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Döbeln

Wegen Corona: Physiotherapeuten in Not

Nur noch vereinzelt finden Behandlungen in der Region Döbeln statt. Komplett schließen dürfen die Praxen aber nicht.

Physiotherapeut Martin Schmidt behandelt im Solemed in Leisnig weiter Patienten, wenn dies medizinisch notwendig ist.
Physiotherapeut Martin Schmidt behandelt im Solemed in Leisnig weiter Patienten, wenn dies medizinisch notwendig ist. © Dietmar Thomas

Manuelle Lymphdrainage oder Krankengymnastik – für manche Patienten geht es einfach nicht ohne Behandlung in der Physiotherapie. Diese dürfen trotz Ausgangssperre noch besucht werden. Aber viele Patienten sagen ihre Termine in den Praxen trotzdem ab.

„Was nicht unbedingt notwendig ist, ist gestrichen worden“, sagt Jule Flohr vom Solemed in Leisnig. Doch nach wie vor gibt es einige Patienten, die versorgt werden müssen, auch zu Hause. „Dabei halten wir uns an die Auflagen des Verbandes der Physiotherapeuten“, so Flohr. Genügend Desinfektionsmittel sei Dank eines glücklichen Umstandes noch vorhanden. „Wir hatten erst bestellt. Und durch die Schließung des Fitnessstudios ist der Verbrauch gesunken“, sagt die Frau von Geschäftsführer Steven Flohr. Mundschutz sei noch da, doch Jule Flohr bemühe sich bereits jetzt um Nachschub. „Wie wir da ran kommen, wissen wir noch nicht“, schildert sie.

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Schließzeit vorgezogen

Die gesunkene Zahl an Terminen können sie und das Team vom Solemed zurzeit noch abfangen. „Wir haben unsere Schließwoche vom Sommer vorgezogen und renovieren die Räumlichkeiten“, erklärt Jule Flohr. Darüber hinaus gelte Kurzarbeit für die Beschäftigten, darunter drei Physiotherapeuten, zwei Mitarbeiter im Reha-Sportverein sowie fünf Angestellte im Fitnessstudio. „Ein bis zwei Monate können wir das vielleicht so abdecken. Aber wie es danach weiter geht, ist offen“, sagt Flohr. Sie ist froh, wenn sie ihr Team, das in der aktuellen Lage mit sehr viel Engagement dabei sei, unterstützen kann und wenn sie niemandem kündigen muss.

Wie sich die Situation wirtschaftlich auf das Reha-Zentrum in Roßwein auswirkt, das kann Annett Bauer zurzeit noch nicht absehen. „Ich habe Kurzarbeitergeld beantragt“, sagt die Geschäftsführerin. Sie hofft, dass die Kunden, die zurzeit noch ihre Termine wahrnehmen, dem Reha-Zentrum die Treue halten. Viele Patienten hätten aber auch in Roßwein ihre Termine abgesagt. Am Montag hat sich Bauer mit ihrem Team, insgesamt über 20 Mitarbeiter, zur Krisensitzung zusammengefunden. Nun läuft der Betrieb erst einmal weiter, nachdem das am Freitag zunächst völlig unklar war. „Erst hieß es, wir dürfen nicht weiter machen. Dann durften wir doch“, schildert Annett Bauer das Durcheinander.

Gruppenangebote sowie der Fitnessbereich im Rehazentrum bleiben jedoch weiterhin geschlossen. Auch im Bereich der Physiotherapie werden nur medizinisch notwendige Behandlungen durchgeführt. „Die ist gegeben, sobald ein Rezept vom Arzt vorliegt“, sagt Annett Bauer. Neben den allgemeinen Hygienestandards, die ohnehin im Bereich der Physiotherapie gelten, werde nun noch mehr desinfiziert. „Alle Gerätschaften, Türklinken, Taster, Schalter“, beschreibt die Geschäftsführerin. Ob Patient oder Mitarbeiter bei der Behandlung einen Mundschutz tragen, sei jedem selbst überlassen, ergänzt Bauer. Diejenigen, die ihre Termine wahrnehmen, seien entspannt, sagt die Chefin. Risikopatienten oder diejenigen, die ängstlich seien, hätten bereits im Vorfeld abgesagt.

Gar keine Behandlungen mehr hat zurzeit die Ergo- und Physiotherapiepraxis Winkel in Ostrau. Alle Patienten hätten abgesagt. „Das verstehen und akzeptieren wir“, sagt Frank Winkel. Die meisten Behandlungen in der Praxis seien eben nicht lebensnotwendig, sodass sie ausgesetzt werden können. Viele der Ostrauer Patienten seien erleichtert gewesen, dass die Termine abgesagt worden sind. Die Krankenkassen würden den Praxen entgegenkommen und hätten die Frist von 14 Tagen bis zur kompletten Einlösung außer Kraft gesetzt. „Die Termine gehen nicht verloren, sondern können nachgeholt werden“, sagt Winkel. Auch hätten die Patienten mehr als nur 14 Tage Zeit, ihre Rezepte vom Arzt einzulösen, ergänzt Donata Porstmann aus Döbeln. „Die Berufsverbände und die Krankenkassen sind ausgesprochen kooperativ.“ Auch bei ihrer Praxis hätten viele Patienten Termine abgesagt. Einige wenige Mitarbeiter sind zurzeit aufgrund der Kinderbetreuung zu Hause. Porstmann schaue von Tag zu Tag, wie sich die Situation weiter entwickle.

Winkel macht zurzeit Kurzarbeit. Seine Frau ist die Praxisinhaberin. Einfach schließen können sie die Einrichtung jetzt nicht, auch wenn sie keine Patienten haben. „Die Praxen haben einen Versorgungsauftrag. Wenn sie nicht selbst einen Corona-Fall haben und von Amts wegen geschlossen werden, dann müssen sie für notwendige Behandlungen offenbleiben“, erklärt Annerose Anys, die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Verbandes für Physiotherapeuten in Sachsen. Als notwendige Behandlung zähle dabei jede, die von einem Arzt verordnet worden sei. Viele Praxisinhaber hätten sich in den vergangenen Tagen nach der Möglichkeit der Schließung bei Anys erkundigt. Thema sei auch gewesen, dass die Praxen Probleme haben, die Anforderungen nach dem Infektionsschutzgesetz einzuhalten, da Mundschutz, Desinfektion sowie Handschuhe fehlten. Der Verband fordert daher für Physiotherapeuten dieselben Zuschüssen wie für Kliniken, so Anys.

Für Irritationen gesorgt hatte in der Branche die Anweisung, dass Massagesalons schließen sollen. „Wir führen Massagen auf ärztliche Anordnung als Therapie durch“, betont Annerose Anys. Die Physiotherapien sind daher von der Schließungsanweisung nicht betroffen. Trotzdem bangen viele Inhaber derzeit um ihre Existenz, so Anys weiter. Der Verband hofft daher, dass auf einen erweiterten Rettungsschirm für die Branche. „Wir fordern finanzielle Soforthilfe von der Gesetzlichen Krankenversicherung in Form von Ausgleichszahlungen“, heißt es daher in einer Mitteilung des sächsischen Verbandes. Für die Kassen sei dies ein Nullsummenspiel, da die Kosten für die Leistungen der Physiotherapeuten, aber auch der Ergotherapeuten, Logopäden sowie Podologen, bereits eingeplant seien. Damit könnte die Existenz der Heilmittelerbringer gerettet werden.