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Ein denkwürdiges Gerichtsverfahren

Unter strengen Vorkehrungen geht in Riesa der Prozess gegen einen Serientäter zu Ende. Nicht in jedem Punkt wird der Mann schuldig gesprochen.

Mehr als ein Dutzend Straftaten soll ein Riesaer von Sommer 2018 bis Dezember 2019 begangen haben. Jetzt wurde er verurteilt. Das Foto stammt aus der Vor-Corona-Zeit - am Dienstag saßen Verteidigerin und Angeklagter weiter auseinander.
Mehr als ein Dutzend Straftaten soll ein Riesaer von Sommer 2018 bis Dezember 2019 begangen haben. Jetzt wurde er verurteilt. Das Foto stammt aus der Vor-Corona-Zeit - am Dienstag saßen Verteidigerin und Angeklagter weiter auseinander. © Sebastian Schultz

Riesa. Die Wache fängt die Besucher schon am Eingang des Amtsgerichts in Riesa ab. "Bitte kommen Sie nur einzeln nach oben", heißt es. Wo sonst die Zeugen und Prozessbeobachter auf potenzielle Waffen durchsucht werden, misst das Wachpersonal jetzt per Infrarot-Therometer die Temperatur. Und beim Gang in den Gerichtssaal werden die wenigen Zuschauer direkt gebeten, sich möglichst weit in den Stuhlreihen zu verteilen.

Es ist in vielerlei Hinsicht ein denkwürdiges Verfahren, das da am Dienstagmorgen in Riesa sein Ende findet. Nicht nur  wegen der Corona-Maßnahmen. Für den Prozess gegen den Deutschen, auf dessen Konto in Riesa unzählige Ladendiebstähle und Einbrüche gehen sollen, hatte das Schöffengericht seit Prozessbeginn Anfang Februar eine für hiesige Verhältnisse lange Liste an Zeugen gehört: Mehr als 20 sind es am Ende, vom Polizeibeamten über den Ladenbesitzer bis hin zu einem anderen Serientäter, der zurzeit selbst in Haft sitzt. 

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Auf Abstand zum Angeklagten

Denkwürdig ist aber vor allem die Corona-Situation, die das Verfahren noch mehr in die Länge gezogen und für einige kuriose Situationen gesorgt hat. Es ist die einzige Strafverhandlung, die am Amtsgericht in den beiden Wochen vor Ostern noch stattfindet. Alles andere war bereits verlegt worden, der Besucherverkehr ist nahezu auf Null heruntergefahren. Das Wachpersonal im Gericht achtet denn auch penibel darauf, dass die Besucher immer nur einzeln die Stufen zur Einlasskontrolle hinaufgehen. Ein Paar, das wegen einer weniger dringenden Sache ins Gericht wollte, wird weggeschickt. 

Verhandlung unter freiem Himmel: Weil die Verteidigerin aus einem Corona-betroffenen Skigebiet zurückgekommen war, hatte Richterin Ingeborg Schäfer (l.) einen Verhandlungstermin nach draußen verlegt. Inhaltlich passierte nicht viel - es wurde direkt ein n
Verhandlung unter freiem Himmel: Weil die Verteidigerin aus einem Corona-betroffenen Skigebiet zurückgekommen war, hatte Richterin Ingeborg Schäfer (l.) einen Verhandlungstermin nach draußen verlegt. Inhaltlich passierte nicht viel - es wurde direkt ein n © Jörg Richter

Abstand halten heißt es zwischen Richterin und den Schöffen - und erst recht zwischen Verteidigerin und Angeklagtem. Der beteuert zwar, sein trockenes Husten sei lediglich Folge des vielen Rauchens. Rechtsanwältin Beatrice Rauch geht aber lieber kein Risiko ein - zumal die Verhandlung erst in der Vorwoche verschoben wurde, weil der 33-Jährige krank war. Davor wiederum hatte Richterin Ingeborg Schäfer die Verhandlung kurzerhand ins Freie verlegt - weil die Verteidigerin aus einem Gebiet zurückgekehrt war, aus dem eine Reihe von Covid-19-Infektionen gemeldet wurden. 

Hehlerei statt Einbruchsdiebstahl

So kompliziert und langwierig das Verfahren auch war, so zügig kommt es am Dienstag zum Abschluss. Eine Stunde nach Prozessbeginn ziehen sich die Vorsitzende Richterin und die Schöffen zur Beratung zurück, eine Stunde später fällt das Urteil: zwei Jahre und zehn Monate Freiheitsstrafe. Die Mehrheit der angeklagten Straftaten sah das Gericht als erwiesen an - etwa die zahlreichen Diebstähle in Geschäften entlang der Hauptstraße, bei denen der 33-Jährige jeweils erwischt worden war. Weil er dabei immer auch ein kleines Cuttermesser bei sich trug, bewertete das Gericht die zwölf Taten jeweils als minder schwere Fälle von Diebstahl mit Waffen. Dazu kamen noch drei Fälle von Beleidigung und einige Sachbeschädigungen. 

Nicht nachzuweisen war dem Angeklagten dagegen seine direkte Beteiligung an den Taten, die sicherlich für das meiste öffentliche Aufsehen gesorgt haben: den Einbruch in ein Computergeschäft an der Goethestraße sowie ein Wohnhaus samt Ladenlokal in der Hauptstraße in Riesa. Während des Prozesses hatte er abgestritten, bei den Einbrüchen dabei gewesen zu sein. 

Keine Chance auf Bewährung

Völlig unbeteiligt war er allerdings auch nicht: Seine Wohnung diente mindestens als eine Art Lager für das Diebesgut, außerdem half er beim Verkauf, indem er vorgab, die gestohlene Ware stamme aus der Haushaltsauflösung seines verstorbenen Großvaters. Das sei eine plausible Erklärung, befand die Richterin. Es bedeute aber auch, dass sich der 33-Jährige der gewerbsmäßigen Hehlerei schuldig gemacht hatte. 

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Eine Bewährungsstrafe kommt für dem Deutschen nicht infrage. Sein Vorstrafenregister umfasst gut 15 Eintragungen im Zeitraum von zehn Jahren, außerdem steht er schon unter zweifacher Bewährung. Seine Strafe wird der Riesaer voraussichtlich aber trotzdem nicht in einer JVA absitzen müssen. Stattdessen soll er im Maßregelvollzug endlich von Alkohol und Drogen wegkommen. Dieses Urteil hatte sich angedeutet, nachdem er sich grundsätzlich zu einer Therapie bereit erklärt hatte. Wenn die Maßnahmen dort Erfolg haben, dann ist er nach maximal zwei Jahren auf Bewährung draußen, erklärt die Richterin. Schafft er es allerdings nicht oder arbeitet nicht ordentlich mit, geht es doch noch ins Gefängnis. 

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