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Corona-Protestler trotzen Regen

Erneut sind in Meißen am Montag zwischen 100 und 150 Menschen auf die Straße gegangen. Am Theaterplatz gab es Widerstand.

Keine Kundgebung, keine Demo: Mit einem stillen Spaziergang protestierten am Montagabend zwischen 100 und 150 Bürger in Meißen gegen Corona-Auflagen.
Keine Kundgebung, keine Demo: Mit einem stillen Spaziergang protestierten am Montagabend zwischen 100 und 150 Bürger in Meißen gegen Corona-Auflagen. ©  Claudia Hübschmann

Meißen. Der Regen will und will nicht aufhören. Im Welat-Grillhaus auf der Meißner Neugasse haben die beiden Angestellten alle Hände voll zu tun an diesem Montagabend kurz vor 18.30 Uhr. Etliche Bestellungen für Dönerteller und Dürüm sind eingegangen. Das nass-kalte Wetter macht offenbar hungrig auf Herzhaftes. Ein Polizist in voller Einsatzmontur und mit Funkknopf im Ohr wartet auf seinen Döner. Seine Kollegen bleiben lieber im wärmenden Inneren des Mercedes-Mannschaftswagens. 

Der Besuch der Ordnungshüter in Meißen hat seinen Grund. Mindestens zwei Veranstaltungen sind für den Abend angekündigt. Zunächst soll 18.30 Uhr auf dem Marktplatz meditiert werden, dann ist 19 Uhr zu einem Spaziergang eingeladen, um gegen die staatlichen Auflagen aufgrund der Corona-Krise zu protestieren. Beide Treffen sind keine Demonstrationen oder Kundgebungen im traditionellen Sinne. Keine Parteien, Gewerkschaften, Kirchgemeinden oder andere etablierte gesellschaftliche Gruppen haben eingeladen. Statt dessen verbreiteten sich die Termine dezentral über Online-Netzwerke wie Facebook. 

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Bunt gemischtes Publikum

Der Polizist hat mittlerweile seinen Döner serviert bekommen. Schnell zurück ins Trockene. Der Mannschaftswagen macht sich zum historischen Marktplatz auf. Dessen Pflaster glänzt vor Nässe. Von meditierenden Bürgern allerdings fehlt jede Spur. Vielleicht, weil das Wetter nicht mitspielt?

Dafür tauchen zunehmend Passanten auf, die sich mit Regensachen und Schirmen offenbar auf einen längeren Aufenthalt im Freien eingerichtet haben. Immer mehr Menschen sammeln sich in der Marktecke vor Schumanns Fachgeschäft. Das Publikum ist bunt gemischt, allerdings ganz überwiegend männlich. Ein Musiker befindet sich darunter, selbst eine sportliche Legende. Ladeninhaber aus der Innenstadt, ein kleinerer Bau-Unternehmer sowie Handwerker aus dem Umland und Stadträte der AfD werden gesichtet. Oft kennt man sich und begrüßt sich. Die Atmosphäre ist anfangs durchaus heiter und gelöst.

Was alle diese Menschen vereint, lässt sich nur schwer sagen. Aus einem Gelben Sack heraus verteilt ein quirliges Männchen die kostenlose Wochenzeitung "Demokratischer Widerstand". Herausgeber ist der Berliner Kulturmacher Anselm Lenz, der in jüngster Zeit durch sogenannte Hygienedemos in der Bundeshauptstadt Aufmerksamkeit erregte. Kritiker werfen ihm vor, Verschwörungstheorien zu verbreiten. Die Überschrift auf der Titelseite lautet: "Corona ist nicht das Kern-Problem!"

Der Termin der Zusammenkunft auf dem Marktplatz ist nicht zufällig gewählt. Die zeitliche Analogie zu den Montagsdemonstrationen von 1989 und 1990 dürft ähnlich wie bei Pegida gewollt sein. Auch am Montag vergangener Woche waren Bürger in sächsischen Städten wie Heidenau, Löbau und Radeberg auf die Straße gegangen. Nach Angaben von Augenzeugen zogen in Meißen ebenfalls rund 100 Personen durchs Zentrum, unter ihnen einige Krakeeler, welche durch Rufe wie "Für Deutschland!" aus dem Rahmen fielen. Am Sonnabend wiederum versammelten sich mehr als 200 Menschen im Großen Garten in Dresden.

Kleinster gemeinsamer Nenner der Protestler aus unterschiedlichen Altersgruppen dürfte ein Unbehagen gegenüber den aufgrund der Corona-Krise geltenden staatlichen Auflagen sein. Mancher lehnt vielleicht nur die Maskenpflicht als wirkungslos ab und bemängelt die oft unlogischen und inkonsequenten Öffnungsschritte. Andere mögen Verschwörungstheorien hegen und hinter dem Corona-Virus handfeste Interessen der Pharma-Industrie vermuten.

Die Polizei hält sich in Meißen am Montagabend bis auf wenige Ansagen zurück, zeigt jedoch Präsenz.
Die Polizei hält sich in Meißen am Montagabend bis auf wenige Ansagen zurück, zeigt jedoch Präsenz. ©  Claudia Hübschmann

Ohne dass es dazu eines Aufrufs bedurft hätte, setzt sich kurz nach 19 Uhr ein lockerer Pulk aus vielleicht 100 bis 150 Menschen in Bewegung. Im Vorfeld hatten zwei bullige Typen in Engelbert-Strauss-Klamotten neu beklebte AfD-Wahlplakate den Mannschaftswagen der Polizei entgegen gehalten. "Unsere Angst ist Eure Macht", steht auf einem von ihnen zu lesen. 

Bereits zuvor war es zu von den Spaziergänger begonnenen, kurzen Wortgefechten mit den Beamten gekommen. Diese halten sich zurück, fordern lediglich per Lautsprecher zum Einhalten des Mindestabstands auf und drohen mit Strafen, sollte dies unterbleiben. Anschließend begleitet die Polizei den weitgehend stillen und störungsfreien Zug durch die Meißner Innenstadt.

Ein Ständchen als Widerstand

Spannend wird es schließlich am Theaterplatz. Dort öffnet sich ein Fenster im Obergeschoss eines der Häuser. Live gesungen und gespielt, ertönt die italienische Partisanen-Hymne "Bella ciao". Entscheidend dürfte für die Musikanten wohl die Zeile sein: "Eines Morgens erwachte ich und fand den Eindringling vor." Unten auf der Straße schütteln die meisten der Spaziergänge nur den Kopf. Einige hämische Kommentare fallen. Dann zieht der Zug im Regen weiter.

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Die Bilanz der Polizei fällt für diesen Montagabend im Landkreis Meißen und Umland friedlich aus: Die Einsatzkräfte hätten etwa 180 Personen in Großenhain sowie circa 150 in Meißen festgestellt, heißt es in einer Mitteilung der zuständigen Polizeidirektion Dresden. Zudem fanden sich rund 50 Personen auf den Marktplätzen in Weinböhla und in Coswig ein. In Riesa und Nossen kamen rund 20 Personen zentral zusammen. Einzig in Wilsdruff zeigten etwa 50 Personen eine Versammlung an. Diese endete den Beamten zufolge eine Viertelstunde später störungsfrei.

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