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"Wir haben niemanden in Kurzarbeit geschickt"

Stadtwerke-Vorstand Matthias Block im SZ-Interview über die Corona-Krise, den Ausfall des Straßentheaterfestivals und sein großes Zukunftsprojekt.

Stadtwerke-Vorstand Matthias Block im Kundencenter seines Unternehmens, in dem sich in Corona-Zeiten auch viel verändert hat.
Stadtwerke-Vorstand Matthias Block im Kundencenter seines Unternehmens, in dem sich in Corona-Zeiten auch viel verändert hat. © Nikolai Schmidt

Am Donnerstag hätte Matthias Block auf der Bühne des Eröffnungsabends beim Görlitzer Straßentheaterfestival gestanden, am Freitagabend hätte der Empfang des Unternehmens anlässlich des Festes stattgefunden. Doch Corona machte diese Pläne zunichte: Das Viathea fällt dieses Jahr aus - sehr zum Leidwesen von Tausenden Fans, die das Fest hat. Zu denen zählt auch Matthias Block, wie er im SZ-Gespräch sagt.

Herr Block, an diesem Wochenende hätte das Görlitzer Straßentheaterfestival Viathea stattgefunden. Die Stadtwerke sind einer der Hauptpartner des Festes. Wie sehr fehlt Ihnen das Viathea persönlich, das wegen der Corona-Einschränkungen ausfallen muss?

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Ich persönlich, aber auch die Stadtwerke Görlitz AG sind große Fans des Straßentheaterfestivals. Ich halte es für das schönste Fest im kulturellen Jahreskalender von Görlitz. Das bestätigen mir auch immer wieder Gäste, die wir zum Viathea einladen. Die Stadtwerke laden nicht nur während des Festes zu ihrem Empfang in die Altstadt ein, sondern sind auch viel unterwegs während des Viatheas - da muss noch ein Stromanschluss verlegt, dort eine Leitung gezogen werden. Wir stecken unser Herzblut hinein. Daran allein merken sie schon, wir sehr uns dieses wunderschöne Fest fehlt.

So eröffnete Stadtwerke-Chef Matthias Block (li.) vor drei Jahren das Viathea mit. 
So eröffnete Stadtwerke-Chef Matthias Block (li.) vor drei Jahren das Viathea mit.  © Pawel Sosnowski/80studio.net
Der Auftakt beim Picknick im Stadtpark gehört zum Schönsten, was das Straßentheaterfestival jährlich zu bieten hat. 
Der Auftakt beim Picknick im Stadtpark gehört zum Schönsten, was das Straßentheaterfestival jährlich zu bieten hat.  © Pawel Sosnowski/80studio.net
Dass die Besucher auch immer wieder in das Spiel einbezogen werden, erlebte Dr. Rüdiger Adam 2014. 
Dass die Besucher auch immer wieder in das Spiel einbezogen werden, erlebte Dr. Rüdiger Adam 2014.  © Nikolai Schmidt
Die Kostüme der Compagnie d'outre Rue aus Belgien waren 2013 sehr sehenswert.
Die Kostüme der Compagnie d'outre Rue aus Belgien waren 2013 sehr sehenswert. © Pawel Sosnowski/80studio.net
Kungeunda vom Teatr Animacji aus Jelenia Gora gehörte zu den Publikumslieblingen vor 13 Jahren.
Kungeunda vom Teatr Animacji aus Jelenia Gora gehörte zu den Publikumslieblingen vor 13 Jahren. © Pawel Sosnowski

Wie sind denn die Stadtwerke bislang durch die Corona-Pandemie gekommen? 

Als Unternehmen war es unser erstes Ziel, die Versorgung mit Strom, Wasser, Gas und Wärme sowie die Entsorgung des Abwassers aufrechtzuerhalten. Das ist uns gelungen. Wir haben sowohl die Versorgungssicherheit gewährleistet als auch die Gesundheit der Mitarbeiter absichern können. Wirtschaftlich haben wir natürlich auch Sorgen. Wenn Hotels und Gaststätten oder Firmen ihren Betrieb runterfahren, dann sinken auch die Mengen an Wasser, Strom, Wärme oder Gas, die abgenommen werden. Aber die Ausmaße dieser Einschnitte können wir nur zeitversetzt genauer definieren.

Rund drei Prozent weniger Wasser verbraucht

Wie viel weniger Energie haben Sie denn verkauft?

Die Strom- und Gasmengen schwanken traditionell, auch ohne Corona. Insofern ist es schwer zu sagen, was die Pandemie prozentual für Auswirkungen hat. Beim Wasser ist das einfacher zu sagen. Da sank der Verbrauch coronabedingt um circa drei bis vier Prozent. Auch die abgesetzte Menge an Fernwärme ist gesunken, aber wir hatten auch eine wärmere Witterung als in den Vorjahren. Insofern spielen viele Faktoren eine Rolle. Genau wissen wir das alles erst im nächsten Jahr.

Mussten Sie Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken?

Nein, wir haben darauf verzichtet, auf dieses Instrument zurückzugreifen. Wenn man Mitarbeiter in Kurzarbeit schickt, dann muss auch keine Arbeit da sein. Das ist aber bei einem Versorger schwierig: Strom, Wasser, Gas, Fernwärme und Abwasser gehören ganz unmittelbar zum Leben der Menschen und werden nicht überflüssig oder fallen nicht an, weil ein bedrohliches Virus auftritt. Dass wir den Weg der Kurzarbeit nicht gegangen sind, spricht auch für die wirtschaftliche Stärke unseres Unternehmens.

Wie hat sich die Arbeitsweise Ihrer Mitarbeiter durch die verschärften Hygiene- und Abstandsregeln verändert?

Rund 70 von unseren 300 Mitarbeitern waren oder sind noch im Homeoffice. Wir haben Schichtsysteme eingerichtet, Büros zeitlich versetzt besetzt und die Hygieneregeln eingeführt - das ist so sicherlich überall geschehen. Ein Krisenstab tagte seit Ende Februar, anfangs wöchentlich, jetzt in größeren Abständen. Und wir sind sehr von der Veolia-Gruppe unterstützt worden, die unsere Mitarbeiter recht schnell mit Masken und  Schutzausrüstung unterstützt hat. Zudem standen wir in engem Austausch mit der Stadt, dem Landkreis und dem Gesundheitsamt. 

Mit der Hochwasser-Katastrophe nicht vergleichbar

Es ist die zweite große Krise innerhalb von zehn Jahren. Damals ging es darum, Wasser- und Klärwerk am Laufen zu halten.

Sie haben recht, es ist die zweite Krise, die ich als Vorstand bei den Stadtwerken erlebe. Aber sie ist doch ganz anders als das Hochwasser 2010, wo wir mit dem Wasser ja einen sehr sicht- und spürbaren "Gegner" hatten. Das ist diesmal ja nicht der Fall. Um uns auf solche Situationen vorzubereiten, werden diese in unserem Unternehmen gemeinsam auch mit Partnern wie dem Landkreis in regelmäßigen Abständen auch vorsorglich simuliert. Aber wenn sie dann tatsächlich eintreten, dann sieht die Praxis eben doch immer wieder anders aus. Aber eine Gemeinsamkeit sehe ich schon: Die Menschen sind in solchen Situationen bereit, sich besonders zu engagieren und Ideen einzubringen, die sonst nicht so alltäglich sind. Das stärkt den Zusammenhalt, ohne den es nicht geht.

Oberbürgermeister Octavian Ursu hat vor dem Stadtrat davon gesprochen, dass die Stadtwerke rund eine halbe Million an Ertrag verloren haben. Wie groß sind die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie auf Ihr Unternehmen?

In den vergangenen Jahren ist es den Stadtwerken wirtschaftlich gut und vernünftig gegangen. Jetzt haben wir ein besonderes Jahr, aber das trifft auch viele andere Unternehmen. Wichtig ist: Die Arbeitsplätze bei den Stadtwerken sind sicher, wir müssen sicher wirtschaftliche Herausforderungen meistern, aber wir sind von einer Krise weit entfernt.

Kundenbüro in Zgorzelec dicht - Mitarbeiter in Deutschland

Sie hatten kurz vor der Corona-Krise ein Kundenbüro in Zgorzelec eröffnet. Dann kamen die rigiden Grenzkontrollen und Einreisevorschriften Polens, die einen Grenzübertritt unmöglich machten. Was hatte das für Folgen für das Büro?

Dass wir praktisch über Nacht eine so harte Grenze wieder in Europa erleben würden, konnte ich mir zuvor nicht vorstellen, und ich habe die Sicherung der Grenzen durch das polnische Militär mit schweren Schusswaffen mit großem Unbehagen gesehen. Unser Kundenbüro in Zgorzelec mussten wir schließen. Zum einen durften auch in Polen eine zeitlang Läden nicht geöffnet sein, die Vorschriften für die Menschen waren zum Teil härter als in Deutschland. Und zum anderen wohnen und leben unsere polnischen Mitarbeiter des dortigen Kundenbüros in Deutschland, sie kamen also auch nicht über die Grenze, ohne in Quarantäne gehen zu müssen. Ab Mai normalisierte sich der Grenzübertritt für Pendler dann ein wenig, das galt auch für uns. Und Anfang Juni konnten wir das Kundenbüro in Zgorzelec wieder öffnen.

Fördermittel für Fernwärme-Vorhaben nötig

Zu den sieben Zukunftsprojekten, die Oberbürgermeister Octavian Ursu bei seinem Neujahrsempfang vorstellte, zählte auch die gemeinsame Fernwärmeversorgung von Görlitz und Zgorzelec durch die Stadtwerke. Konnten Sie das grenzüberschreitende Vorhaben in der Corona-Zeit überhaupt vorantreiben?

Wir sind sehr froh und dankbar, dass das Vorhaben Ende Januar vor so großem Publikum publik gemacht werden konnte. Denn es liegt uns sehr am Herzen, weil es für den Umweltschutz, für die klimaneutrale Europastadt sehr wichtig ist. Das ist Strukturwandel in der Region, der auch zu guten Beziehungen von Görlitz und Zgorzelec beitragen kann. Mit dem Fernwärmeversorger in Zgorzelec, ZPEC, treffen wir uns regelmäßig. Um das Vorhaben zu verwirklichen, wir reden über ein Investitionsvolumen von rund 60 Millionen Euro, sind wir auf öffentliche Fördergelder angewiesen. Zuletzt hat uns auch Sachsens Umweltminister Günther seine Unterstützung ausgesprochen. Am 9. Juli werden die Stadtoberhäupter von Görlitz und Zgorzelec eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichnen, das Projekt umzusetzen. Und dann werden wir nach Brüssel gehen, um Fördermittel einzuwerben.

Wie sehr stehen Sie bei dem Projekt unter Zeitdruck?

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Zunächst einmal stehen die Kollegen in Zgorzelec unter Zeitdruck. Die Stadt muss ihr Heizwerk, das derzeit ausschließlich auf Kohlebasis arbeitet, modernisieren, um EU-weit geltende Grenzwerte einzuhalten. Die gemeinsame Versorgung mit klimaneutraler Fernwärme wollen wir dann bis 2030 verwirklichen. Wir werden eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben, planen die Überleitung, gehen auch unternehmerisch in Vorleistung. Alles, um eine Basis für die Fördermittel zu legen. Für uns ist das ein ungewohntes Terrain: Als Unternehmen laufen wir normalerweise nicht den Fördermittelprogrammen hinterher. In diesem Fall sind wir aber auch abhängig von der Politik. Doch wir glauben fest an dieses Vorhaben und brennen auch darauf, es zu verwirklichen.

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