merken
PLUS Feuilleton

Mit Hochdruck hinter geschlossenen Türen

Das Hygiene-Museum ist zu, die Sächsische Landesausstellung verschoben – trotzdem haben die Mitarbeiter voll zu tun.

Das kleinste Objekt der 4. Sächsischen Landesausstellung in Zwickau kommt aus dem Museum für Sächsische Volkskunst in Dresden. Es ist eine Dampfmaschine in der
Walnusschale.
Das kleinste Objekt der 4. Sächsischen Landesausstellung in Zwickau kommt aus dem Museum für Sächsische Volkskunst in Dresden. Es ist eine Dampfmaschine in der Walnusschale. © Andreas Gosch

Mancher könnte in diesen Zeiten ein paar Anregungen fürs Kochen daheim gebrauchen, mancher fragt sich: Werde ich in Zukunft genug zu essen haben? Oder: Wie ernähre ich mich richtig, damit mein Immunsystem nicht schlapp macht? Antworten darauf könnte man auch in der Ausstellung „Future Food“ finden, die seit dem 20. März im Deutschen Hygiene-Museum Dresden auf ihre Eröffnung wartet. 

Museumsdirektor Klaus Vogel schwärmt am Telefon: „Das ist eine wunderschöne, Lust machende Schau geworden, aber statt sie zu eröffnen, mussten wir den Schlüssel rumdrehen und sagen: Sie bleibt zu.“ Über die sozialen Netzwerke hat das Museum appetitanregende Fotos verbreitet. Ein virtueller Rundgang ist bisher nicht geplant, „weil wir hoffen, dass wir die Ausstellung noch eröffnen können. Wir haben attraktive originale Exponate und viele Hands-on-Stationen. So eine Ausstellung lebt vom persönlichen Besuch, die Atmosphäre lässt sich nicht in einem Internetfilmchen vermitteln“, sagt Vogel. Ein virtuelles Gesprächsformat sei in Vorbereitung, denn das Hygiene-Museum bereitet zu jeder Sonderschau immer auch ein umfangreiches Rahmenprogramm vor, das nun zwar nicht mit, aber in reduzierter Form doch fürs Publikum stattfinden kann.

Anzeige
Vernünftige Rendite statt 0 % Zinsen
Vernünftige Rendite statt 0 % Zinsen

Geld anlegen. Klassische Zinsen kassieren. Das ist auf absehbare Zeit schwierig. Mit MeinInvest investiert man in die Zukunft!

Wird das Museum nach der Corona-Krise den Viren eine Ausstellung widmen? „Der Vorschlag kam schon von mehreren Seiten. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich so sexy ist. Vielleicht wollen die Menschen dann ganz anderes sehen“, so Vogel. Außerdem gab es eine ähnliche Ausstellung vor einigen Jahren schon: „Seuchen machen Geschichte“ hieß sie.

Wie hoch die finanziellen Ausfälle fürs Museum sind, das in einer Stiftung getragen wird von Stadt und Land, ist noch unklar. „Wenn sich das über Monate hinzieht, können daraus hohe sechsstellige Minusbeträge werden. Wir konnten zwar Rücklagen bilden, aber die sind eigentlich nicht dafür gemacht“, erklärt Klaus Vogel.

Nicht wieder öffnen wird die Ausstellung „Von Pflanzen und Menschen“, die am 19. April zu Ende gehen sollte. „Wir könnten die Schau nun abbauen und die Exponate zurückführen. Aber auch unsere Leihgeber haben einen völligen shutdown.“

Bei der 4. Sächsischen Landesausstellung, die unter Federführung des Hygiene-Museums entsteht, ist man darauf angewiesen, dass die Leihgaben nach Zwickau kommen und hat also das Problem in umgekehrter Richtung. Die Eröffnung am 25. April wurde abgesagt, aber die wichtigen Leihgeber haben signalisiert, dass sie ihre Objekte länger zur Verfügung stellen. „Da gibt es Wohlwollen und Verständnis, weil die Museen und Ausstellungshäuser in Europa ja alle in ähnlichen Situationen sind“, sagt der Ausstellungskommissar. „Wir arbeiten jetzt an drei Szenarien für die Landesausstellung: Eine zeitnahe Eröffnung, sodass wir die Schau vielleicht gar nicht verlängern müssen. Wenn wir erst im Spätsommer oder Frühherbst loslegen, könnten wir die Ausstellung ins Jahr 2021 laufen lassen. Die Bereitschaft dazu hat die Ministerin schon avisiert. Der allerschlimmste Fall wäre, die Schau um ein Jahr verschieben zu müssen.“

Das engagierte Landesschau-Team besteht zum großen Teil aus freien Mitarbeitern. „Einige haben bereits Verträge für andere Projekte unterschrieben. Andere wollen wissen, wie lange wir sie noch brauchen. Wir hoffen, dass wir bald eine Ahnung haben, in welche Richtung es sich bewegt“ sagt Vogel. Verträge müssen verlängert und die von Schulklassen aus ganz Sachsen gebuchten Führungen müssen rückabgewickelt werden, ohne dass ihnen jetzt schon ein neuer Termin genannt werden könnte. „Die Ostdeutsche Sparkassenstiftung als Förderer weicht zum Glück nicht von unserer Seite“, sagt Vogel erfreut. „Wir sind dabei, die Kostenschätzungen für die drei Szenarien zu erarbeiten und hoffen, dass wir von der Staatsregierung schnell grünes Licht bekommen.“ Das dürfte kein Problem sein, denn diese Landesausstellung, die 500 Jahre sächsische Industriegeschichte präsentiert, ist ein echtes Identitätsprojekt für Sachsen. „Wir setzen den Aufbau fort. Derzeit werden die technischen und handwerklichen Arbeiten fortgeführt und die Beschriftungen angebracht, um dann schnell die Exponate in den Räumlichkeiten zu platzieren, sobald der Museumsbetrieb und der Leihverkehr wieder funktionieren. Übrigens wird das Ausstellungsbuch „Boom“ mit 380 Seiten pünktlich Mitte April erscheinen.“

In Freiberg ist die Reiche Zeche mit der Ausstellung „Silber-Boom“ einer von sechs dezentralen Orten der Landesschau. Zwei neue Lehrpfade in 147 Metern Tiefe sind dort kurz vor der Fertigstellung. 500.000 Euro an Fördergeldern hat der Freistaat dafür und für Sanierungsarbeiten bereitgestellt. Bei einer Entdeckertour werden auf einer Strecke von 500 Metern bergmännische Begriffe wie Vortrieb, Ausbau und Vermessung multimedial und interaktiv erklärt. Auf einer zweiten, etwa zweieinhalb Kilometer langen Tour wird es erstmals in der Geschichte des Forschungs- und Lehrbergwerkes möglich sein, Forschungsstandorte zu besichtigen. So sehen Besucher beispielsweise, wie an der Gewinnung von Erz durch Bakterien geforscht wird. „Derzeit sind 15 Institute der TU Bergakademie sowie 33 externe Partner aus 26 Ländern in die Forschungen unter Tage eingebunden“, sagt Helmut Mischo, wissenschaftlicher Direktor des Forschungs- und Lehrbergwerkes.

Weiterführende Artikel

Künstler leiden unter Corona

Künstler leiden unter Corona

Gegen das Virus haben Zauberer wie Milko Bräuer, Thomas Born oder Florian Steinborn kein magisches Mittel. Der SZ schildern sie ihre derzeitige Situation.

Betroffen von der Verlegung des Termins sind auch Begleitprogramme der Landesschau wie die Eröffnung der interaktiven Rohstoffausstellung „Vom Salz des Lebens“ im Alten Fördermaschinenhaus auf der Reichen Zeche, die für den 7. April geplant war. „Schulklassen und Gruppen, die bereits Führungen und Projekte gebucht haben, können diese beim Besucherservice des Silberbergwerkes telefonisch oder per Mail kostenfrei stornieren oder umbuchen, sobald feststeht, wann die Ausstellung beginnt“, so Mischo. Die neun Mitarbeiter und 40 ehrenamtlich Beschäftigten des Fördervereins Himmelfahrt Fundgrube, die für den Besucherbetrieb verantwortlich sind, erhalten laut Vorstandsvorsitzendem Erich Fritz alle ihre arbeitsvertraglich vereinbarte Entlohnung. Sie würden derzeit noch für die Landesschau arbeiten.

Aktuelle Informationen rund um das Coronavirus in Sachsen, Deutschland und der Welt lesen Sie in unserem Newsblog.

Mehr zum Thema Feuilleton