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Wiedersehen mit Abstand

Nach wochenlangem Verbot dürfen Bewohner in Pflegeheimen wieder besucht werden. Eine Herausforderung für alle, wie ein Beispiel aus Bischofswerda zeigt.

Cornelia Nitsche besucht ihre 92 Jahre alte Mutter Christa Neumann im Seniorenwohnhaus "Am Belmsdorfer Berg" in Bischofswerda. In drei Räumen sind dort Besuche jetzt wieder möglich.
Cornelia Nitsche besucht ihre 92 Jahre alte Mutter Christa Neumann im Seniorenwohnhaus "Am Belmsdorfer Berg" in Bischofswerda. In drei Räumen sind dort Besuche jetzt wieder möglich. © SZ/Uwe Soeder

Bischofswerda. Zwei breite Tische trennen Christa Neumann von ihrer Tochter Cornelia Nitsche. Es ist das erste Mal nach gut zwei Monaten, dass die Neukircherin ihre 92 Jahre alte Mutter im Seniorenwohnhaus "Am Belmsdorfer Berg" in Bischofswerda besuchen darf.  Das letzte Mal war sie am 10. März zum Frühjahrsfest bei ihr. Wenige Tage später wurde das  Haus wegen der Corona-Pandemie für Besucher geschlossen. 

Seit Anfang Mai sind Besuche, wenn auch eingeschränkt, wieder möglich. Ihre Schwester  konnte die Mutter seitdem schon einmal besuchen. 

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Besucherräume mit getrennten Zugängen

Bevor die Pandemie ausgebrochen ist, haben die Familien von Cornelia Nitsche und ihrer Schwester die Mutter abwechselnd sonntags zu sich nach Neukirch und Rammenau geholt. Das ist zurzeit nicht möglich. Um so mehr freuen sie sich jetzt über die Besuchsmöglichkeit. "Das ist ein guter Schritt", sagt Cornelia Nitsche. 

Drei Begegnungsräume stehen in der größten Pflegeeinrichtung im Landkreis Bautzen für Besuche zur Verfügung.  Es sind Räume, die sowohl vom Haus als auch von außen zugänglich sind. So müssen Gäste nicht durchs Gebäude laufen.  

Für Besuche wurde ein Hygienekonzept erarbeitet und mit dem Kreisgesundheitsamt abgestimmt,  sagt Heimleiter Andre Neumann. Nahe Angehörige melden sich in den Wohnbereichen telefonisch an. Über das hauseigene Informationssystem wird die Besuchszeit reserviert. Besucher müssen eine Mund-Nasen-Bedeckung tragen  und sich in ein Besucherbuch eintragen. Die Besuchszeit ist auf 20 bis 25 Minuten begrenzt. Danach werden Tisch und Sessel desinfiziert. 

Die ersten Besucher kommen am Morgen gleich nach dem Frühstück, die letzten gehen kurz vor dem Abendbrot. In der Zeit dazwischen sind die drei Räume so gut wie immer belegt. "Zum Muttertag hatten wir 50 Besucher im Haus", berichtet Andre Neumann.  

In Ausnahmefällen werden auch Besuche in den Zimmern der Bewohner ermöglicht - wenn Senioren bettlägrig sind. Jedem Hausbewohner, der Angehörige hat, soll es ermöglicht werden, einmal in der Woche Besuch zu bekommen.

Balance zwischen Infektionsschutz und Nähe

Bewohner von Pflegeeinrichtungen gelten als Risikogruppe. Das ist weithin anerkannt. Doch das Herz folgt nicht immer dem Verstand. Auch nach Wochen der Sehnsucht dürfen sich Angehörige noch nicht allzu nah kommen. Um das Abstandsgebot einzuhalten, begleiten Mitarbeiter des Hauses die Begegnungen. 

Auf Wunsch ziehen sie sich etwas zurück und bleiben trotzdem präsent. Sascha Bock, Geschäftsführer der gemeinnützigen Oberlausitz Pflegeheim und Kurzzeitpflegegesellschaft,  sagt:  "Wir tragen in Bischofswerda Verantwortung für fast 400 Bewohner sowie 330 Mitarbeitende und deren Familien. Sollte sich jemand mit dem Coronavirus infizieren, müssen wir die Kontaktketten nachverfolgen können. Durch das Einhalten der vorgegebenen Hygiene-Regeln schützen wir alle Beteiligten, auch die Besucher."

Maßnahmen zum Infektionsschutz bleiben weiterhin erforderlich. Dabei ist es immer wieder eine Herausforderung, die Balance zwischen Gesundheitsschutz und  menschlicher Nähe zu finden. Die Bischofswerdaer Pflegegesellschaft betreibt auch Häuser in Neukirch und Großdubrau. "Für jedes Haus haben wir ein eigenes Konzept. In Neukirch und Großdubrau ist es leichter, weil es dort nur Einzelzimmer gibt", sagt Sascha Bock.

Im Seniorenwohnhaus Bischofswerda  gibt es bislang keinen Corona-Fall. "Wir hatten  Glück", sagt Sascha Bock.  Sollte hier ein Fall nachgewiesen werden, wäre man jetzt besser vorbereitet als zu Beginn der Pandemie. Inzwischen gebe es ausreichend Schutzkleidung.  

Besuchssperre war ein großer Einschnitt

Die Besuchssperre war ein großer Einschnitt. Vor allem an Demenz erkrankten Bewohnern war es schwer zu erklären, warum sie vorübergehend nicht mehr besucht werden durften. 

Diese Erfahrung machte auch die Bautzener Diakonie. Sie betreibt Pflegeheime in Bautzen, Bischofswerda und Weißenberg. Auch dort sind Besuche jetzt wieder möglich -  meist in Besucherzimmern, die nahe des Eingangs eingerichtet wurden; im Bautzener Haus "Paul Gerhardt" in der Cafeteria. Damit jeder Hausbewohner Besuch empfangen kann, begrenzt auch die Diakonie die Zeit auf 20 bis 30 Minuten. "Wir setzen auf den Sommer und darauf, dass sich Angehörige dann auch draußen mit den Bewohnern treffen können", sagt Claudia Kobalz, die Verwaltungsleiterin der Diakonie. In den Außenanlagen ließen sich die Abstandsregeln leichter durchsetzen. 

Dem Urenkelchen durch die Scheibe zugelacht

Cornelia Nitsche und ihre Familie hat sich in den vergangenen Wochen  einiges einfallen lassen, um die Mutter zu sehen. Sie hat Telefon auf dem Zimmer. "Wir haben sie angerufen und ihr gesagt, sie möchte mal zum Fenster kommen." Unten stand die Familie und hat gewunken. Zu Ostern sandten sie einen Videogruß. Kürzlich sah Christa Neumann auch ihr Urenkelchen - durch die Scheibe des Blumenzimmers, das ist eins der drei Besucherzimmer. 

"Wir versuchen, möglich zu machen, was geht", sagt Andre Neumann. Feiert ein Hausbewohner zum Beispiel seinen 90. Geburtstag, darf er, zeitlich versetzt, auch mehrere Besucher an diesem Tag empfangen. Für den Kontakt nach außen wurden alle Wohnbereiche in den vergangenen Wochen mit der Möglichkeit zur Videotelefonie ausgestattet.

Sascha Bock sieht in den Besuchen "einen Schritt zurück in die Normalität". Psychologisch könne das manches entlasten. "Bewohner können sich auf einen Tag in der Woche freuen, an dem sie wieder besucht werden." 

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