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Corona: "Wir waren im Ausnahmezustand"

Hunderte Tests, zahlreiche Infizierte, einige Todesfälle – das ist die vorläufige Bilanz der Krankheit in Radeberg.

Im Alten- und Pflegeheim fand einer der schwersten Ausbrüche von Corona im Landkreis Bautzen statt. Insgesamt 45 Bewohner hatten sich infiziert.
Im Alten- und Pflegeheim fand einer der schwersten Ausbrüche von Corona im Landkreis Bautzen statt. Insgesamt 45 Bewohner hatten sich infiziert. © Archivfoto: Ronald Bonß/dpa

Radeberg. Die Nachrichten wurden zuletzt immer besser. Am 18. Juni registrierten die Behörden im Kreis Bautzen zum letzten Mal eine Neuinfektion. Am Donnerstag meldete das Gesundheitsamt Bautzen, dass es im Landkreis keinen einzigen Corona-Patienten mehr gibt. In Radeberg waren in den vergangenen Wochen besonders drei Einrichtungen von den Auswirkungen der Pandemie betroffen: das Alten- und Pflegeheim, das Epilepsiezentrum und das Krankenhaus. Sie legen jetzt eine Bilanz der dramatischen Wochen vor.

Alten- und Pflegeheim am stärksten betroffen

Im Städtischen Alten- und Pflegeheim brach das Coronavirus schlagartig aus. Kurz vor Ostern traten erste Fälle einer Corona-Infektion bei zwei Bewohnern und einer Mitarbeiterin auf. Am Karfreitag wurde das Virus bei 20 weiteren Personen nachgewiesen. Schließlich mussten ganze Stationen unter Quarantäne gestellt werden. Nach und nach konnte der Ausbruch eingedämmt werden. „Insgesamt sind in den vergangenen Wochen 45 Bewohner positiv auf das Virus getestet worden. Außerdem hatten sich 20 Mitarbeiter infiziert“, sagt Heimleiterin Carolin Proske. Tagelang waren Mitarbeiter des Gesundheitsamtes in Schutzanzügen im Heim unterwegs, um alle zu testen.

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170 Bewohner und 122 Mitarbeiter mussten sich zweimal Test unterziehen. Wer ein positives Ergebnis aufwies, wurde teils mehrmals nachgetestet. Das heißt, im Haus nahmen die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes weit mehr als 600 Proben. Trotz umfangreicher Schutzmaßnahmen konnte nicht verhindert werden, dass sich etliche, teilweise hochbetagte, Bewohner ansteckten und die Krankheit einen schweren Verlauf nahm. Zwölf von ihnen starben am oder mit dem Coronavirus. „Wir waren im Ausnahmezustand“, so die Heimleiterin.

Neben den traurigen Ereignissen und der hohen Belastung gab es auch positive Erlebnisse. „Gefreut haben wir uns sehr über die große Spendenbereitschaft. Durch die Präsenz in den Medien sind viele auf uns aufmerksam geworden und haben Masken, Schutzkleidung oder Desinfektionsmittel gespendet“, so die Heimleiterin. Überhaupt bedankt sie sich bei allen, die in der schweren Zeit einen so enormen Einsatz gezeigt haben.

Inzwischen konnten die Beschränkungen wieder gelockert werden. Bewohner können wieder Besuch empfangen, wenn auch nicht in ihren Zimmern. Die Gruppenarbeit beginnt jetzt wieder. Allerdings herrscht weiterhin Maskenpflicht. Im Haus ist ein Einbahnstraßensystem eingerichtet. „Corona ist noch nicht vorbei. Wir hier im Heim haben in den vergangenen Wochen erfahren, dass die Krankheit nicht zu unterschätzen ist.“

Epilepsiezentrum legt Pandemie-Lager an

Noch vor dem Ausbruch im Pflegeheim meldete das Epilepsiezentrum einen Infizierten. Schnell wurde die Kinder- und Jugendstation der Klinik, in der die Frau arbeitete, unter Quarantäne gestellt. Separate Ärzte und Pfleger betreuten die Kinder und Jugendlichen. Oberstes Ziel war, eine Übertragung des Virus auf andere Bereiche zu verhindern. Bei den Bewohnern des Epilepsiezentrums gelang das. „Kein Bewohner oder Patient hat sich mit dem Virus infiziert“, bilanzierte Geschäftsführer Martin Wallmann. 

Allerdings wurden in den folgenden Tagen und Wochen weitere Mitarbeiter positiv getestet. „Insgesamt hatten wir acht infizierte Beschäftigte“, sagt Wallmann. Vorsorglich hatte das Krankenhaus des Epilepsiezentrums auch mehrere Intensivbetten bereitgestellt. „Glücklicherweise mussten wir kein einziges nutzen.“ Vor allem für die Bewohner waren die Beschränkungen eine große Belastung. „Wir konnten sie nicht nach Hause zu ihren Familien fahren lassen. Ich erinnere mich an eine Mutter, die ihren Sohn schmerzlich vermisste und am Telefon bitterlich geweint hat.“

Mitarbeiter, die nicht ihrer gewohnten Beschäftigung nachgehen konnten, haben sich unter anderem an die Nähmaschine gesetzt und 6.000 Masken genäht. Kurzarbeit musste für keinen einzigen Mitarbeiter angesetzt werden. Jetzt sei die Einrichtung dabei, wieder hochzufahren. Eine Lehre aus den vergangenen Wochen: Das Epilepsiezentrum wird ein Pandemie-Lager aufbauen, in dem ausreichend Schutzkleidung, Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel vorhanden sind.

Asklepios-Klinik hält weiter Betten für Infizierte bereit

Im Krankenhaus in Radeberg ist vielleicht noch am deutlichsten zu merken, dass die Pandemie nicht vorüber ist. „Wir halten weiterhin vier Betten auf einer Infektionsstation bereit. In Gütersloh haben wir gesehen, wie schnell es zu einem Ausbruch kommen kann“, sagt Florian Rupp, Geschäftsführer des Krankenhauses. Allerdings waren es zu Spitzenzeiten zwölf Infektionsbetten und drei Intensivbetten. Die positive Bilanz des Krankenhauses: Kein einziger Patient ist am Coronavirus gestorben. Insgesamt wurden 67 Patienten mit Corona oder dem Verdacht behandelt, 28 mussten stationär versorgt werden. Drei von ihnen wurden wegen schwerer Symptome an die Uniklinik in Dresden überwiesen.

Schlagzeilen hatte die erste Corona-Patientin gemacht. Die 92-Jährige war mit schweren Symptomen eingeliefert worden. Nach einigen Wochen konnte sie als geheilt entlassen werden. Trotz zahlreicher Behandlungen hat sich kein Arzt oder Pfleger mit dem Virus angesteckt. „Alle Mitarbeiter der Infektionsstation konnten sich freiwillig testen lassen, etliche haben das in Anspruch genommen, immer mit negativem Ergebnis.“ 

Auch Florian Rupp warnt davor, angesichts der guten Nachrichten allzu sorglos zu werden. „Wer schon einmal mit einem schwer an Corona erkrankten Patienten zu tun hatte, weiß, wie schlimm die Krankheit verlaufen kann. Wir sollten alles tun, um die Ansteckung zu unterbinden.“

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