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Görlitz

„Wir sollten einen kühlen Kopf bewahren“

Der Görlitzer OB Octavian Ursu spricht im SZ-Interview über Corona und wie die Stadt bislang damit umging.

Der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu (CDU) schaut auf den wegen der Corona-Pandemie verwaisten Untermarkt.
Der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu (CDU) schaut auf den wegen der Corona-Pandemie verwaisten Untermarkt. © André Schulze

Görlitz kann vorerst etwas aufatmen. Ab Montag soll alles leichter werden, man darf wieder raus, die ersten Geschäfte öffnen, Busse und Bahnen fahren wieder normal. Die Lockerungen, über die sich Bund und Länder geeinigt haben, beenden die erste Corona-Phase, in der es auch in Görlitz strenge Maßnahmen und große Einschränkungen gab, zum Glück aber keine hohen Infektionszahlen. Der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu (CDU) sagt im SZ-Interview, wie die Stadt damit umging und was sich nun ändert.

Herr Ursu, etwas so Einschneidendes wie die Corona-Epidemie hätten Sie sich gleich in Ihrem ersten Amtsjahr als OB wohl auch nicht träumen lassen?

PERSPEKTIVEN SCHAFFEN – TEAMGEIST (ER-)LEBEN
PERSPEKTIVEN SCHAFFEN – TEAMGEIST (ER-)LEBEN

Wir sind die KLINIK BAVARIA Kreischa - eine der führenden medizinischen Rehabilitationseinrichtungen in Ostdeutschland.

Nein, natürlich nicht, an so etwas hat ja keiner von uns gedacht. Es ist schon eine riesige Herausforderung. Zwischen 70 und 80 Prozent meines aktuellen Arbeitslebens drehen sich tatsächlich um Corona. Trotzdem müssen wir auch die anderen wichtigen Dinge in der Stadt im Blick behalten, die Sanierung der Schulen vorantreiben, die Stadthalle. Aber Corona ist deutlich im Fokus und wir haben in den vergangenen vier Wochen viele, durchaus auch schwere Entscheidungen treffen müssen.

Die Sperrung der Spielplätze, die strengen Kontrollen?

Ja, all das und natürlich die Sperrung der Zufahrten zum Berzdorfer See. Dafür haben wir Kritik einstecken müssen. Ich verstehe die Ungeduld der Menschen, aber in der Woche vor Ostern stiegen die Zahlen positiv auf Corona getesteter Menschen im Landkreis und auch in der Stadt plötzlich stark an, nachdem wir vorher lange ein niedriges Niveau hatten. Auf der anderen Seite waren die Wetteraussichten so gut, dass man einen Ansturm über Ostern befürchten musste und damit, dass die Abstandsregeln nicht eingehalten werden.

Die Zufahrt zum Berzdorfer See war um das Osterwochenende für Autos gesperrt - vermutlich ein Grund, warum trotz des Traumwetters so wenige Ausflügler kamen.
Die Zufahrt zum Berzdorfer See war um das Osterwochenende für Autos gesperrt - vermutlich ein Grund, warum trotz des Traumwetters so wenige Ausflügler kamen. © Nikolai Schmidt

Hat die Sperrung des Sees etwas gebracht?

Nicht der See war gesperrt, sondern nur die Zufahrten für Autos. Fahrradfahrer und Fußgänger konnten problemlos an den Berzdorfer See. Natürlich war es ein Spagat. Wir wissen nicht, was ohne die Sperrung der Zufahrten am See gewesen wäre. In den ersten Tagen hat der Sicherheitsdienst noch sehr viele Autos zurückweisen müssen, die versucht hatten, durchzukommen. Ich verstehe, dass nicht alle damit einverstanden waren, aber ich bitte da wirklich um Verständnis, genau wie für alle weiteren Maßnahmen. Letztlich ging es am See nur um zehn Tage.

Zwei Menschen sitzen auf Campingstühlen am Berzdorfer See. Wohl wegen der Ausgangsbeschränkungen und sicher auch wegen der für Autos gesperrten Zufahrten ist hier aktuell auch bei schönem Wetter nicht viel los.
Zwei Menschen sitzen auf Campingstühlen am Berzdorfer See. Wohl wegen der Ausgangsbeschränkungen und sicher auch wegen der für Autos gesperrten Zufahrten ist hier aktuell auch bei schönem Wetter nicht viel los. © Nikolai Schmidt

Ab Montag ist also auch am Berzdorfer See alles wie immer?

Ja, die Sperrung wird dann aufgehoben. Wir hoffen, dass sich die Menschen trotzdem weiterhin an die Abstände halten und die Lage weiterhin stabil bleibt.

Was ist mit den Spielplätzen, die ebenfalls noch gesperrt sind?

Das können wir noch nicht sagen, hier müssen wir die neue Allgemeinverfügung des Landes abwarten. Die Menschen wollen alle die Normalität zurück, das ist doch verständlich. Aber wir müssen behutsam und langsam dazu wieder übergehen. Dass Bund und Länder jetzt im Zwei-Wochen-Rhythmus neu über Lockerungen entscheidet, ist kein Zufall, so lange ist die Inkubationszeit des Virus.

Gesperrter Spielplatz am Wilhelmsplatz: Ob die Kinder am Montag wieder auf die Spielplätze dürfen, muss sich noch klären.
Gesperrter Spielplatz am Wilhelmsplatz: Ob die Kinder am Montag wieder auf die Spielplätze dürfen, muss sich noch klären. © Nikolai Schmidt

Die Kontrollen, aber auch der schnelle Wochenmarkt-Ersatz, die 100.000 Euro für das Klinikum: Haben Sie mehr gemacht als andere Städte im Landkreis?

Das kann ich nicht sagen, wir hatten keine Zeit, nach rechts und links zu schauen. Es ging in unserem Krisenstab immer darum, schnell und pragmatisch zu entscheiden. Das mit dem Wochenmarkt hat sich ebenso ergeben wie die Hilfe fürs Klinikum. Es machte Sinn, die Plätze aufzustocken, auch wenn wir Glück hatten und sie bislang nicht gebraucht wurden.

Sie mussten all diese Entscheidungen nicht allein treffen?

Nein, wir haben den Stab für außergewöhnliche Ereignisse einberufen, in dem auch alle Amtsleiter dabei sind. Wir treffen uns jeden zweiten Tag. Darüber hinaus gibt es eine zweite Runde – wir hatten das bewusst getrennt, um das Ansteckungsrisiko gering zu halten. Hier sind es Experten und Vertreter vom Klinikum, den Verkehrsbetrieben und der Stadtwerke, der Landes- und Bundespolizei sowie der Feuerwehr und der Rettungskräfte, mit denen wir besprochen haben, was zu tun ist. Im Rathaus hatten wir darüber hinaus verschiedene Teams gebildet, für den Fall, dass Kollegen in Quarantäne müssen. Aber wir sind bisher verschont geblieben.

Was glauben Sie, welches Bild sich ab Montag in der Stadt zeigen wird?

Viele werden sich freuen, trotzdem denke ich, dass die meisten vorsichtig bleiben und die Straßen und Plätze nicht so schnell wieder voll sein werden. Die Inhaber der Geschäfte, die öffnen dürfen, werden bestimmt sehr verantwortungsvoll sein und darauf achten, dass nicht zu viele Leute gleichzeitig reinkommen.

Verstärkte Kontrollen: Im Kreuzkirchenpark laufen Jan Tokarski , Karolina Jakubiszak und Marek Eberhardt (v.l.) vom Ordnungsamt Stellen ab, wo sich manchmal viele Menschen sammeln.
Verstärkte Kontrollen: Im Kreuzkirchenpark laufen Jan Tokarski , Karolina Jakubiszak und Marek Eberhardt (v.l.) vom Ordnungsamt Stellen ab, wo sich manchmal viele Menschen sammeln. © Nikolai Schmidt

Kontrollen wird es aber weiterhin geben?

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Das muss sein. Dennoch bemühen wir uns, besonnen mit der Situation umzugehen. Bislang haben wir es so gehalten, dass beispielsweise bei Verstößen erst einmal darauf hingewiesen wird, ohne gleich Anzeige zu erstatten. Bei all den Schwierigkeiten, die die Lage mit sich bringt, hilft es doch, einen kühlen Kopf zu bewahren. Deswegen habe ich die Bevölkerung in meinen Videobotschaften auch immer um Geduld gebeten. Letztlich können wir alle froh sein, dass es in Deutschland bisher so gut gelaufen ist.

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