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Sachsen

Wenn Dresdens Neustadt herunterfährt

An den vorerst letzten Bar-Abenden macht sich apokalyptische Ausgelassenheit in dem Party-Viertel breit. Unsere Reporterin ist um die Häuser gezogen.

Auch als "Assi-Eck" ist sie bekannt, die Kreuzung in der Dresdner Neustadt zwischen Rothenburger, Görlitzer- und Louisenstraße. Ein beliebter Treffpunkt für Bier und lange Nächte.
Auch als "Assi-Eck" ist sie bekannt, die Kreuzung in der Dresdner Neustadt zwischen Rothenburger, Görlitzer- und Louisenstraße. Ein beliebter Treffpunkt für Bier und lange Nächte. © SZ/Ronald Bonß

Manchmal ereignen sich Szenen, die wie erfunden klingen und doch wahr sind. Es ist genau 22.22 Uhr, als der Barkeeper die Musik lauter dreht. Aus den Boxen tönt „End of the World“, die Band R.E.M. besingt das Ende der Welt und die Gäste jubeln. Es ist einer dieser letzten Abende, an denen sich eine Atmosphäre der apokalyptischen Ausgelassenheit im Dresdner Ausgehviertel Neustadt ausgebreitet hat.

Seit Montag ist klar: Auch in Sachsen müssen Kneipen und Bars fortan schließen, um die Ausbreitung des Corona-Virus zu bekämpfen. Mittwochnacht ist es vorbei. Drei Barabende begehen die Menschen mit dem Bewusstsein, dass es ihre letzten sein werden. 

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Solidarität bedeutet vorerst nicht mehr, sich dafür einzusetzen, dass Menschen jeder Hautfarbe und Sexualität in Frieden feiern. Solidarität bedeutet jetzt, dass man Zuhause bleibt. Für jene, die oft nicht mehr feiern gehen können. Die Älteren, die Kränkeren, sie bedroht das Virus mehr als alle anderen.

Alle Entwicklungen in der Corona-Krise in unserem Newsblog 

Am frühen Montagabend sind Supermärkte voll, Straßen und Bahnen leer. „Bald müssen wir uns selbst in die Regale legen, damit noch irgendetwas drin ist“, sagt eine Rewe-Verkäuferin zu ihrem Kollegen. Die Gänge der Tram wären ohne das gelbe Stangengeäst beinahe leer, bei abrupten Bremsungen üben sich Menschen in Akrobatik, um nicht mit Händen nach den Keimherden zu greifen.

Ausstieg am Bahnhof Neustadt. Eine hallende Bahnhofshalle, ein leeres Gleis. Fünf Taxen, drei Fahrer, ein Thema: „Mindestens 60 Prozent Einbruch, eher 70“, sagt einer. 10 bis 15 Fahrten seien pro Stunde sonst drin. „In der letzten warn’s drei.“

Der Bahnhof Neustadt ist verlassen.
Der Bahnhof Neustadt ist verlassen. © Franziska Klemenz/SZ

Weiter zum Albertplatz, ein paar Jugendliche ziehen einsam mit Ghettoblaster an Pizzerien und Dönerläden vorbei, tiefe Bässe hämmern gegen kalten Stein. Gemäuer, Pflastersteine, Karosserien rahmen sie. Lebendigkeit hat sich verzogen.

„Stille kann so laut sein“, sagt Student Fredo*, der zwei Straßenzüge weiter in einer Imbissbude Essen brät. Pommes baden in blubberndem Fett, es sind die letzten für heute und vielleicht auch für länger. „Der Umsatz war selten so grottig“, sagt er. Der Uhrzeiger dreht viele Runden, ehe die nächsten Menschen kommen. Eine Frau bestellt Pommes für ihr Kind. Geld nimmt Fredo nicht mehr, den abkühlenden Rest gibt es umsonst. „Bleibt gesund“, ist der neue Abschiedsgruß. Häufig mit Zusatz: „Bis hoffentlich bald.“

Mit Bars, Kneipen, Imbissbuden schließt auch die Selbstverständlichkeit. Abschiede hat bislang die Annahme begleitet, dass der nächste Abend wartet, sobald man will.

Mitarbeiter gehen in Kurzarbeit

„Austrinken“, gibt eine Bar als Motto auf einer Tafel raus. Wo sonst Plakate in Schaufenstern Partys und Konzerte ankündigen, hängen jetzt in vielen Bars und Kneipen Info-Schilder. Wie richtig niesen? Wie Händewaschen? Hygiene statt Hardrock, Taschentücher statt Techno.

Das letzte Aufbäumen findet in Kneipen statt. Als der Barkeeper um 22.22 Uhr die Musik lauter dreht, sitzen Menschen eng gedrängt in L-Form um den Tresen, rauchen, lachen, plaudern. Wie gefährlich Nähe für die Verbreitung des Virus' ist, die Menschen blenden es wohl lieber aus. Der Barkeeper trägt glitzernde Kristallgläser durch den schmalen Gang, Gurken, Limetten und Minze-Blätter plantschen darin. 

„Hey Harry*, komm, setz dich auf den Corona-Platz“, begrüßt ein Hutträger einen Neuankömmling mit Brille. In diesem Laden sitzen nicht Jugendliche, die sich unsterblich fühlen, sondern ein Querschnitt beieinander. Nah, zu nah, um Risiken zu vermeiden. Die Dresdner Lokalpolitikerin, die Besitzerin einer anderen Bar, die heute nicht arbeiten muss, der Freiberufler, der sein zweites Wohnzimmer noch einmal betreten will.

Nico arbeitet in einer Bar in der Görlitzer Straße. An den letzten Abenden fällt es ihm schwer, den Gästen letzte Biere zu verwehren. Auch nach der letzten Runde.
Nico arbeitet in einer Bar in der Görlitzer Straße. An den letzten Abenden fällt es ihm schwer, den Gästen letzte Biere zu verwehren. Auch nach der letzten Runde. © Franziska Klemenz/SZ

„Ist alles ganz komisch, ganz neu“, sagt der Barkeeper, der hier seit 18 Jahren arbeitet. „Müssen alle Mitarbeiter nach Hause schicken, in Kurzarbeit. Hoffen, dass es nicht zu lange geht. Wenn doch, sind wir k.o.“ Er lächelt, um nicht zu absolut zu klingen, wuselt zurück hinter den Tresen. Ein Gast ruft: „Danke für die gute Musik!“

Ein paar Häuser weiter betreibt Jürgen Schiebel seinen Spätshop, den niemand so, sondern alle „Späti“ nennen. Er steht mit Bier und Bekannten vor dem Laden, an der Theke bedient Denise Glombowsky, eine Frau mit Kurzhaarschnitt, Tattoos und rotem Hoodie. Um ihren Job muss sie nicht fürchten, Spätis dürfen geöffnet bleiben. „Weil die Leute hier nicht Innen trinken “, sagt sie. „Bei uns geht’s mit dem Umsatz, trinken wollen die Leute ja immer.“

Hamsterkäufe erleben gerade auch Spätis. Zwölf Packungen Marlboros auf einmal, so viel kaufte früher kaum jemand. 

Nico geht bisher davon aus, dass er nur wenige Wochen arbeitslos sein wird, angesagt ist eine Sperre bis mindestens 20. April. Der 25-Jährige bedient in der Görlitzer Straße hinter der Bar. Für einen Abend Anfang der Woche, sagt er, sei wenig los. „Aber die Leute trinken mehr und Stärkeres als sonst.“ Auch, weil heute die Belegschaft Abschied feiert.

Auf den Tafeln vor den Bars versprechen viele Schriftzüge, dass "ausgetrunken" wird. Manche bieten ihre Drinks auch billiger an, um keine Reste wegzuwerfen.
Auf den Tafeln vor den Bars versprechen viele Schriftzüge, dass "ausgetrunken" wird. Manche bieten ihre Drinks auch billiger an, um keine Reste wegzuwerfen. © Franziska Klemenz/SZ

Schulterlange Haare rahmen Nicos Gesicht, eine silberne Creole glänzt an seinem Ohr. Er klaubt Limetten- und Eiswürfelreste aus Gläsern, steckt sie ins Schaumbad auf Glasbürsten mit Borsten. Ein Mann um die 30 stakst zum Bezahlen an die Kasse: „Viiiiier Long Island Icetea, würde ich sagen.“ Ein Cocktail, der heute gut ging. „Dass wir jetzt schließen, ist ein bisschen schade für mich. Ich arbeite gerne hier und bin Student, jetzt kann ich beides nicht mehr machen.“ Alle Bücher werde es jetzt lesen, die er schon immer lesen wollte. Wahrscheinlich, meint Nico, hätte die Regierung besser schon vor vier Wochen entschieden, die Menschen voneinander zu isolieren. "Was in Italien passiert, macht mich so traurig", sagt er.

Es ist ein Uhr, die letzte Runde gab es vor einer Stunde. Und dann die allerletzte. Und die allerallerletzte. Es läuft Reggae, Glaskugel-Lampen tauchen die kastanienbraune Bar in orangefarbenes Licht. Ein paar Gäste bitten einen Tischnachbarn lallend, „nich su nah“ ranzukommen, wegen Corona. Sie gackern. Ein Mann bestellt „das letzte Bier vor dem Weltuntergang, bitte.“ Nico kann nicht Nein sagen.

DJ spielt im Geheimen, damit sich niemand mit Corona infiziert - in Berlin steckte sich ein Sechstel in Clubs an

Die Zille verspricht am Montag, bis mindestens 3 Uhr zu öffnen, es ist der letzte Abend, der Raum um die Theke zeitweise rappelvoll. Am Dienstag haben viele Bars geschlossen. Das Lebowski hat den Weg zur Tür mit Mülltonnen versperrt, vor den Tanzbars Groovestation und Downtown klären Schilder seit vergangener Woche über die Dunkelheit im Inneren auf: „Absage!“, steht in roten Lettern da. „Wir wissen, bei uns gibt es viel Körperkontakt, ihr tanzt und schwitzt. Wir wollen nicht, dass ihr euch ansteckt und sehen euch dann lieber gesund wieder.“ In Berlin ist ein Sechstel der Corona-Infektionen auf Clubs zurückzuführen, in einem davon steckte ein Besucher mindestens 42 Menschen an. Er hatte 17 Stunden lang auf Corona getanzt, ohne von seiner Infektion zu wissen.

Die stählernen Tore vor dem Partyareal an der Katherinenstraße sind zugeschoben, über dem Innenhof thront eine starre Diskokugel. 

Das Clubnetz Dresden sagte schon vergangene Woche Veranstaltungen ab. An einem Dresdner Ort, der nicht in der Zeitung stehen soll, spielt an diesem Abend trotzdem ein DJ. Eine Wand aus Displays ist vor ihm aufgebaut, die Menschen, die den Auftritt live ins Internet übertragen, stehen meterweit voneinander entfernt. Ein Geister-Rave, tanzen können die Leute von Zuhause aus. Pierre vom Clubnetz lauscht den Beats. Er gehört zu den wenigen vor Ort. 

Jürgen Schiebel betreibt einen Spätshop in der Neustadt, Denise Glombowsky arbeitet für ihn. Sie dürfen weiterhin geöffnet bleiben, weil die Menschen nicht im Inneren trinken.
Jürgen Schiebel betreibt einen Spätshop in der Neustadt, Denise Glombowsky arbeitet für ihn. Sie dürfen weiterhin geöffnet bleiben, weil die Menschen nicht im Inneren trinken. © Franziska Klemenz/SZ

„Wir wollen unserer sozialen Verantwortung gerecht werden, aber trotzdem einen Weg finden, die Zeit zu überbrücken“, sagt er. Daher die Livestreams. „Wir hoffen, dass die Politik uns unterstützt, mit jedem geschlossenen Tag steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Club pleite geht.“ Auch für die vielen 450-Euro-Beschäftigten, die ein bis zwei Mal pro Woche an Einlass oder hinter der Bar arbeiten, gebe es bislang keine Lösung. Für sie greifen die Maßnahmen der Politik nicht. Das Clubnetz sammelt Spenden, ausreichen werden sie kaum.

Wer in der Dresdner Tanzbar Lude feiern möchte, begegnet Arnold, der die Tür behütet. Es ist der letzte Abend, die Belegschaft feiert Geburtstag. Der 40-Jährige muss nur auf einen Teil der Arbeit verzichten, bewacht Gebäude auch im Auftrag von Polizei und Bundeswehr. Latex schützt seine Hände vor den Untiefen der Neustadt, schon vor Corona durchsuchte er damit Taschen von Gästen.

Wer die Tür passieren will, muss zu Corona-Zeiten nicht nur gefährliche Gegenstände, sondern auch Daten bei ihm lassen: Name, Nummer, Anschrift. Eine Auflage des Gesundheitsamts. Wenn einem Gast in den nächsten Wochen Corona nachgewiesen wird, müssen alle Anwesenden in Quarantäne. 

Die Menschen tanzen eng mit- und nebeneinander, die Ansteckungsgefahr ist groß. Ausgerechnet die Stammdame des Ludens fehlt. Lara Liquer, Dragqueen, DJane und einstige Satire-Bürgermeisterkandidatin, liegt ein paar Häuser weiter im Bett. Vorerst alle Auftritte abgesagt. „Ich muss das Geld jetzt zusammenhalten“, sagt sie. „Hab quasi keine Rücklagen.“ Dafür aber die Grippe. Aus den Boxen schallt der Song „Küssen verboten“ auf die Straße. Lieder nicht als Hommage an die Virus-Krise zu verstehen, ist dieser Tage schwer.

"Das ist kein Kavaliersdelikt"

In manchen Bars sitzen Menschen an diesem Abend neben hochgestellten Möbeln, in einer anderen sitzt der Mann, der am Vorabend schon sein „letztes Bier vor dem Weltuntergang“ bestellt hatte. Stimmengewirr mischt sich mit schummerigem Licht und der Unlust, über die Zeit nach dem Morgen zu reden. Das Wort Corona fällt häufig, und Gespräche darüber, dass man es wohl kaum merken würde, wenn man’s denn hätte.

Ein bekannter Dresdner Flaschensammler irrt durch leere Straßen, am „Assi-Eck“ zwischen Louisen- und Görlitzer Straße schreien sich zwei Männer an. Sie streiten darüber, wer wem zuerst Schläge angedroht, wer zuerst gepöbelt hat. „Alles gut, geht mal beide weg“, schlichtet ein Dritter vergebens. Szenen wie diese wird es vorerst weiter geben. Wenn eine Ausgangssperre verhängt werden sollte, fallen auch solche Kontakte weg.

Was sie von allem halten sollen, können Menschen auf Nachfrage kaum sagen. „Schon krass“, heißt es. Schulterzucken. Und der Wunsch, den Gedanken wenigstens auf morgen zu vertagen. Ob am Mittwoch wirklich um Mitternacht Schluss sein wird? Eine Barkeeperin mit rotem Pony gibt noch ein Flaschenbier über die Theke, ein neues Fass anzubrechen, lohnt sich nicht mehr. „Die bestrafen uns hart, wenn wir länger auflassen und das ist auch gut so“, sagt sie dann. „Das ist kein Kavaliersdelikt. Es geht jetzt darum, Menschen zu retten.“ 

Die Stunden vor dem Schluss

Eine Nacht, die viele mitgenommen hat, ein Morgen, der genügt, um Kater zu verdauen. Die Corona-Krise nicht. Es ist Mittwoch, ab Mitternacht werden neue Regeln gelten: Restaurants dürfen bis 18 Uhr öffnen, Bars überhaupt nicht mehr. Es ist 22 Uhr, noch zwei Stunden bis zum Ende. Dieselbe Bar, in der am Montag noch der Weltuntergang bejubelt worden war. Menschen bilden ein prall gefülltes L um die Theke. Bei Musik mit interpretationshungrigen Titeln ist es geblieben, es läuft ein Song mit dem Titel "locked" - eingesperrt. 

Die Blicke verweilen länger als an den Vorabenden, eine Frau mit Locken hat sich im Schimmer ihres Weinglases verloren. Abwesend nickt sie, während eine Freundin am Tisch vor sich hin erzählt. 

Viele Flaschen, wenig Licht: Sich von Bars zu verabschieden, fällt einigen Menschen schwer. Trotz gravierender Ansteckungsgefahr ist der Ernst der Lage nicht bei allen angekommen.
Viele Flaschen, wenig Licht: Sich von Bars zu verabschieden, fällt einigen Menschen schwer. Trotz gravierender Ansteckungsgefahr ist der Ernst der Lage nicht bei allen angekommen. © Franziska Klemenz/SZ

In vielen Bars ist es leiser geworden, die meisten haben nicht mehr geöffnet. Die traurige Notwendigkeit des Abstands, sie scheint den Menschen bewusst zu werden. Nicht allen, aber vielen. Auf den Straßen ist es lauter, pöbelig-betrunkener. Gejohle schallt über das "Assi-Eck", ein Krankenwagen rückt regelmäßig an. Gruppen, vor allem Männer, hängen mit Flaschen in Ecken. 

Ein paar Schritte die Straße hinunter, in einer lichtarmen Bar stößt eine säuselnde Runde mit Pfefferminz-Likör auf alles mögliche an. Die Zukunft, die Menschen, das Virus. Noch eine knappe Stunde bis Ladenschluss, die Chefs haben verordnet, rechtzeitig die letzte Runde auszuschenken. "Mach vier", sagt ein Mann, der kaum 20 ist, zur Barkeeperin. "Und mach dir keine Sorgen." Werde sie nicht, versichert die Frau mit blondem Kurzhaarschnitt und schwarzen Lippen. "Habe doch noch überall einen Job gefunden, in allen Branchen." Übertrieben sei das Barverbot ja sowieso. 

Betteln um das letzte Bier

An der Theke einer Traditionskneipe betteln zwei letzte Männer um zwei letzte Biere, bevor sie ihrer etwas eigenwilligen Deutung nach "morgen doch zum Staatsfeind Nummer eins" werden sollen. Der Ernst der Lage mit vielen Krankheitsfällen, er sickert bei den Verbliebenen schwerer durch als Schlücke von Drinks mit vielen Prozenten. Die Männer sind dem Barkeeper bekannt, wie viele hier, die häufig kommen. Dass ihr schieres Alter eine größere Gefahr bedeutet, scheint angesichts der nahenden Einsamkeit einigen Gästen minder wichtig zu sein. Es ist 23.30 Uhr, der Hahn ist sauber. Nur Flaschenbier gibt es noch, "damit ihr das mit auf die Straße nehmen könnt, wenn hier gleich Schluss ist."

Am "Assi-Eck" verbinden sich Geräusche zu einem Knäuel, als fünf Minuten vor dem offiziellen Ende Menschen aufeinander treffen. Ein Einkaufswagen rattert über unebenes Pflaster, zwei Männer klauben Flaschen auf und werfen sie hinein. Ein Heimweg-Suchender pfeift lang gezogene Zwitschertöne durch die Gassen, ein Polizeiwagen biegt um die Ecke, ohne anzuhalten. Hinter wenigen Schaufenstern brennen noch Kerzen, oft sind die Türen längst verriegelt. Geschlossene Gesellschaften, ein Weg, um das Verbot zu übergehen?

Ein Medley von David Guetta bis Jon Bon Jovi schallt aus einer Bar in der Görlitzer Straße, ein Dreadlock-Träger hat eine Runde Cocktails zwischen seine Hände geklemmt. Er verteilt sie in die Runde, nebenan liegt ein Mann im Halbschlaf auf dem Boden, der versichert, dass er keine Hilfe brauche. Drinnen johlen Gäste zum Sound der letzten Lieder, Diskolichter huschen über ihre Köpfe. Draußen locken Schriftzüge die durstigsten Passanten hinter dunkle Scheiben. Die Cocktail-Runde grölt, bespricht, was nun wohl werden soll. Auf einem der Arme harrt ein Hund geduldig aus. Was bleibt ihm übrig? 

Es ist 0 Uhr, die Sperrstunde erreicht. Es könnte viel passieren um eine Zeit, da neue Regeln gelten. Doch der Übergang von freiem Willen und staatlicher Verordnung ist ähnlich fließend wie der zwischen Hoffnung auf Erkenntnis und Erkenntnis, dass Hoffnung Zeit und Leben kosten kann. 

Blinkende Lettern locken Gäste ein letztes Mal in die Bars. Ab Mittwochnacht müssen sie bis mindestens zum 20. April geschlossen bleiben.
Blinkende Lettern locken Gäste ein letztes Mal in die Bars. Ab Mittwochnacht müssen sie bis mindestens zum 20. April geschlossen bleiben. © Franziska Klemenz/SZ

Fünf Gehminuten weiter klaubt die Barkeeperin mit dem roten Pony Flaschen zusammen, schichtet  sie in einen Karton. Sie hat Wort gehalten, letzte Gäste-Reste trinken aus, weitere Runden gibt es nicht.

Das "Assi-Eck" hält auch nach 0 Uhr, was es verspricht. Die nächste Cocktail-Runde, der nächste Hundeblick vom Arm des trinkenden Besitzers, die Bässe ballern auf die Straße. Die Polizei scheint Heimgeh-Verweigerern ein paar letzte Momente zu schenken. In ihrer Meldung am nächsten Tag gibt die Dienststelle bekannt, dass man entsprechende Bars dann noch zum Schließen aufgefordert hätte.

"Meine Situation ist scheiße, seine Situation noch scheißerer und jetzt noch diese Corona-Scheiße", lallt ein Mann gegen die Bässe aus dem Inneren des Diskolichter-Ladens an. "Was 'n eigentlich der Superlativ von Scheiße?", fragt sein Gegenüber. "Was'n, wenn die Bar hier in drei Monaten nicht mehr gibt?", fragt der Erste. "Dann geht's vielleicht mal wieder in die Realität." Befriedigt wirkt der Fragende noch nicht.

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*Namen von der Redaktion geändert