozent Baumwolle hergestellt. Die ist weiß und damit bei 95 Grad waschbar. Eingefasst werden die beiden Lagen von Baumwollschrägband zum Binden hinterm Kopf oder von Gummibändern. „Welche Variante die bessere ist, scheint eine Glaubensfrage“, sagt Silke Otto. Und die wird seit einigen Tagen immer wieder in Kamenz diskutiert, um das Produkt besser zu machen.

Eingearbeitete Silberfäden

Das erfüllt nicht die Standards einer medizinischen Schutzmaske, wie Silke Otto betont. Dazu müsste sie als Medizinprodukt zertifiziert werden. Ein solches Verfahren hat in der Vergangenheit mehrere Monate, oft sogar Jahre in Anspruch genommen und war zugleich eine teure Investition für Firmen. Im Zuge der Corona-Krise wurden die Zertifizierungsverfahren beschleunigt, und dennoch sieht sich die Sachsen Fahnen GmbH mehr als Anbieter für den Otto Normalverbraucher. Und damit, so scheint es, kann die Firma auf große Nachfrage hoffen.

Immerhin hat Sachsen eine Maskenpflicht in Bus, Tram, Bahn und beim Einkaufen eingeführt. In Bayern wird es eine solche Maskenpflicht ab 27. April geben. Selbst das Robert-Koch-Institut, das lange Zeit nur Menschen mit akuten Atemwegserkrankungen das Tragen eines Schutzes empfohlen hatte, schwenkte vorige Woche um. Der neue Tenor: eine Maske, zur Not auch eine selbstgenäht, schütze vor allem die anderen, weil der Stoff Tröpfchen auffange – vorausgesetzt, er wird regelmäßig gewechselt und gewaschen – was auch nachhaltiger ist, als die Einweg-OP-Masken aus Vlies.

Der Markt scheint gigantisch. Allein in Sachsens Krankenhäusern und Pflegeheimen würden in den kommenden sechs Monaten rund 45 Millionen Stück Gesichtsschutzmasken benötigt. Diesen Bedarf hat das Sozialministerium nach Berlin gemeldet. Die Hersteller arbeiten an der Kapazitätsgrenze. Und sie könnten bald Unterstützung aus dem Erzgebirge erhalten. In Geyer, südlich von Chemnitz gelegen, ist das Textilunternehmen Brändl Zuhause. Nicht erst seit Corona beschäftigt man sich hier mit Stoffen, die Keime abtöten. Silber wirkt antibakteriell. Diese Erkenntnis hat das Traditionsunternehmen Spengler & Fürst aus Crimmitschau genutzt, um ihren Stoff mit den eingewebten Silberfäden zu entwickeln. Der war vielen Kliniken bisher schlichtweg zu teuer. In Folge der Pandemie spürt Jörg Brändl aber ein Umdenken. Die Häuser erkennen, dass es hinsichtlich der Hygiene Handlungsbedarf gebe, so Brändl und er erklärt die Funktionsweise des Stoffes. Die Luftfeuchtigkeit löst die Silber-Ionen heraus, die sich dann an Keimen anlagern und deren DNA angreifen, was die Vermehrung stoppt. 

Den Beweis lieferte eine Praxisstudie mit der Uniklinik Dresden. Dort hatte man Duschvorhänge mit dem Material getestet, allerdings nicht wegen des Coronavirus, sondern multiressistenten Keimen. Dass Silber allein gegen Viren wenig ausrichten kann, weiß auch Jörg Brändl. Er kooperiert deshalb mit Norafin, einem Hersteller technischer Spezialvliesstoffe aus Mildenau. Ziel sei, mit einer Vlieseinlage und den Silberfäden einen Mundschutz zu entwickeln, der als „All-in-one-Lösung“ vor Viren, Bakterien und multiresistenten Keimen schützt.

Genäht in der Slowakei

Der Branchenverband der sächsischen Textilhersteller hat unlängst eine Liste mit gut 20 Unternehmen veröffentlicht, die ihre Produktion umgestellt haben, um einen Mund-Nasen-Schutz herzustellen. Jenz Otto, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Nord-Ostdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie e. V. (vti), sieht die Hersteller dafür gut gerüstet. Schließlich machen die Unternehmen bereits weit mehr als die Hälfte ihres Umsatzes von zuletzt 1,8 Milliarden Euro mit technischen Textilien.

In Zeiten, wo andere Bestellungen storniert oder verschoben worden, ist die Maskenproduktion ein kleines Zubrot, auch bei der Carl Bauer GmbH in Aue. Dort werden hochwertige Damaste gewebt, aus denen Tischwäsche und Bettüberzüge werden. Dass man Baumwolle verarbeitet, helfe jetzt bei der Maskenfertigung, sagt Geschäftsführer Michael Bauer. Auch er setzt auf eine weiße, kochfeste Maske. Genäht wird die aber nicht in Aue, sondern bei Geschäftspartnern in der Slowakei. „Uns fehlen schlichtweg die Konfektionäre“, so Bauer. Vor Jahren schon wurden Großteile der personalkostenintensiven Näherei nach Osteuropa oder Asien verlagert.

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