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Dynamos Hartmann: "Deshalb habe ich Ängste"

In einem offenen, persönlichen Interview spricht der Fußballer über seine Sorgen, auch als Familienvater. Und er übt deutliche Kritik am Ligaverband.

Marco Hartmann hebt mahnend den Zeigefinger. Dynamos Ex-Kapitän kritisiert, dass die Spieler bei der Entscheidung über die Fortsetzung der Saison von der DFL außen vor gelassen wurden.
Marco Hartmann hebt mahnend den Zeigefinger. Dynamos Ex-Kapitän kritisiert, dass die Spieler bei der Entscheidung über die Fortsetzung der Saison von der DFL außen vor gelassen wurden. © Sven Ellger

Dresden. Marco Hartmann ist zwar nicht mehr Kapitän von Dynamo Dresden, trotzdem hat der 32-Jährige etwas zu sagen. Jetzt spricht er in einem Interview für das Nachrichtenportal Der Spiegel offen über seine Ängste wegen der Corona-Infektionen in der Mannschaft und kritisiert die Deutsche Fußball-Liga (DFL) für ihren Umgang mit den Spielern und deren Sorgen.

Hartmann ist vor Kurzem zum zweiten Mal Vater geworden, es ist wieder ein Junge. "Ich habe einen Säugling zu Hause, dazu eine Frau im Wochenbett. Deshalb habe ich Ängste", sagt Hartmann. Er habe sich zwar erkundigt, nach derzeitiger Studienlage gehören beide nicht zu einer Risikogruppe. "Aber trotzdem beeinflusst das meinen Blick auf das alles", sagte er. Erst recht seit vergangenem Samstag, als bekannt wurde, dass zwei seiner Mitspieler positiv auf das Coronavirus getestet worden sind. Seitdem ist das Team inklusive Trainer und Betreuer bis zum 23. Mai in häuslicher Quarantäne.

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"Ich habe mich gefragt: Was ist, wenn du dich selbst angesteckt hast", schildert Hartmann seine Gedanken. An dem Tag vor dem Corona-Test hatte die Mannschaft intensiv Standardsituationen trainiert, Zweikämpfe und Kopfballduelle mit Körperkontakt. Vorher habe er den Eindruck gehabt, das Hygiene-Konzept sei gut ausgearbeitet, es werde schon alles gutgehen. "Plötzlich aber waren wir selbst betroffen. Das hat mich sehr beschäftigt", gesteht er.

Hier trainiert Marco Hartmann bei Dynamo noch auf Abstand, doch vor den zwei positiven Corona-Tests übte die Mannschaft Standardsituationen. Dabei hatten die Spieler engen Körperkontakt.
Hier trainiert Marco Hartmann bei Dynamo noch auf Abstand, doch vor den zwei positiven Corona-Tests übte die Mannschaft Standardsituationen. Dabei hatten die Spieler engen Körperkontakt. © Dennis Hetzschold

Und nicht nur ihn. Am vergangenen Samstag hatte Simon Makienok selbst öffentlich gemacht, dass er einer der nun insgesamt drei infizierten Dynamo-Profis ist: "Ich habe alle Vorsichtsmaßnahmen getroffen, die ich konnte. Und trotzdem ist es passiert“, schrieb der dänische Stürmer bei Instagram. Und Sascha Horvath äußerte sich: "Dieses Szenario war für mich nur eine Frage der Zeit. Weil die Ansteckungsgefahr viel zu hoch ist." 

Sportgeschäftsführer Ralf Minge berichtete in der Pressekonferenz am Mittwoch von einer emotionalen Besprechung, bei der viele Fragen gestellt worden sind. Den Bericht, wonach Spieler mit Streik gedroht haben sollen, wies er jedoch genauso zurück wie jetzt Hartmann. "Es wurde innerhalb des Teams kontrovers diskutiert. Aber es gab keinen einzigen Spieler, der gesagt hat: Ich streike, ich mache das nicht mehr mit."

"Man hätte uns Bedenken nehmen können"

Dennoch haben sich seiner Meinung nach einige Profis mit ihren Bedenken alleingelassen gefühlt - und zwar nicht vom Verein. "Bei Dynamo hat man sehr transparent kommuniziert und sich sehr intensiv gekümmert", betont Hartmann. Sein Vorwurf richtet sich an die DFL: "Man hätte eine Möglichkeit finden müssen für die Spieler, die sagen: Ich habe Angst."

Die fehlende Kommunikation hatte auch Neven Subotic von Union Berlin beklagt: "Wir haben keinen Sitz am Tisch, wir wurden nicht konsultiert." Auch die Spielergewerkschaft VDV bemängelte, die Ängste der Hauptpersonen um ihre Gesundheit und die Infektionsgefahr für Familie und Freunde seien zu wenig gehört worden. 

Hartmann meint, dass sicher noch mehr Spieler Bedenken haben, sich aber zurückhalten, weil sie die Situation als Ganzes betrachten. "Wenn ich nur meine eigene Situation mit meiner Familie sehen würde, hätte ich gesagt: Lasst uns die Saison abbrechen. Aber es geht ja um Existenzen von Vereinen, es geht um Angestellte. Das muss man alles mit einbeziehen", relativiert er und sagt dennoch: "Man hätte uns Bedenken nehmen können, wenn man viel mehr mit uns Spielern geredet hätte."

Ein Knackpunkt ist für ihn der Zeitdruck, unbedingt bis zum 30. Juni mit der regulären Saison durch sein zu wollen. Der Druck sei so hoch, "dass einfach Kollateralschäden in Kauf genommen werden", meint Hartmann in Bezug auf eine erhöhte Verletzungsgefahr. Er selbst war in der Vergangenheit öfter verletzt, konnte deshalb in dieser Saison erst sechs Spiele bestreiten, bei den Siegen in Regensburg und gegen Aue vor der Corona-Zwangspause wurde er jeweils für die Schlussminuten eingewechselt.

Beim 2:1-Sieg in Regensburg am 28. Februar gab Marco Hartmann (2. v. l.) nach mehreren Verletzungen sein Comeback bei Dynamo Dresden. Mit Simon Makienok (l.), der seine Corona-Infektion selbst öffentlich gemacht hatte, sowie Ondrej Petrak und Patrick Schm
Beim 2:1-Sieg in Regensburg am 28. Februar gab Marco Hartmann (2. v. l.) nach mehreren Verletzungen sein Comeback bei Dynamo Dresden. Mit Simon Makienok (l.), der seine Corona-Infektion selbst öffentlich gemacht hatte, sowie Ondrej Petrak und Patrick Schm © dpa/Matthias Balk

"Ich steige lieber mit erhobenem Haupte ab"

Hartmann widerspricht dem Vorwurf, dass Dynamo als Tabellenletzter in der zweiten Liga ein Saisonabbruch ganz gelegen käme. "Eine derartige Betrachtung schockiert mich. So etwas zu denken, ist einfach nur Wahnsinn", meint Hartmann. Er sei Sportler. "Ich steige lieber mit erhobenem Haupte ab, als mit irgendeiner Aktion einen Abbruch zu forcieren."

Ob er daran glaube, dass die Saison zu Ende gespielt wird, fragt der Spiegel-Redakteur zum Schluss. Hartmanns Antwort mag beim ersten Lesen diplomatisch klingen, sie ist aber auch geprägt von jener Zurückhaltung, die viele Kritiker bei den Fußball-Bossen derzeit vermissen: "Ich hoffe, dass die positive Entwicklung der letzten Wochen in Deutschland anhält. Dass wir weiter Stück für Stück öffnen können und die Fallzahlen unten bleiben. Wenn das so kommt, dann wird auch diese Saison zu Ende gespielt werden. Ich würde mir das jedenfalls wünschen."

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Die Sorge, sich vielleicht doch im Mannschaftstraining infiziert zu haben, konnte ihm der negative Test am Montag noch nicht nehmen. "Ich habe mich erkundigt. Im Durchschnitt braucht es fünf bis sieben Tage, bis ein Test wirklich anschlägt", sagt Hartmann. Er sei kein Alarmist, würde seinen ersten Sohn, der im März drei Jahre alt geworden ist, in den nächsten Wochen auch wieder in die Kita geben, "obwohl ich mich dann einem gewissen Infektionsrisiko aussetzen würde." Trotzdem dürfe man die Risiken nicht kleinreden. "Es gibt einfach auch junge Menschen, bei denen die Krankheit einen schweren Verlauf nimmt." 

Die Gedanken müssen er und die anderen Profis jetzt auf dem Fußballplatz ausblenden.

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