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Sehnsucht nach Normalität

In den Orten an den Grenzen zu Polen und Tschechien war das Miteinander lange schwer. Nun sind die Wege wieder offen.

Octavian Ursu (Mitte r), OB von Görlitz, und Rafal Gronicz (Mitte l), Bürgermeister von Zgorzelec (Polen), öffnen den Grenzzaun auf der Görlitzer Altstadtbrücke. Nach knapp drei Monaten hat Polen seine Grenzen zu allen EU-Nachbarländern geöffnet.
Octavian Ursu (Mitte r), OB von Görlitz, und Rafal Gronicz (Mitte l), Bürgermeister von Zgorzelec (Polen), öffnen den Grenzzaun auf der Görlitzer Altstadtbrücke. Nach knapp drei Monaten hat Polen seine Grenzen zu allen EU-Nachbarländern geöffnet. © Daniel Schäfer/dpa

An Normalität ist für Jirí Zahradnik noch lange nicht zu denken. Der Mitarbeiter der Industrie- und Handelskammer (IHK) gehört zu den tausenden Pendlern, die täglich aus ihrer tschechischen Heimat in die Dreiländerregion rund um Zittau zum Arbeiten fahren. Für den Liberecer war wie für viele seiner Landsleute die Grenze wegen der Corona-Pandemie für knapp drei Monate verschlossen. Nun sind die Schlagbäume nach Tschechien abgebaut.

Auch Polen hat in der Nacht zum Samstag die Grenzkontrollen wieder abgeschafft. Symbolträchtig öffneten die Bürgermeister von Görlitz und der polnischen Nachbarstadt Zgorzelec den im Zuge der Corona-Pandemie aufgestellten Grenzzaun auf der Altstadtbrücke mit Bolzenschneidern. Um Mitternacht schnitten Octavian Ursu (CDU) und sein polnischer Kollege Rafal Gronicz die Ketten des Zauns durch. Dieser hatte die Städte über mehrere Monate voneinander getrennt.

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60 Kilometer langer Umweg

Rund 40 Kilometer südlich im Dreiländereck hat Zahradnik ganz eigene Erfahrungen mit den geschlossenen Grenzen gemacht. „Weil wir am Zittauer Grenzübergang nur über Polen in die Stadt kommen, bin ich bislang immer den 60 Kilometer langen Umweg gefahren. Es liegen zwar nur knapp 1.000 Meter dazwischen, aber diese waren seit Mitte März unüberbrückbar“, berichtet er.

An seiner Glastür in der IHK-Geschäftsstelle Zittau steht „Kontaktzentrum für Sächsisch-Tschechische Wirtschaftskooperation“. In seiner Datenbank sind 1.500 sächsische Unternehmen gelistet, die mit tschechischen Partnern zusammenarbeiten oder Interesse daran haben. Eine solche grenzübergreifende IHK-Anlaufstelle gibt es auch noch in Chemnitz. „Die ersten Tage nach der Grenzschließung hatten wir hunderte Firmen in der Leitung, die unsere Hilfe brauchten.“ Es sei etwa um Formulare gegangen, damit Mitarbeiter wieder zur Arbeit kommen oder Waren weiter transportiert werden konnten. „Da merkt man erst, wie vernetzt Deutschland und Tschechien sind“, sagt Zahradnik.

Doppelt erwischt

Laut IHK Zittau arbeiten in Sachsen mehr als 10.000 Tschechen, knapp 8.000 waren als Pendler direkt von der Grenzschließung betroffen. Dazu kommen laut Arbeitsagentur knapp 20.000 Menschen aus Polen, die im Freistaat sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind. Etwa die Hälfte davon wohnt in der Heimat und arbeitet in Deutschland.

„Für Ärzte und Krankenschwestern wurden schnell Sonderreglungen gefunden, aber bei ihnen handelt es sich nur um einen Bruchteil der Beschäftigten“, sagt Zittaus IHK-Geschäftsstellenleiter Matthias Schwarzbach. Die 15 tschechischen Mitarbeiter der Baumwollweberei in Zittau hätten zum Beispiel letztlich nur zur Arbeit kommen können, weil die Stoffproduktion als systemrelevant eingestuft wurde. Aus Zittauer Baumwolle werden Masken gefertigt.

Die Grenzschließung hatte auch Jan Würsig erwischt – gleich auf zweierlei Weise. „Wir haben Mitarbeiter aus Tschechien und Polen, die nicht mehr kommen konnten. Außerdem haben wir landwirtschaftliche Betriebe als Auftraggeber auf beiden Seiten der Grenze“, sagt der Geschäftsführer einer Dienstleistungsgruppe mit zwei Unternehmen in Deutschland und einem in Tschechien. Seine Fahrzeuge transportieren Düngemittel und Getreide, seine großen Agrar-Maschinen sind auf den Äckern der Oberlausitz genauso unterwegs wie auf böhmischen Feldern.

Es war eine angespannte Lage

Würsig greift nach einem Stück Papier, malt zwei Felder auf, die nur ein Wiesenstreifen trennt. „Die deutschen und tschechischen Felder grenzen in unserer Dreiländerregion direkt aneinander, auf beiden Seiten kommen unsere Maschinen zum Einsatz. Das zeigt, wir sind hier auf offene Grenzen angewiesen“, so der Landwirt. 35 Mitarbeiter beschäftigt sein Unternehmen. Nicht nur die Pendler nach Deutschland stellte die Grenzschließung vor Herausforderungen. In Zittau und Umgebung wohnen zahlreiche Tschechen, die in ihrer einstigen Heimat arbeiten. Unter ihnen ist auch Jan Randácek, Direktor der Regional-Galerie Liberec. Für ihn hieß es erst Homeoffice und dann Corona-Test, weiß Zahradnik. Ein anderer tschechischer Unternehmer hat seinen Firmensitz und das Lager in Zittau über Nacht in den Nachbarort Hradek verlegt.

Es war eine „angespannte Lage“, fasst IHK-Chef Schwarzbach die Grenzschließungen auf Zeit im Dreiländereck zusammen. „Unser tägliches Leben hat dieses Virus aus den Angeln gehoben. Ich habe die Bedenken, dass manche Unternehmen mit dieser Erfahrung nun mehr auf Rationalisierung setzen, statt Mitarbeiter zu beschäftigen. Wir müssen auch sehen, was es mit den grenzüberschreitenden Kooperationen macht“, sagt er.

Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker (parteilos) zeigte sich erschrocken, „wie schnell und beinahe eifrig entgegen den lokalen Empfehlungen die tschechische und die polnische Zentralregierung die Corona-Krise nutzten, um im eigenen Land mit strikten Grenzschließungen Handlungsfähigkeit zu demonstrieren“. Er sehe alle, die ein gemeinsames Europa der Menschen und nicht nur der Wirtschaft wollen, unter Handlungsdruck.

Zur Rübenernte wird es spannend

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