merken
PLUS

Pirna

Auf Streife in der Geisterstadt

Die Polizei wacht über den Schlaf des öffentlichen Lebens. Wie streng sind die Kontrollen wirklich?

Gemeinsam einsam: Die Streifenpolizisten Tobias und Nathalie patrouillieren durch Pirnas ausgestorbene Altstadtgassen.
Gemeinsam einsam: Die Streifenpolizisten Tobias und Nathalie patrouillieren durch Pirnas ausgestorbene Altstadtgassen. © Marko Förster

Noch nie ist die Postfrau mit ihrem gelben Packesel derart laut über Pirnas Katzenköpfe gerumpelt. So kommt es einem jedenfalls vor. Denn es gibt kein Geräusch, das dem Rumpelfahrrad Konkurrenz macht. Ob Steakhaus, Spanier, Kleinkunstbühne oder Billys Pub - nirgends Tische, nirgends Leute, nirgends Leben. Dabei könnte der Tag kaum schöner sein. "Das spricht für die Bürger", sagt Tobias, und wundert sich fast ein wenig. "Damit hätten wir nicht gerechnet."

Tobias, 28, Polizeiobermeister, und Nathalie, 24, Polizeikommissarin, sind auf Kontrollgang in der Pirnaer Altstadt. Normalerweise sitzen die beiden im Streifenwagen. Doch die Zwangspause für das öffentliche Leben hat das Dienstgeschäft auf der Straße deutlich beruhigt. Weniger Verkehr, weniger Unfälle, weniger Kriminalität. Eine gute Gelegenheit, in Sachen Corona "präventiv zu wirken", sagen die Polizisten. Und das geht in Pirnas Gassen zu Fuß am besten.

Vater, Mutter und Kinder
Vater, Mutter und Kinder

sind eine wunderbare Kombination. Sie kann viel Spaß machen, aber auch Arbeit und Ärger. Tipps, Tricks und Themen zu allem, was mit Familie und Erziehung zu tun hat, gibts in einer besonderen Themenwelt von sächsische.de.

"Wir sind keine Gängelpolizei." Zu starker Druck bei den Corona-Kontrollen würde die Akzeptanz mindern, sagt Pirnas Polizeichef Candy Sommer.
"Wir sind keine Gängelpolizei." Zu starker Druck bei den Corona-Kontrollen würde die Akzeptanz mindern, sagt Pirnas Polizeichef Candy Sommer. © Marko Förster

Keiner darf ohne triftigen Grund raus. Das ist, simpel ausgedrückt, der Kern von Sachsens Corona-Schutzverordnung. In der Praxis liegen die Dinge durchaus nicht so einfach. Das sagt Candy Sommer, Polizeirat, Chef des Polizeireviers Pirna. Die Lage ist komplex und dynamisch. Durchsetzen müsse man die Verordnung, sagt er. Ihm kommt es aber weniger auf den Text an, mehr auf den Sinn und Zweck. "Wir sind keine Gängelpolizei."   

Der Sinn und Zweck ist für den Revierleiter die Unterbrechung der Infektionskette. Dabei interessiert ihn die hitzige Debatte über das Wohnumfeld, den legalen Aktionsradius fürs Luft schnappen, eigentlich nur, wenn sich ein Verstoß aufdrängt. "Wir werden nicht danach suchen." Wonach seine Beamten aber suchen, das sind Menschenansammlungen. Wenn viele Leute die Köpfe zusammenstecken, wird der Virus weiter getragen, sagt der Polizeichef. "Dann wird es Mist."

Gehört jetzt in die Tasche der Uniform: ein Fläschchen Händedesinfektionsmittel. Hat man fremde Ausweise kontrolliert, wird es angewendet.
Gehört jetzt in die Tasche der Uniform: ein Fläschchen Händedesinfektionsmittel. Hat man fremde Ausweise kontrolliert, wird es angewendet. © Marko Förster

Tobias und Nathalie streifen hinter der mächtigen Marienkirche entlang, der Elbe zu. Wie für alle anderen ist die Situation auch für sie völlig neu. Man habe da erst mal reinwachsen müssen, sagt Tobias, sich ertappen müssen, beim Beinahe-Handschlag mit Freunden, Kollegen oder Bürgern. Er kann sich noch gut erinnern an die ersten Tage der Pandemie, als die Leute noch Witze machten, mit dem Zollstock demonstrativ die Abstände zwischen sich nachprüften und lachten. Heute lacht keiner mehr über die Seuche. "Alle wissen, dass das nicht witzig ist."

Die Polizisten tragen Desinfektionsmittel in den Hosentaschen. Aber Mundschutz tragen sie nicht. Das würde die Leute nur verunsichern, sagen sie. Die Unsicherheit ist eh schon groß genug. Viele kommen jetzt und Fragen, was sie eigentlich noch dürfen. "Grundsätzlich alles, wenn man es alleine macht", sagt Tobias. Er weiß, dass gerade das Alleinsein ein Problem ist. Das Verlangen nach Gemeinschaft wird wachsen, je wärmer es wird. "Irgendwann wollen die Leute mal Licht am Ende des Tunnels sehen."

Heidi und Andreas Hegewald sind vom Blauen Wunder nach Pirna geradelt. Kurze Pause, dann geht es retour. Die Polizei hat nichts einzuwenden.
Heidi und Andreas Hegewald sind vom Blauen Wunder nach Pirna geradelt. Kurze Pause, dann geht es retour. Die Polizei hat nichts einzuwenden. © Marko Förster

Noch spüren die beiden jungen Beamten nur vereinzelt Unmut über die Gesetze. Zielscheibe zum Dampf ablassen war die Polizei schon vor Corona. "Wir sind eben die, die greifbar sind", sagt Nathalie. In Zeiten des Virus wird ihnen schon mal unterstellt, mehr zu wissen. Sie müssen sich auch Verschwörungstheorien anhören. Gibt es den Virus wirklich? Steckt nicht doch ein großer Plan dahinter? 

Auf den Elbwiesen. Keine Menschentrauben in Sicht. Einzelne Radler, Skater, Jogger, Pärchen, die spazieren gehen. Aber vielleicht gehören die Pärchen gar nicht zusammen? Oder es sind Touristen, die von sonst woher kommen? Könnte sein. Aber jeden kontrollieren, den Leuten vors Rad springen, das können die Polizisten nicht. Und sie wollen es auch nicht. Keiner hockt aufeinander, trotz Sonnenschein und freier Zeit - darauf kommt es ihnen an. Und dafür muss man die Leute ein bisschen belohnen, finden die Beamten, statt sie noch mehr zu nerven.

Hier hat es sich vorerst ausgespielt: Der Tummelplatz am Pirnaer Elbufer ist gesperrt. Allenfalls die Wildgänse kommen noch zu Besuch.
Hier hat es sich vorerst ausgespielt: Der Tummelplatz am Pirnaer Elbufer ist gesperrt. Allenfalls die Wildgänse kommen noch zu Besuch. © Marko Förster

Zwei Radfahrer machen Pause, jeder auf einer Bank für sich. Das müssten sie gar nicht, denn Heidi und Andreas Hegewald sind seit 41 Jahren verheiratet, und zwar genau heute. Zur Feier des Tages haben sie eine Tour gemacht, von ihrem Haus am Blauen Wunder nach Pirna. Ein bisschen plagt sie das schlechte Gewissen. Jeder, so heißt es ja, soll in seiner Gemeinde bleiben. "Ich finde das auch in Ordnung so", sagt Heidi. Nach der Pause geht es gleich zurück.

Wer gegen die Anti-Corona-Regeln handelt, riskiert 150 Euro Bußgeld, als Ersttäter wenigstens eine 50-Euro-Verwarnung. Seit Inkrafttreten der Beschränkungen sind bereits rund 200 Anzeigen im Landkreis registriert worden. Im Falle des Radlerpaares sehen Tobias und Nathalie keinen Grund  zum Handeln. Ein erstes Gerichtsurteil definiert als Wohnumfeld einen Radius von zehn bis 15 Kilometern. Demzufolge hat sich das Paar nicht zu weit von daheim entfernt. Außerdem hätten die Leute Problembewusstsein gezeigt, sagt Tobias. Wozu also noch die "Bußgeldkeule" schwingen? 

Ist auch wirklich keiner da? Polizist Tobias lugt im geschlossenen Tchiboladen am Pirnaer Marktplatz durch die Scheiben.
Ist auch wirklich keiner da? Polizist Tobias lugt im geschlossenen Tchiboladen am Pirnaer Marktplatz durch die Scheiben. © Marko Förster

Zurück im Zentrum, am Dohnaischen Platz, ist das Problembewusstsein bei  einer sitzenden Gruppe mit Hund weniger groß. Das Pärchen wohnt zusammen, okay. Aber der einzelne Herr gehört nicht dazu und kommt selbst im Disput mit den Beamten nicht auf die Idee, die geforderten eins fünfzig von den anderen abzurücken. "Scheiß Corona", mault er bloß. Schließlich rutscht er doch rüber. 

Das Trio fühlt sich unfair behandelt. Die Ausländer, sagt der andere Herr, die rotteten sich ungestraft zusammen, zum Beispiel vorhin, im kleinen Park bei der Sparkasse. "Und eure Kollegen fahren eiskalt dran vorbei!" Stehenden Fußes geht die Streife gucken. Niemand zu sehen. Man kann nicht immer über all sein, sagt Tobias. Fakt ist: Die Corona-Regeln gelten für jeden. Wenn aber keiner die Polizei ruft, die Dinge nur so weiter erzählt, kann man nicht tätig werden. So entstehen schiefe Weltbilder.  

Wenigstens ein bisschen Leben herrscht auf Pirnas Einkaufsmeile, der Dohnaischen Straße. Kontrolliert werden die Passanten aber nur, wenn sie Gruppen bilden.
Wenigstens ein bisschen Leben herrscht auf Pirnas Einkaufsmeile, der Dohnaischen Straße. Kontrolliert werden die Passanten aber nur, wenn sie Gruppen bilden. © Marko Förster

Zurück zum Revier, via Friedenspark. Der Platz ist bekannt dafür, dass Leute, die zu viel Zeit haben, hier zusammenstehen und Bier trinken. Doch Fehlanzeige. Nur auf dem gesperrten Spielplatz träumt eine Mama mit ihrer Tochter in der Nestschaukel. Ein Bild, das man am liebsten gar nicht stören will. Die Polizisten müssen es tun. Wo einer sitzt, sitzen bald mehr, sagt Nathalie. Wie lange das noch so gehen soll? Das wüsste sie auch gern, und kann es doch nicht sagen. "Wir sind genauso schlau, wie alle anderen."

Mehr Nachrichten aus Pirna lesen Sie hier. 

Täglichen kostenlosen Newsletter bestellen. 

Mehr zum Thema Pirna