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Corona-Rassismus: "Traue mich kaum noch raus"

Sie ist Deutsche, ihre Eltern kommen aus Vietnam. Seit Corona wird sie wegen ihres asiatischen Aussehens in Dresden übel beleidigt. Rassismus in Virus-Zeiten.

© privat

Dresden. Die junge Frau wirkt selbstbewusst. Vor ein paar Jahren ist sie zum Studieren aus ihrer Geburtsstadt Bautzen nach Dresden gezogen, lebt hier mit ihrem Mann und der gemeinsamen Tochter. Eigentlich fühlen sich die 28-Jährige und ihre Familie wohl in Dresden. Doch als es mit dem Coronavirus losging, begann für sie eine Zeit, in welcher der Frau und ihrer Tochter Hass und Ablehnung entgegenschlägt. Der einzige Grund dafür ist ihr asiatisches Aussehen. Deshalb machen einige Dresdner völlig irrational sie für Corona verantwortlich.

"Ich bin hier aufgewachsen. Es gibt für mich kein anderes Zuhause", sagt die Frau. Ihren Namen möchte sie nicht veröffentlichen, um sich zu schützen. "Aber jetzt fühle ich mich nicht zuhause im eigenen Zuhause."

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Drei Vorfälle gab es innerhalb von sechs Wochen. Los ging es im Elbepark. Als die Läden noch nicht geschlossen waren, das Leben in Dresden noch normal verlief. Die Familie war dort zum Einkaufen. Irgendwann ging die Frau mit ihrer Tochter in Richtung Toiletten. "Drei Jugendliche gingen nah an uns vorbei. Einer sagte 'Corona' und die anderen feierten ihn dafür", berichtet die Frau.

Als sie den Vorfall ihrem Mann schildert - er ist Deutscher mit deutschen Wurzeln - macht er die Jugendlichen ausfindig und spricht sie an. "Erst haben sie es geleugnet, dann sich in Widersprüche verstrickt und es schließlich zugegeben", erinnert er sich.

Aber auch das war ein schlechtes Gefühl für die Frau. "Es war Glück, dass mein Mann dabei war. Aber ich war auf die Hilfe eines "Weißen" angewiesen. Das ist eine Abhängigkeit, die man nicht möchte." 

Einige Tage später klemmte hinter dem Scheibenwischer des Familienautos ein Zettel, handschriftlich: "Du alter Skoda Penner mit deinen verzogen Balg + Blage Kindergeld kassieren und den Staat ausnehmen Sozial Gesindel + mehr", stand darauf.

"Das andere war irgendwie weit weg", sagt sie. "Aber nun war es durch den Zettel am Auto im direkten Wohnumfeld." Dabei sei die Familie extra nach Striesen gezogen, weil sie dort von einem weltoffenen Wohnumfeld ausging.  

Der dritte rassistische Übergriff passierte in sozialen Medien. Die Frau hat bei Instagram ein Foto von sich gepostet. Es dauerte nicht lange, dann schrieb ein Nutzer: "Ekelhaftes Volk wegen euch wird jeder krank. Zur hölle mit euch. !!! das du dich traust hier foto zu posten ist ein Schande !!" Dazu gab es weitere Kommentare, etwa: "Wie kann man Fledermaussuppe und Ratten essen - asoziales Volk!"

Die Familie hat bei der Polizei Anzeige deswegen erstattet. "Ich habe Angst, wenn ich in die Bahn steige oder abends mit dem Hund rausgehe", erklärt die Frau. "Das schränkt mich in meinem Alltag ein." Sie empfindet eine Stigmatisierung: "Wenn du asiatisch aussiehst, ist es derzeit egal woher du kommt - du bist Chinese." 

In Dresden leben mehr als 5.000 Personen, die entweder Chinesen oder Vietnamesen sind oder Deutsche, deren Eltern aus China oder Vietnam kommen.

Auch Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) hat eindringlich vor dieser neuen Form des Alltagsrassismus gewarnt. "Das geht gar nicht." Er fordert die Dresdner auf, dagegen vorzugehen und es nicht einfach geschehen zu lassen. 

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Die Frau berichtet, dass es vor der Corona-Zeit durchaus anders war. "In meiner Kindheit in Bautzen gab es viel Alltagsrassismus. Aber in Dresden habe ich bisher kaum negative Erfahrungen gemacht."

Jetzt sei sie aber wegen der Vorfälle mehr als verunsichert. "Ich traue mich kaum noch raus." Sie frage sich jedes Mal, wenn sie mit ihrer Tochter alleine ist, ob sie noch in die Stadt fahren könne. "Unsere Tochter ist klein. Sie versteht das natürlich nicht. Aber abends weint sie, weil ihr Papa mit jemandem geschimpft hat." Das war nach dem Erlebnis im Elbepark.

Auch ihre Familie in Bautzen erlebe jetzt solche rassistischen Anfeindungen, ebenso Freunde und Bekannte mit vietnamesischer Abstammung. Ihr 14-jähriger Bruder wurde auf der Straße beleidigt, er habe das Virus "eingeschleppt" oder wurde mit "du bist Corona" angesprochen.

"Wohin soll das noch führen?", fragt die Frau. "Es kann jetzt alles passieren. Ich spüre diesen Hass und sehe durchaus Parallelen zu Hanau." Im Februar wurden dort neun Personen mit Migrationshintergrund erschossen. Der Täter hatte offensichtlich rassistische Motive. 

Die Frau macht sich auch Sorgen darum, wie es nach Corona weitergeht. "Ich habe Angst, dass unsere Tochter in der Kita dann angefeindet oder gemobbt wird." So könnte ihr vorgeworfen werden, dass alle ihretwegen nicht in die Kita durften.

"Wir überlegen, ob wir jetzt aus Dresden wegziehen müssen", sagt sie. Aber das will die Familie eigentlich nicht. "Ich finde es feige, dass uns niemand direkt anspricht", sagt ihr Mann. "Ich würde mit diesen Menschen, die so etwas tun, diskutieren wollen." 

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