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Touristiker: "Wir sind am Boden"

Mehr als 200 Mitarbeiter der Reisebranche haben mit gelben Westen und liegend in Dresdens Innenstadt demonstriert. Es geht auch um das Geld ihrer Kunden.

Mitarbeiter der Tourismusbranche demonstrieren am Mittwoch in Dresden erneut für Hilfe vom Staat.
Mitarbeiter der Tourismusbranche demonstrieren am Mittwoch in Dresden erneut für Hilfe vom Staat. © Sven Ellger

Dresden. Vor zwei Wochen hatte Annett Specht noch eine Mitarbeiterin. "Doch 14 Tage sind lang in dieser Zeit", sagt die Reisebüro-Inhaberin aus Dippoldiswalde. Eine Zeit, in der wegen Reisewarnungen niemand einen Auslandsurlaub bucht, das Einkommen geschrumpft ist, die Nerven blank liegen. Die Mitarbeiterin habe gekündigt, erzählt Specht. Sie wolle einen neuen Job suchen. Ein Schritt, der ihr wehtue und der nicht hätte sein müssen, sagt sie. "Wir wollten bis zur Rente zusammenarbeiten."

Seit Wochen geht Annett Specht in Dresden auf die Straße, demonstriert, fordert ein staatliches Rettungspaket für die Reisebranche, wie es Großkonzerne wie Lufthansa und TUI schon bekommen haben oder bald bekommen werden. Sprach anfangs noch Sachsens Tourismusministerin Barbara Klepsch (CDU) den Demonstranten Mut zu, fühlen sie sich jetzt mehr und mehr ignoriert. "Es geht um die Anerkennung unserer Arbeit", sagt Specht und macht deutlich, wie sehr sie die Corona-Krise mitgenommen hat. Sie, die vielen sächsischen Reisebüros, seien es, die den Urlaubern sagen müssten, dass ihre Reise nicht stattfinden könne. Die vertrösten müssten, wenn das gezahlte Geld noch nicht erstattet wurde. 

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Specht spricht von teils hohen Außenständen der kleineren Reiseveranstalter, die vom Flug über die Reiseleitung bis zur Unterbringung vor Ort alles bezahlten, bevor die Reise überhaupt beginne. Freilich mit dem Geld der Kunden. Das Problem, schildert die Reise-Frau, sei, dass die Veranstalter das Geld nur schwer oder gar nicht zurückbekommen würden. "Einige Fluggesellschaften zum Beispiel scheren sich einen Teufel um Rückerstattungen", schimpft Specht.

Auch am Mittwoch ist kein sächsischer Regierungsvertreter der Einladung der Demonstranten gefolgt, auf dem Theaterplatz zu ihnen zu sprechen. Dass der Ministerpräsident, der Wirtschaftsminister und die Tourismusministerin zur selben Zeit in einer Kabinettsitzung beraten, lasse sie gelten, ruft sie den anderen Demonstranten auf dem Theaterplatz zu. "Sie sind entschuldigt." Aber, fragt Annett Specht: "Besteht unsere Regierung nur aus drei Mitgliedern?"

Mit neongelben Westen sind die rund 200 Demonstranten zuvor durch die Dresdner Innenstadt gezogen, haben sich aufs Pflaster der Sophienstraße gelegt, um zu symbolisieren: "Die Touristiker sind am Boden." Die Initiatoren sagen ausdrücklich, sie wollten ihre Westen als Warnwesten verstanden wissen, nicht als Sympathie zur Gelbwesten-Bewegung, die vor knapp zwei Jahren in Frankreich ihren Anfang nahm. 

Nationalisten und Anarchisten protestierten damals Seite an Seite für Steuersenkungen, Mindestlohn und direkte politische Mitsprache. Immer wieder kam es zu gewalttätigen Szenen, ausgehend von den Teilnehmern. Zu ihnen grenze man sich klar ab, erklärt Bernd Hoffmann vom Dresdner Reisebüroverein und macht klar, dass man die Verwechslungsgefahr in Kauf nimmt. "Nein, wir sind keine Pegida oder Nazis und möchten auch nicht in eine rechte Ecke gestellt werden, nur weil wir mit gelben Warnwesten auf unsere prekäre Lage aufmerksam machen müssen."

Die Touristiker fordern Geld. Geld, das nicht nur ausgegeben werden darf, um die Ladenmieten oder den Strom zu bezahlen, sondern um die Verluste der vergangenen Monate auszugleichen. Geld, das sie nicht zurückzahlen müssen. Unverständnis zeigen die Demonstranten darüber, dass ihr Anliegen am Dienstag in Berlin vertagt worden sei, stattdessen im Kabinett über eine Autokaufprämie debattiert wurde, um die Autoindustrie zu stützen.

Ein kleiner Lichtblick: Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) kippt zum 15. Juni die Reisewarnungen für mehrere europäische Länder, darunter Italien und Griechenland. Spanien soll folgen, wenn die dort geltende Einreisesperre am 21. Juni aufgehoben wird. Die Reisebranche hat angekündigt, weiter zu demonstrieren.

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