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Dresdner Startup baut Schule im Netz aus

Die neue Software von Christian Bohner und seinem Team hat schon 4.000 Nutzer. Die Entwickler feilen am Programm und haben einige Entdeckungen gemacht.

Dr. Christian Bohner sitzt mit seinem Startup Kuravisma in einer altehrwürdigen Villa am Käthe-Kolwitz-Ufer. Dort trifft Geschichte auf Zukunft.
Dr. Christian Bohner sitzt mit seinem Startup Kuravisma in einer altehrwürdigen Villa am Käthe-Kolwitz-Ufer. Dort trifft Geschichte auf Zukunft. © Sven Ellger

Dresden. Die Schlagzahl bleibt konstant. Im Zwei-Minuten-Rhythmus laufen in Christian Bohners Postfach Mails ein. Das geht seit Wochen so. Am 25. März hat sein Startup Kuravisma das Online-Angebot "Netzklasse" allen Schulen und Hochschulen in Deutschland kostenlos zur Verfügung gestellt. Ihm liege am Herzen, dass die aktuelle Ausnahmesituation, die von heute auf morgen Tausende Schüler und Lehrer aus den Schulen verbannte, den Unterricht nicht vollkommen lahm legt, sagte Bohner damals.

Die Software für das sogenannte virtuelle Klassenzimmer basiert auf einem Programm für Online-Nachhilfeunterricht. Die Coronazwänge aber machten deutlich, dass eine solche Lösung auch Pädagogen an Grund- und Oberschulen, an Gymnasien und an Hochschulen helfen kann, ihre Schüler auf Distanz weiter zu beschulen. Nun wissen die jungen Macher, dass ihr Produkt noch viel mehr Verwendungsmöglichkeiten hat und feilen immer weiter daran.

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Über 4.000 Nutzer haben sich angemeldet

"Ich habe viel gelernt in letzter Zeit", sagt Christian Bohner. Der promovierte Mathematiker ist Mitgründer und Chef des Softwareunternehmens Kuravisma. Besonders eindrücklich habe er erfahren, wie verdammt früh am Tag Lehrer schon wach und im Arbeitsmodus seien. Gerade als Netzklasse ans Netz ging, griffen an einem Morgen 500 Nutzer gleichzeitig zu. Zwar hatte das Entwicklerteam sein Programm im Stresstest geprüft. "Solche Zahlen aber sind wirklich heftig", sagt Bohner. Es hagelte Mails und Anrufe, weil sich vorübergehend keine Dokumente laden ließen. Damit aber wollten die Lehrer ihre Stunden vorbereiten. Sämtliche Experten seien aus den Betten gesprungen, um das Problem zu beheben. 

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Inzwischen hat Netzklasse rund 4.000 angemeldete Nutzer. Das sind nur die Lehrkräfte, die die Website für ihre Schulstunden besuchen. Dazu kommen all die Schüler, die ja im virtuellen Klassenzimmer lernen. Sogar Fahrlehrer und Sprecherzieher interessieren sich für die digitale Unterrichtsvariante. Bisher gab es rund 13.000 Sitzungen. Etwa 20 Prozent der Nutzer sind aus Sachsen. 

"Wir bekommen von 98 Prozent der Lehrkräfte eine Weiterempfehlung und Feedbacks nicht nur von ihnen, sondern auch von Schülern und Eltern." Mails wie diese gehen bei Christian Bohner ein: "Hallo, ich habe gerade Biologieunterricht. Dabei fällt mir auf..."  Was sich Schüler wünschen und wie unterschiedlich Lehrer unterrichten, auch darüber hat der 33-Jährige viel erfahren. Jede Anregung nehmen die Entwickler ernst und prüfen, ob sie umzusetzen ist. Doch nicht jedem Wunsch können und wollen sie nachgehen. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass Netzklasse übersichtlich und für jeden einfach zu bedienen bleibt.

Bis Ende Juli kostenlos

Sie funktioniert ohne extra Installation über eine einfache Anmeldung des Lehrers. Der lädt seine Schüler dazu ein und schaltet sie frei. Er kann einen Stundenplan erstellen und dazu auffordern, sich zur entsprechenden Zeit für das betreffende Fach einzuloggen. Mit virtuellem Marker können alle Beteiligten auf dem Bildschirm schreiben und zeichnen. Folien, Arbeitsblätter, Bilder und Videos lassen sich einblenden und Textpassagen markieren. Sollten Schüler wie Lehrer Kamera und Lautsprecher am Rechner haben, ist es möglich, Gespräche zu führen und sich zu sehen. 

"Demnächst werden sich Schüler auch virtuell melden können", sagt Christian Bohner. Bisher müssen sie in einem Chat anmelden, wenn sie etwas sagen wollen. Nun soll ein Button aufleuchten und dem Lehrer signalisieren, wer zu Wort kommen will. Solche und weitere Entwicklungen sind nun der Job des siebenköpfigen Teams.

Dr. Christian Bohner zeigt: So sieht Netzklasse auf dem Bildschirm aus. Lehrer und Schüler können zum Beispiel Grafen und Koordinatensysteme damit zeichnen.
Dr. Christian Bohner zeigt: So sieht Netzklasse auf dem Bildschirm aus. Lehrer und Schüler können zum Beispiel Grafen und Koordinatensysteme damit zeichnen. © Sven Ellger

Trotz starker Mitbewerber auf dem Markt wollen die Dresdner ihren Platz behaupten und ihr Angebot ausbauen. Noch bis Ende Juli bleibt die Nutzung kostenlos. Auch wenn bis dahin längst alle Schüler wieder regulär zur Schule gehen, soll der digitale Unterricht eine weitere Möglichkeit im Schulalltag bleiben. 

Das sieht auch Marius Brade so. Der Professor an der Fachhochschule Dresden nutzt Netzklasse für seinen Unterricht. "Ich bin zwar selbst Softwareentwickler", sagt er. "Aber Live-Online-Vorlesungen waren trotzdem Neuland für mich." Diese Art zu unterrichten bedarf vieler Überlegungen, die im Seminarraum nicht nötig sind: Wie kommt das, was ich mache an? Wie fühlen sich die Nutzer am anderen Ende der Datenleitung? Bin ich verständlich? Muss ich meine Methodik und Didaktik anpassen?

""Wir erleben gerade die Sturzgeburt der Digitalisierung"

"Mich hat sehr interessiert, wie es um die Konzentration der Studenten bestellt ist, wenn sie über einen längeren Zeitraum meinen Ausführungen an ihren heimischen Rechner folgen müssen", sagt er. Die meisten gaben zu, nicht so konzentriert wie in der Hochschule zu sein. Sie lenken sich ab, weil Nachrichten ankommen, sie schnell etwas via Google nachlesen oder auch Kinder sie in Anspruch nehmen. 

Manche Studierenden aber fühlen sich in ihrem privaten Umfeld sicherer und treten im virtuellen Unterricht selbstbewusster auf, als im realen. Interessant auch: Diejenigen, die sonst häufig zu spät in die Vorlesung kamen, sind pünktlich im virtuellen Hörsaal. Professor Marius Brade hält viel von dem Angebot Netzklasse. Der studierte Medieninformatiker hat etliche Programme ausprobiert, kennt ihre Vor- und Nachteile und entwickelt selbst Softwareprodukte. 

Über die Zukunft solcher Angebote jenseits Coronas sagt der 39-Jährige: "Wir erleben gerade die Sturzgeburt der Digitalisierung. Das ist eine Riesenchance!" Schon so lange werde darüber gesprochen, jetzt habe sie sich Bahnen gebrochen. "Für die Zukunft stelle ich mir in der Lehre hybride Varianten vor." Präsenzunterricht sei wichtig und habe entscheidende Vorteile. Doch Wissensvermittlung auf digitalem Weg werde Zeit und Wege sparen. "Mit elektronischen Whiteboards in den Schulen ist es nicht getan. Jeder Schüler sollte sein Tablet haben und es genau so sicher bedienen können wie sein Handy." Das würde Unterricht wirklich effektiv und flexibel machen.

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